Kommentar zum subjektiven Geist, Kapitel 12
Die fünf Sinne — und warum Hegel sie für vollständig hält
An der Empfindung hängt eine Behauptung, die zunächst befremdet: Die Fünfzahl der Sinne sei nicht zufällig, sondern begrifflich bestimmt. „Es ist also nicht zufällig, daß es fünf Sinne gibt, sondern eine Notwendigkeit des Begriffs; weniger kann es geben, aber nicht mehr, denn diese sind die Totalität.“[1]
Das Argument stammt aus der Naturphilosophie. Die Sinne entsprechen den Elementen und den drei Sphären des Physikalischen: Tastsinn für die Erde und das Mechanische, Geruch für die Luft, Geschmack für das Wasser, Gesicht und Gehör für Licht und Klang.
Weniger Sinne kann es geben — bei Tieren, die auf einen engen Wirkungskreis beschränkt sind. Mehr nicht, weil die Reihe der Naturbestimmungen erschöpft ist.
Und Hegel liefert selbst das Gegenbeispiel. Er notiert, dass „in Schwaben man Riechen und Schmecken nicht unterscheidet“ — beides heißt dort „Schmack“. Stederoth zieht daraus die naheliegende Pointe: Was für die Tiere gilt, gälte dann auch für Hegels Landsleute.
Der Einwand ist ernster, als der Scherz vermuten lässt. Wenn eine Sprachgemeinschaft zwei Sinne nicht unterscheidet, dann ist die Zahl der Sinne keine Sache der Natur allein, sondern auch der Unterscheidungen, die man trifft. Und dann ist sie nicht begrifflich abzuleiten.
Was bleibt: Die Zuordnung zu den Elementen trägt nicht — sie hängt an einer Naturphilosophie, die ihrerseits überholt ist. Was trägt, ist die Frage, die dahintersteht: ob die Sinne eine Ordnung bilden oder eine Aufzählung sind. Dass ein Wesen mit anderen Sinnen anders empfände, bestreitet niemand; dass es deshalb weniger Welt hätte, ist eine Behauptung, die zu begründen wäre. [KF]
Und daraus die Wendung gegen die Gefühlsphilosophie, die Hegel an dieser Stelle einschiebt: „Das Gefühl ist, wie gezeigt, nur Form für jeden Inhalt.“
Wer sagt, auf das religiöse Gefühl komme es an, sagt damit nichts über den Inhalt — denn dieselbe Form trägt jeden. Die Nachschrift Walters hält Hegels Zuspitzung fest: Es sei „der Standpunkt, wobei man ungeduldig wird gegen Betrachtung.“
Das ist keine Nebenbemerkung. Es ist der Grund, warum die Empfindung nicht das Letzte sein kann — eine Form, die jeden Inhalt trägt, unterscheidet nicht zwischen ihnen. [KF]
Die zwei Richtungen (§ 401)
Hegel unterscheidet, was von außen kommt und was von innen, und beide Bewegungen gehen gegeneinander:
Von außen nach innen: „Was die empfindende Seele in sich findet, ist einerseits das natürliche Unmittelbare, als in ihr ideell und ihr zueigen gemacht.“ Das Empfundene wird angeeignet.
Von innen nach außen: Umgekehrt werde das ursprünglich dem Fürsichsein Angehörige „zur natürlichen Leiblichkeit bestimmt“ — Zorn wird zur geballten Faust, Scham zur Röte.
Erdmanns Nachschrift führt das aus, und zwar an einer Reihe, die im Druck fehlt: Zorn, Scham, Angst, Schreck, Weinen und Lachen.
Der Grundgedanke ist überall derselbe: Diesen Äußerungen liege „die Empfindung eines Widerspruchs zugrunde“. Beim Weinen sei „mein Selbst, Lebensgefühl verletzt, ich empfinde seine Negativität — das ist der Widerspruch.“[2]
Und die Scham bestimmt er über den Zorn: „Scham ist auch ein Zorn — Unwillen über das Erscheinen in einer gewissen Art […] auch ein Beginn des Zorns im Unwillen über sich.“
Warum Tränen erleichtern, erklärt er aus der Verleiblichung selbst: „es ist eine Krisis, wo die innere Bestimmtheit zur Empfindung wird und sich bis zu Tränen äußert […] indem die Empfindung diese Äußerlichkeit gewinnt, hört die Oppression der Brust auf. Ist der Schmerz inwendig konzentriert, daß er nicht zu Tränen kommen kann, so ist er noch stärker, kann Krankheiten, Tod hervorbringen.“
Das ist die Bewegung von innen nach außen in ihrer deutlichsten Gestalt. Was nicht hinauskommt, staut sich — und die Verleiblichung ist keine Folge des Gefühls, sondern seine Vollendung.
Hegel schließt daran eine kulturgeschichtliche Bemerkung an, die zeigt, wie ernst er es meint: „Damit hängen die Klageweiber der Alten zusammen“ — eine Einrichtung, die dem Schmerz die Äußerung verschafft, wo sie sich nicht von selbst einstellt. [KF]
Das ist der Grund, warum die Anthropologie beim Leib endet. Was hier als doppelte Bewegung beginnt, wird in § 411 zur Verleiblichung: Der Leib ist dann nicht mehr das, woran Empfindungen geschehen, sondern das, worin sich ein Inneres ausdrückt. [KF]
Wie daraus die fühlende Seele wird (§ 402)
Der Übergang steht in einem einzigen Satz, und er ist der genaueste Schritt der ganzen Anthropologie:
Die Empfindungen seien „einzelne und vorübergehende Bestimmungen, Veränderungen in der Substantialität der Seele […] Aber dieses Fürsichsein ist nicht bloß ein formelles Moment des Empfindens; die Seele ist an sich reflektierte Totalität desselben — Empfinden der totalen Substantialität, die sie an sich ist, in sich, — fühlende Seele.“
Was hier geschieht: Die einzelnen Empfindungen kommen und gehen. Das, was sie hat, bleibt — und zwar nicht als leeres Behältnis, sondern als etwas, das sich in ihnen selbst empfindet.
Damit ist der Schritt getan, um den es geht: von einem, der Empfindungen hat, zu einem, der sich in ihnen hat. Und genau daran knüpft die Aufgabe an, die § 403 stellt.
Vorlesung zur Naturphilosophie 1819/20 (NPh 135), zitiert bei Stederoth, a. a. O., S. 184 f.; die Schwaben-Stelle nach den Nachschriften Walter (Wl 79) und Griesheim (Gr 142). ↩︎
Vorlesungen über die Philosophie des Geistes. Berlin 1827/1828, Nachschrift Erdmann, zur natürlichen Seele (85, 995 ff.). ↩︎