Kommentar zum subjektiven Geist, Kapitel 15

Der Leib als Zeichen

Am Ende ist die Seele „in ihrer durchgebildeten und sich zu eigen gemachten Leiblichkeit als einzelnes Subjekt für sich“ — und der entscheidende Satz lautet:

„Diese Äußerlichkeit stellt nicht sich vor, sondern die Seele, und ist deren Zeichen“ (§ 411).

Das ist präziser, als es klingt. Ein Zeichen ist nicht ein Abbild und nicht eine Wirkung. Die aufrechte Haltung, der Blick, die Hand, der Gesichtsausdruck — sie zeigen nicht, wie es im Inneren aussieht, sondern sie sind die Weise, in der dieses Innere da ist.

Was zum menschlichen Ausdruck gehört, zählt Hegel auf: „die aufrechte Gestalt überhaupt, die Bildung insbesondere der Hand, als des absoluten Werkzeugs, des Mundes, Lachen, Weinen usw. und der über das Ganze ausgegossene geistige Ton, welcher den Körper unmittelbar als Äußerlichkeit einer höheren Natur kundgibt.“

Die Leiblichkeit sei „das Kunstwerk der Seele“ und habe „pathognomischen und physiognomischen Ausdruck“ — also den beweglichen Ausdruck der Gesten und Mienen und den bleibenden der Gesichtszüge.

Und dann die Einschränkung, die ihn vor der Physiognomik rettet. Der geistige Ton sei „eine so leichte, unbestimmte und unsagbare Modifikation“, weil die Gestalt als Natürliches „nur ein unbestimmtes und ganz unvollkommenes Zeichen für den Geist sein kann“. Die Gestalt ist in ihrer physiognomischen Bestimmtheit „ein Zufälliges“ — und daraus das harte Urteil: „die Physiognomik, vollends aber die Kranioskopie zu Wissenschaften erheben zu wollen, war daher einer der leersten Einfälle.“

Das ist bemerkenswert genau. Der Leib drückt aus — aber unvollkommen, unbestimmt, zufällig in den Einzelheiten. Wer daraus eine Wissenschaft machen will, verwechselt ein Zeichen mit einem Beweis. Hegel hat damit Lavaters Physiognomik und Galls Schädellehre verworfen, beide zu seiner Zeit in Mode.

Und die Kraniologie ist nicht das einzige Ziel. Gall war kein Scharlatan, sondern der erste, der die kognitiven Funktionen an die Großhirnrinde band — eine Aussage, die sich durchgesetzt hat. Was Hegel trifft, ist nicht die Bindung an das Gehirn, sondern der Schluss von der Stelle auf das Vermögen.

Der Einwand lässt sich in einem Satz sagen: Ein Vermögen ist keine Sache, die irgendwo liegt. Was einer kann, zeigt sich in dem, was er tut, nicht an einer Wölbung — und auch nicht an einem Areal.

Damit steht die Kritik gegen eine Denkform, nicht gegen einen Befund — und deshalb überdauert sie ihren Anlass. Der Neurophysiologe Detlev Linke hat sie auf die Lokalisationsmodelle der Gegenwart bezogen, die „in der Psychometrie den Verbündeten gefunden [haben], um eine Ontologie des Stückwerks zu fundamentieren“.[1]

Das ist die Stelle, an der Hegels Anthropologie heute etwas zu sagen hat — nicht gegen die Hirnforschung, sondern gegen eine bestimmte Art, ihre Befunde zu deuten: als Zuordnung von Vermögen zu Orten. Dass ein Areal beteiligt ist, wenn jemand spricht, sagt nicht, dass dort das Sprechen sitzt.

Und der Grund dafür steht in der Anthropologie selbst: Der Leib ist Zeichen, nicht Behälter. Ein Zeichen zeigt etwas an; es enthält es nicht. [KF]

Eine Bemerkung zur Wirkung dieses Arguments gehört dazu. Es ist in der Debatte, auf die es zielt, nicht angekommen.

Stederoth stellt das nüchtern fest: In den Auseinandersetzungen der Neurowissenschaften und der Philosophie des Geistes „wird man den Namen Hegel fast vergeblich suchen“. Michael Wolffs Das Körper-Seele-Problem (1992), ausdrücklich als Beitrag zu beiden Seiten gedacht, sei „insofern leider fehlgeschlagen, als er eben nur in der Hegelforschung Beachtung findet“. Die einzige Ausnahme sei Linke — ein Neurophysiologe, der allerdings auch Philosophie studiert hat.

