Hegel-Hörspiel

Eine Radiosendung des WDR anläßlich des 175 Todestages am 14.11.06
Autor: Marko Rösseler
Redaktion: Klaus Leymann


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(15 Min. 6,5 MB)


Das Drehbuch:

Musik: Streicher, aufgewühlt...

Schopenhauer: Hegel, ein platter, geistloser, ekelhaft-widerlicher, unwissender Scharlatan, der mit beispielloser Frechheit, Aberwitz und Unsinn zusammenschmierte...

Autor: Deutlicher geht es wohl kaum.

Schopenhauer: Tollhäuslergeschwätz / Afterweisheit

Autor: Es ist kein geringer, der da so schimpft. Es ist der Philosoph Arthur Schopenhauer.

Schopenhauer: Erbärmlicher Patron / Kopfverdreher / Absurditätenlehrer

Autor: Schopenhauer hat Hegel und seine Schriften offenbar nicht sonderlich gemocht...

Schopenhauer: Hohler Wortkram / philosophische Hanswurstiade / Zusammenschmieren sinnloser, rasender Wortgeflechte, wie man sie bis dahin nur in Tollhäusern vernommen hatte.

Musik: so.

Atmo: Stühlerücken, Hüsteln (Archiv)

O-Ton (Fachtagung): Ich darf die Nachmittagssitzung eröffnen, wir sind im Rahmenthema Römisch IV /.../... (redet weiter, darüber der Sprecher)

Autor (geflüstert): Wir sind zu Gast auf einer Fachtagung in Bonn. Philosophen aus sechs europäischen Ländern denken gemeinsam über Hegel nach...

O-Ton (Fachtagung – Wissenschaftler hält Vortrag): Bevor wir uns der Phänomenologie des wahren Geistes zuwenden wollen, sollten wir vielleicht einiges, was ohnehin schon gesagt wurde, einleitend zusammenfassen. (Vortrag wird fortgeführt, aber darüber der Sprecher)

Autor (geflüstert): Es geht um Hegels „Phänomenolgie des Geistes“ – Hegels erstes großes Werk. Vor ziemlich genau 200 Jahren ist es erstmals erschienen. „Phänomenologie“ – das ist schon schwer auszusprechen. Aber die Aussprache ist die geringste Hürde...

O-Ton (Tagung - Vortrag): Ich sag mal, in der Entwicklung der Formen des Beisichselbstseins des Bewusstseins in seinem jeweiligen Gegenstand ist ja schon im anfänglichen Selbstbewusstsein, nämlich in der Einheit seiner Verdopplung, der das Bewusstsein in seinem Anderssein für sich selbst ist, der Begriff des Geistes für uns vorhanden.

Autor: Haben Sie verstanden, worum es da geht? Nein? Ich auch nicht. Das hier ist eine Sitzung für Experten...

O-Ton (Houlgate): Ich bin Engländer, Stephen Houlgate, ich bin Universitätsprofessor an der Universität Warwick...

Autor: Professor Houlgate wird heute noch über Hegels Analyse der absoluten Freiheit referieren...

O-Ton (Houlgate): Ich habe eine Familie zuhause, meine Kinder wundern sich, was macht der Vater? Der sitzt oben und der liest seine Bücher und es kommt gar nichts dabei raus. Und wenn etwas dabei rauskommt, ist es langweilig, und wozu das alles?

Autor: Wer einen Text Hegels – zum Beispiel die Phänomenologie des Geistes - in die Hand nimmt, der stößt auf ellenlange Bandwurmsätze, auf Worte, die zwar Deutsch, aber trotzdem irgendwie unverständlich sind.

Hegel: Die lebendige Substanz ist als Subjekt die reine einfache Negativität, eben dadurch die Entzweiung des Einfachen, oder die entgegensetzende Verdopplung, welche wieder die Negation dieser gleichgültigen Verschiedenheit und ihres Gegensatzes ist.

Autor: Würden Sie das jetzt bitte mal in ihren eigenen Worten wiedergeben?

O-Ton (Hoffmann): Mein Name ist Professor Doktor Soeren Hoffmann und ich bin Philosoph an der Universität Bonn.

Autor: Soeren Hoffmann ist der Organisator und Leiter dieses Hegel-Experten-Treffens...

O-Ton (Hoffmann): In meinem allerersten Semester sagte mein erster Professor in Tübingen /.../ zu mir: Um die Phänomenologie des Geistes zu verstehen, brauchen Sie mindestens 10 Jahre. Das ist jetzt mehr als 20 Jahre her...

