Die Selbstbewusstseinstheorie: Das Problem des Ich
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Henrichs systematischer Hauptbeitrag betrifft die Theorie des Selbstbewusstseins. Die Frage klingt einfach: Was heißt es, „Ich“ zu sagen? Was geschieht, wenn ein Bewusstsein sich seiner selbst bewusst wird?
Die traditionelle Antwort — so Henrich — war das Reflexionsmodell: Das Ich richtet sich auf sich selbst, wie ein Auge, das sich im Spiegel sieht. Bewusstsein wird sich seiner selbst bewusst, indem es sich zum Objekt nimmt.
Henrich argumentierte: Dieses Modell führt in einen infiniten Regress. Wenn ich mich erkenne, indem ich mich zum Objekt mache, dann muss ich bereits wissen, dass dieses Objekt ich bin. Aber woher weiß ich das? Durch eine weitere Reflexion? Dann brauche ich wieder ein Vorwissen, und so weiter ins Unendliche. Das Reflexionsmodell setze voraus, was es erklären soll.
Henrichs These lautete daher: Selbstbewusstsein ist nicht Resultat von Reflexion, sondern deren Voraussetzung. Es gibt eine ursprüngliche Selbstvertrautheit, die aller Reflexion vorausgeht. Ich bin mir immer schon vertraut, bevor ich anfange, über mich nachzudenken. Diese Vertrautheit ist nicht Wissen von einem Objekt, sondern eine andere Art von Bekanntschaft — präreflexiv, unmittelbar, aber nicht gegenständlich.