Das ist zwanzig Jahre her, und im deutschsprachigen Raum sind seither weitere Arbeiten erschienen — bei Königshausen & Neumann und aus dem Umfeld der marxistischen Hegel-Rezeption. An der Lage hat sich wenig geändert.

Woran das liegt, ist nicht schwer zu sehen. Ein Einwand, der die Deutung von Befunden betrifft und nicht die Befunde, hat keinen Ort in einer Debatte, die sich als empirisch versteht. Er müsste auf der Ebene der Begriffe geführt werden — und dort fühlt sich niemand zuständig, der Messungen vorlegen kann.

Für diesen Band folgt daraus nichts über die Richtigkeit. Es folgt nur, dass die Aktualität eines Gedankens und seine Wirkung zweierlei sind — und dass man das eine nicht am anderen messen darf. [KF]

Und er sagt, was das vollkommenere Zeichen ist: „für den Geist ist sie nur die erste Erscheinung desselben und die Sprache sogleich sein vollkommener[er] Ausdruck.“ Für das Tier sei die menschliche Gestalt das Höchste — für den Geist der Anfang. [KF]

Damit ist die Aufgabe aus § 403 gelöst: Was einer an leiblichen Zuständen vorfand, ist nicht mehr etwas, das ihm geschieht, sondern etwas, worin er sich ausdrückt. Er ist Macht seiner selbst geworden — nicht indem er den Leib beherrscht, sondern indem der Leib zu seinem Ausdruck wurde.

Warum es hier nicht bleiben kann

Der Übergang in § 412 wird oft überlesen, weil er in einem einzigen Satz steht. Sein Grund ist aber angebbar.

„An sich hat die Materie keine Wahrheit in der Seele; als fürsichseiende scheidet diese sich von ihrem unmittelbaren Sein und stellt sich dasselbe als Leiblichkeit gegenüber, die ihrem Einbilden in sie keinen Widerstand leisten kann.“

Und genau darin liegt der Mangel. Was keinen Widerstand leistet, gibt auch keine Auskunft. Die Leiblichkeit ist in der wirklichen Seele so vollständig angeeignet, dass sie nichts mehr entgegensetzt — und deshalb ist an ihr nichts mehr zu erfahren.

Die Seele braucht ein Gegenüber, das sich nicht einbilden lässt. Hegels Formulierung: Sie unterscheidet ihre Realität von sich „als ein Anderes“, an dem sie sich „als an ihrer nur seienden Bestimmtheit bricht, — die als ein vom Subjekt verschiedenes Objekt sein soll. Die Seele so als Ich ist das unendliche Fürsichsein, — Bewußtsein“ (§ 412).

Der Übergang ist also nicht behauptet, sondern begründet: Eine Aneignung, die vollständig gelingt, hebt sich selbst auf. Wo nichts mehr widersteht, ist nichts mehr zu erfahren — und deshalb muss etwas gegenübertreten, das nicht angeeignet ist. Das ist der Gegenstand, und damit beginnt die Phänomenologie.

Der Leser kann diesen Schritt selbst vollziehen: Man prüfe, was man an einer Sache erfährt, die keinen Widerstand leistet. [KF]

Was die Anthropologie im ganzen entwickelt hat

Rückblickend lässt sich der Gang in einem Satz sagen: Wie aus dem, was einer vorfindet, das wird, was er ist.

Die natürliche Seele hat ihre Bestimmtheiten — Klima, Herkunft, Temperament, Lebensalter. Die fühlende Seele verhält sich zu ihnen, und zwar so, dass sie misslingen kann: Wer eine Besonderheit nicht verarbeitet, wird von ihr beherrscht. Die wirkliche Seele hat sie sich zu eigen gemacht, so vollständig, dass der Leib zum Ausdruck geworden ist.

Und dann, an der Grenze des Gelingens, der Umschlag: Was ganz angeeignet ist, gibt nichts mehr zu erfahren.

I.4 Die Phänomenologie (§§ 413–439)


  1. Detlev B. Linke, zitiert bei Stederoth, a. a. O., S. 112. Zu Galls Stellung in der Geschichte der Hirnforschung ebd., S. 113 f. ↩︎