Autor: Und er ist immer noch mit dem Verstehen beschäftigt, sagt er. Hegel– da gibt es nichts zu deuteln – ist schwer zu verstehen.

Musik: s. o.

Hegel: Ich, Georg Wilhelm Friedrich, zuweilen auch Fridrich Hegel, geboren Stuttgart 27. August 1770.

Autor: So beginnt er selbst seinen Lebenslauf. Heute weiß jedes Lexikon, dass Hegel am 14. November 1831 in Berlin – wahrscheinlich an der Cholera – gestorben ist. Also heute vor 175 Jahren. Außerdem steht dort geschrieben:

Atmo: Ein Ton, der eine „Idee“ suggeriert – stets vor den Lexikon-Zitaten

Lexikon: Hegel – Hauptrepräsentant des Deutschen Idealismus.

Autor: Die Deutschen und idealistisch – was heißt das schon wieder?

Lexikon: Deutscher Idealismus, philosophische Bewegung, die sich bemüht, die gesamte Wirklichkeit aus einem geistigen Prinzip metaphysisch abzuleiten.

Autor: Metaphysisch?

Lexikon: Metaphysik – philosophische Disziplin, deren Erkenntnisinteresse über die Natur hinaus geht.

Autor: All dies zusammengefasst bedeutet...

O-Ton (Hoffmann): Es geht um alles. Und die Philosophie ist ja – wenn sie eine Kompetenz hat – dann die Wissenschaft, die mit der Kompetenz für alles – oder fürs Allgemeine ausgestattet ist.

Autor: Oder – um Hegel noch einmal selbst zu Wort kommen zu lassen...

Hegel: Das Wahre ist das Ganze.

Musik:

Autor: Um sich diesem Ganzen zu Nähern bedient sich Hegel einer ganz besonderen Methode. Diese Methode wird Dialektik genannt.

Lexikon: Dialektik - die Logik des Widerspruchs oder Methode kritischen, Gegensätze bedenkenden Philosophierens.

O-Ton (Hofmann): Das ist bei Hegel eine eiserne Regel des Denkens: /.../ Denke nicht von Deinem Bewusstsein allein aus, sondern denke die Möglichkeit, dass es ein anders verfasstes Bewusstsein und eine andere Sicht der Dinge gibt.

Autor: Beliebt ist in der Dialektik das voranschreitende Denken in drei Schritten. Dieser dialektische Dreiklang besteht aus...

Lexikon: Thesis, Antithesis, Synthesis

O-Ton (Hofmann): Das lernt man in der Schule, es steht bei Hegel nicht. Ich hab früher schon auch bei meinen Studenten mal einen Preis ausgesetzt für denjenigen, der mir das Zitat nachweist in den Werken Hegels – ist schwierig.

Autor: Aber bevor es noch schwieriger wird, hier mal ein Beispiel für Dialektik – sozusagen aus dem Leben....

Musik: Lustig beschwingt, dann passend zur Liebesgeschichte...

Autor: Da hätten wir den Peter...

Peter: Ich bin der Peter.

Autor: Der Peter ist ein mitten im Leben stehender, selbstbewusster, junger Mann. Selbstbewusstsein - ein wichtiges Wort bei Hegel: Sich seiner selbst bewusst.

Peter: Bin ich.

Autor: Also kann Peter mit Fug und Recht behaupten...

Peter: Ich bin.

Autor: Das ist die These.

Peter: Ich bin.

Autor: Nun passiert Folgendes. Peter lernt Petra kennen...

Peter: Oh!

Autor: Und fortan kreisen seine Gedanken nur noch um sie.

Peter: Petra!

Autor: Sie hören, den Peter hat es ganz schön erwischt. Er gibt sich ganz seiner Liebe zu Petra hin, er vergisst sich, denkt nur noch an sie - bis hin zur Antithese die da lautet...

Peter: Ohne Petra bin ich nichts.

Autor: Hegel würde sagen, Peter entäußert oder negiert sich. Nun hat die Geschichte aber ein Happy End, die beiden werden ein Paar. Und Peter ist:

Peter: Glücklich. Ein neuer Mensch.

Autor: Erst durch Petra hat Peter zu sich selbst gefunden. Das ist die Synthese. Simpel gestrickt die Geschichte? Nun ja, bei Hegel klingt das so:

Hegel : Das wahrhafte Wesen der Liebe besteht darin, das Bewusstsein seiner selbst aufzugeben, sich in einem anderen Selbst zu vergessen, doch in diesem Vergehen und Vergessen sich erst selbst zu haben und zu besitzen.

