Kommentar zur Naturphilosophie, Kapitel 11

Die Newton-Kritik

Hier liegt die berüchtigtste Stelle des Bandes, und sie ist zweigeteilt: Ein Teil der Kritik trägt, ein anderer nicht.

Was trägt. Hegel wendet sich dagegen, die Planetenbewegung aus zwei Kräften zu erklären — einer Zentripetal- und einer Zentrifugalkraft —, die einander die Waage halten. Sein Einwand: Was da als zwei Kräfte auftritt, ist eine Bewegung, die man nachträglich zerlegt hat; die Zerlegung ist ein Rechenverfahren, keine Auskunft über die Sache. Und er hat recht darin, dass die Zentrifugalkraft im Inertialsystem keine Kraft ist — das ist heute Lehrbuchwissen.

Wogegen es sich nicht ausspielen lässt. Hegels eigene Alternative ist schwächer. Auch bei der Farbenlehre ist zu unterscheiden: Stekeler hält fest, dass Hegel Goethe nicht gegen die Optik in Schutz nimmt, sondern gegen einen dogmatischen Reduktionismus — gegen die These, Farben seien nichts anderes als Ergebnisse der Brechung weißen Lichts.[1] Der Einwand richtet sich gegen das „nichts anderes als“, nicht gegen die Messung. Das rettet Hegels Farbenlehre nicht; es sagt nur, wogegen sie sich richtet. Neuser hält zudem fest, dass Hegel qualitativ genau das teilt, was Newtons Leistung ausmacht: Mechanik auf der Erde und Himmelsmechanik mit einheitlichen Gesetzen zu beschreiben.

Die eigentliche Differenz liegt woanders, und sie ist interessanter: Hegel fasst das Planetensystem als ein System, dessen Einheit sich in den wechselseitigen Beziehungen konstituiert. Er wendet sich gegen die Darstellung bei Newton und Lagrange, in der das System schrittweise aufgebaut erscheint — bei Lagranges Störungsrechnung wird zu Sonne und erstem Planeten jeweils ein weiterer hinzugedacht. Das ist ein rechentechnisches Verfahren; Hegel liest es als Sachaussage und widerspricht.[2]

Ob der Widerspruch berechtigt ist, hängt daran, ob man eine Rechenmethode für eine Aussage über den Gegenstand hält. Der Streit ist damit keiner über Physik, sondern über ihre Deutung — und in dieser Form nicht erledigt. [KF]


  1. Ebd., zur Farbenlehre und zur Kritik der Emissionstheorie. ↩︎

  2. Ebd., III.2.3. ↩︎