Kommentar zum subjektiven Geist, Kapitel 26

Hösles Einwand gegen die Anordnung

Er geht weiter als die Beobachtung, dass die Psychologie keine Intersubjektivität thematisiert — er hält die Reihenfolge für fragwürdig, und das Argument ist ernst zu nehmen:

„Es kann jedem unbefangenen Leser nur überraschend erscheinen, dass auf das allgemeine Selbstbewusstsein nicht unmittelbar der objektive Geist folgt. In der weiteren Entwicklung nähert sich keine Kategorie dem Hegelschen Begriff der Sittlichkeit so sehr wie das allgemeine Selbstbewusstsein: warum also sind diese beiden Kategorien voneinander getrennt?[1]

Und die Frage, die er daran anschließt: „In welchem Sinn sind Anschauung, Vorstellung und praktisches Gefühl etwas Komplexeres als das allgemeine Selbstbewusstsein?“

Sein Vorschlag: Was Hegel im Kapitel über das Selbstbewusstsein behandelt, gehöre ans Ende der Philosophie des subjektiven Geistes — weil es dem, was heute Sozialpsychologie heißt, am nächsten steht und weil es unmittelbar zum objektiven Geist führt.

Der Einwand hat Gewicht, und er lässt sich nicht mit dem Hinweis abtun, die Reihenfolge sei eben so. Denn die Anerkennung ist tatsächlich gehaltvoller als die Anschauung — gemessen an dem, was darin vorkommt.

Was sich dagegen sagen lässt: Hegel ordnet nicht nach Gehalt, sondern nach der Form des Selbstbezugs. Das allgemeine Selbstbewusstsein ist reich an Inhalt und arm an Selbstbestimmung — der Geist weiß sich im anderen, aber er bestimmt den Inhalt seines Wissens und Wollens noch nicht. Genau das leistet die Psychologie, und deshalb steht sie danach.

Die Frage ist also, welches Ordnungsprinzip gilt — und darin trifft Hösle eine echte Unentschiedenheit. Hegel selbst hat die Reihenfolge mehrfach umgebaut (siehe die Sequenz des theoretischen Geistes), was zeigt, dass er sich der Frage bewusst war und keine endgültige Antwort gefunden hat. [KF]


  1. Hösle, Hegels System, Kap. 6.3.4 („Die Abfolge der Bestimmungen in der enzyklopädischen Phänomenologie: einige Probleme“). Er nennt dort vier Aspekte; der erste ist der hier behandelte. ↩︎