Autor: In der Liebe, sagt Hegel...

Hegel : ...findet sich das Leben selbst. Ein unendliches All des Lebens.

Autor: Und um dieses unendliche All des Lebens geht es...

Hegel : Das absolute Leben.

Autor: Oder auch schlicht:

Hegel : Das Absolute.

Autor: Hegel versucht nun, die Wirklichkeit aus dem Blickwinkel dieses Absoluten zu betrachten. Was aber ist das Absolute?

Hegel : Das Absolute ist der Geist; dies ist die höchste Definition des Absoluten.

Autor: Der Geist, das Absolute – sie können es auch Gott nennen. Immerhin hat Hegel Theologie studiert.

Hegel : Gott ist der absolute Geist.

Autor: Aber – und da unterscheidet sich Hegels Geist vom christlichen Gott: Er ist nicht statisch. Er entwickelt sich. Und zwar in ähnlicher Weise wie Peter aus der Liebesgeschichte: Er muss sich entäußern, negieren, sich aus einer anderen Perspektive betrachten, um sich so selbst zu finden.

Hegel: Der absolute Geist ist dieses, dass er sei das ewige sich selbst gleiche Wesen, das sich ein Anderes wird und dieses als sich selbst erkennt.

Musik: s. o.

Autor: Der absolute Geist, der sich selbst erkennt. Was ist damit gemeint?

Musik: kurz hochziehen...

O-Ton (Prof. Houlgate): Die Wahrheit entsteht nur dadurch, wenn man bereit ist, seine eigenen festgesetzten Gedanken aufzugeben. Und die Wahrheit entsteht gerade in diesem Prozess des auf sich selbst Verzichtens.

Autor: Der menschliche Geist ist für Hegel das, was dem Absoluten am nächsten kommt. Mehr noch: Er ist Teil des Absoluten, wenn nicht das Absolute selbst. Wenn wir denken, dann denkt eigentlich das Absolute. Wenn Hegel philosophiert – dann philosophiert eigentlich der Weltgeist. Wer bitte, werden Sie fragen, ist das schon wieder?

Lexikon: Weltgeist – zentral in Hegels Geschichtsphilosophie. In ihr wird die Weltgeschichte als Auslegung und Verwirklichung des allgemeinen Geistes begriffen.

O-Ton (Hoffmann): Weltgeist ist das, was uns jeweils immer alle betrifft, auch wenn wir uns vielleicht in verschiedenem Maße darüber klar sind, was uns das angeht.

Atmo: Pferd (elektronisch erzeugt)

Autor: Wie alles – so ist auch der Weltgeist nur in der Bewegung zu fassen. Voranschreitend, dialektisch, mitunter auch reitend...

Atmo: Galoppieren (s. o.)

O-Ton (Hoffmann): Es gibt dieses ganz berühmte Zitat, in dem Hegel davon spricht, er habe den Weltgeist als Person – nämlich auf dem Pferde reitend in Jena gesehen, das war vor 200 Jahren, also 1806...

Hegel : ...am Tage, da Jena von den Franzosen besetzt wurde, und der Kaiser Napoleon in seinen Mauern eintraf.

Autor: Obwohl die Truppen des Kaisers die Wohnung des Philosophen verwüsten und ihn komplett ausplündern, sieht er in Napoleon...

Hegel : ... die Weltseele.

O-Ton (Hoffmann): Und damit wollte Hegel eigentlich sagen, es gibt in der Geschichte sozusagen Kristallisationspunkte, Momente oder auch Individuen, die sozusagen in ihrem Bewusstsein den historischen Querschnitt oder den Stand der Dinge darstellen. Und auch in ihren Handlungen nicht einfach etwas Beliebiges tun, sondern etwas allgemein Relevantes.

Autor: Und die damit die Geschichte – im Sinne eines dialektischen Fortschritts – voranbringen. Denn, davon ist Hegel überzeugt, die Geschichte, und damit auch der Weltgeist, schreiten voran und zwar mit einem ganz bestimmten Ziel.

O-Ton (Hoffmann): Das Gute selbst. Das Gute, das selbst sein Zweck ist. /.../ das würde Hegel sagen, auch im Sinne eines Vernunftoptimismus, das würde ich auch in etwa so als seine Botschaft charakterisieren.

Autor: Wenn das alles so einfach wäre.

Musik: s. o.

Autor: Tatsächlich hatten schon die Zeitgenossen Probleme mit dem Verständnis der hegelschen Texte. Und berüchtigt waren die Vorlesungen des Philosophieprofessors. Einer seiner Studenten erinnert sich.

Student (Rüger): Abgespannt, grämlich saß er mit niedergebücktem Kopf in sich zusammengefallen da und blätterte und suchte immer fortsprechend in den langen Folioheften vorwärts und rückwärts, unten und oben; das stete Räuspern und Husten störte allen Fluss der Rede, jeder Satz stand vereinzelt da und kam mit Anstrengung zerstückt und durcheinandergeworfen heraus.

Autor: Nein, ein rhetorisches Talent war Hegel sicherlich nicht. Ein schwäbelnder Professor, zuletzt mit einer einigermaßen dotierten Stelle an der Berliner Universität. Trotzdem sind seine Vorlesungen stets übervoll. Ganz im Gegensatz zu denen seines Kollegen Arthur Schopenhauer.

Schopenhauer: Hegel hat den intellektuellen Verderb einer ganzen gelehrten Generation zur Folge gehabt.

Autor: Damit liegt Schopenhauer definitiv daneben. Hegel wird mehr als nur eine Generation von Gelehrten prägen. Denn weil Hegel das Ganze im Blick hat, versuchen die Philosophen auch heute aktuelle Fragen durch die Augen Hegels zu betrachten...

O-Ton (Prof. Houlgate): Viele Leute, die wollen halt, dass der Staat alles bezahlt, aber die wollen keine Abgaben geben, das ist klar. Wir haben alle eigentlich widersprüchliche Triebe. Was Hegel zeigt ist die Logik dieser Widersprüchlichkeit und wie sich daraus eine bestimmte Wahrheit entwickelt.

O-Ton (Hofmann): Er ist eigentlich auch einer der letzten gewesen, der diese Aufgabe, über alles zusammenhängend und über alles mit Sinn und Verstand was zu sagen, der sich dieser Aufgabe gestellt und sie durchzuführen versucht hat. Nachher kamen die Kleingärtner.

Musik: Melodie der Internationalen...

Autor: Einer der berühmtesten dieser Kleingärtner ist wohl Karl Marx – auch der hat Hegel gelesen. Und da gibt es ein für ihn ganz besonders wichtiges Kapitel...

O-Ton (Prof. Houlgate): Also das berühmte Verhältnis von Herr und Knecht.

Autor: Sie könnten auch sagen Arbeiter und Kapitalist oder Angestellter und Chef...

O-Ton (Prof. Houlgate): Man hat den Herrn, der den armen Knecht dominiert. Und der arme Knecht, der läuft überall und muss alles herholen, und der Herr sitzt da und genießt das Leben halt. Und man meint, das wäre ungerecht, was kann man dagegen machen?

Autor: Aber – und das kennen Sie jetzt schon – Hegel geht dialektisch vor. Das heißt: Er betrachtet das Verhältnis von beiden Seiten....

O-Ton (Prof. Houlgate): Er zeigt, dass diese Struktur der Dominanz widersprüchlich ist. Warum? Weil der Herr in seiner Dominanz eben von dem Knecht abhängig ist. /.../ Dadurch wird die Herrschaft dann so innerlich untergraben. /.../ Daraus wird der Marxismus später /.../. Obwohl Marx natürlich eine ganze Menge bei Hegel vernachlässigt hat.

Autor: Und so richtig verstanden, meint Professor Houlgate, habe Marx seinen Lehrer auch nicht.

O-Ton (Prof. Houlgate): Und man weiß natürlich auch, was durch ihn angerichtet worden ist.

Autor: Um jetzt noch weiter über Karl Marx zu schimpfen, bleibt aber keine Zeit – und ist ja auch nicht das Thema. Und außerdem: Wenn jemand Hegel nicht versteht, dann ist das ja auch nicht verwerflich.

Schopenhauer : Kopfverdreher / Unsinnschmierer

Autor: Sagt Schopenhauer.

Schopenhauer : Scharlatan...

Autor: Nun ja. Einigen wir uns vielleicht darauf – Hegel ist einfach schwer zu verstehen. Wäre doch ein passender Schluss-Satz.

Schopenhauer : Philosophie des absoluten Unsinns!

Autor: Psst! Ruhe jetzt!

 



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