Kommentar zum subjektiven Geist, Kapitel 38
Der Angriff (1842)
Franz Serafin Exner (1802–1853) war Herbartianer — und seine Schrift Die Psychologie der Hegelschen Schule (1842) zielte gezielt auf den subjektiven Geist als den neuralgischen Punkt der Realphilosophie. Sein Verfahren ist wissenschaftlich-nüchtern, nicht dogmatisch wie das der theologischen Gegner, und gerade das machte es wirksam.
Die Forderung nach Gesetzen
Sein Einwand ist immanent, und das macht ihn stark. Er fordert nicht, die Hegelianer sollten etwas anderes tun, sondern hält ihnen vor, was sie selbst versprochen haben.
Seine Forderung an eine Psychologie: Sie müsse Gesetze der Seelenzustände angeben. „Man hat zu wählen zwischen Ursachen und Gesetzen ihres Wirkens, oder dem blinden Zufalle.“ Und dass Menschen erziehbar sind, entscheide die Wahl — eine Wissenschaft des rein Zufälligen gäbe es nicht.
Dann nimmt er die Autoren beim Wort: Rosenkranz nenne es „eine gerechte Forderung des empirischen Bewußtseins, sich in den Begriffen der Spekulation wieder zu finden“; Erdmann erkläre in § 3, sein Werk umschließe „sowohl die empirische als rationale Psychologie“. Die Inhaltsverzeichnisse enthielten „die gangbaren Namen der bekanntesten Seelenzustände“.
„Somit ist die Aufgabe, das Gegebene aufzufassen, anerkannt. Zu bezweifeln ist jedoch, ob die Verfasser sich auch für verpflichtet halten, die Gesetze der Seelenzustände anzugeben.“[1]
Das ist keine Kritik von außen. Exner wirft den Hegelianern nicht vor, keine Herbartianer zu sein — er fragt, ob sie einlösen, was sie ankündigen.
Die drei Einwände
Er führt drei Einwände, und alle drei treffen Stellen, die dieser Band bearbeitet.
Der Konstruktionsvorwurf: Hegel beschreibe Empfindung, Bewusstsein und Gedächtnis nicht aus der Erfahrung, sondern konstruiere sie logisch — er wisse vorher, was herauskommen müsse.
Die Verwechslung von Logik und Realität: Hegel verwechsle Begriffsentwicklung mit realen Kausalverhältnissen. Für Exner als Herbartianer ist die Seele ein reales Ding; für Hegel ein Moment des Geistes.
Das Divergenz-Argument: Er vergleicht die Darstellungen bei Rosenkranz, Michelet und Erdmann und weist nach, dass sie nicht übereinstimmen. Wäre Hegels Philosophie Wissenschaft, müssten sie identisch sein.
Der zweite Einwand ist der interessanteste, weil Hegel ihn vorweggenommen hat. Genau die Warnung, die Erdmanns Nachschrift überliefert — man müsse sich „solche Fragen versagen wie: wenn die physische Beschaffenheit so ist, wie ist die geistige“ —, sagt, warum das Kausalmodell hier nicht gilt. Exner unterstellt eine Verwechslung, wo eine Unterscheidung gemacht wird.
Drüe fasst die Kritik in zwei Punkte, und die Zuspitzung ist schärfer: Exner werfe Hegel vor, „daß 1. seine Psychologie unfruchtbar geblieben und daß 2. die Dialektik auf Psychologie überhaupt nicht anwendbar sei.“
Der zweite Punkt trägt die Hauptlast. Exner gehe davon aus, „daß Hegel die Existenz der Seelenvermögen nicht in ihrem Eigenrecht anerkenne, sondern sie dialektisch erst produziere, dann aber wieder aufhebe. In Wirklichkeit sei diese angebliche dialektische Produktion jedoch von der Erfahrung erschlichen.“
Und der Kern des Dialektik-Vorwurfs: „Die dialektische Methode mache B nur aus A und Non-A usw. in infinitum. Ihr angebliches Weiterschreiten bestehe nur im Aufnehmen nicht selbst erzeugter Begriffe, die als eigene Produkte ausgegeben würden.“
Das ist der Erschleichungsvorwurf — und er ist der stärkste der drei, weil er nicht die Ergebnisse angreift, sondern das Verfahren: Was als Entwicklung auftritt, sei in Wahrheit Aufnahme von außen mit nachträglicher Verkleidung.
Drüe zeigt auch, worauf Exner sich stützt: die Beobachtung, dass Hegels Begriffsbildungen „merkwürdig gespalten sind“ — in der Anthropologie, den ethnographischen und physiologischen Partien lebten sie „fast nur von der Aufnahme externer Stoffe“, in anderen Teilen anders.
Diese Beobachtung ist richtig, und dieser Band bestätigt sie — er hat gezeigt, dass Hegels Naturbestimmungen von Reiseberichten und Physiologen stammen. Die Frage ist, ob daraus folgt, was Exner schließt.
Sie folgt nicht, und der Grund liegt in einem Missverständnis dessen, was die Logik tut. Exner setzt voraus, Hegel wolle die Gegenstände aus dem Begriff hervorbringen — wie ein Zauberer das Kaninchen aus dem leeren Hut. Dann wäre jede Aufnahme von außen eine Erschleichung.
Hegel selbst hat das Missverständnis vorweggenommen, mit einem Vergleich, der die Sache entscheidet: Es sei mit dem Denken wie mit dem Verdauen — man verdaut ohne Physiologie und denkt ohne Logik (Enz. I, § 19).
Die Physiologie erzeugt weder den Körper noch das Essen. Sie legt aus, was ohnehin geschieht — und niemand wirft ihr vor, sie habe die Verdauung von außen genommen und als eigenes Produkt ausgegeben.
Ebenso die Logik: Sie ordnet die Gegenstände und macht ihre implizite Ordnung explizit. Dass das Geordnete von woanders kommt, ist kein Mangel, sondern die Bedingung der Sache. Was Hegel beansprucht, ist nicht die Erzeugung des Stoffs, sondern die Angemessenheit der Ordnung.
Damit verschiebt sich, was zu prüfen wäre. Nicht: Hat Hegel den Stoff selbst erzeugt? Sondern: Ist die Ordnung, die er angibt, die des Gegenstands — oder eine, die ihm übergestülpt wird? Das ist eine Frage, die sich Fall für Fall entscheiden lässt, und dieser Band hat sie an mehreren Stellen entschieden — mal so, mal anders.
Vgl. [[kleine-logik]] (optional), Vorwort.
Das Divergenz-Argument trifft eine reale Abweichung — und es lohnt, sie anzusehen, statt sie zu bestreiten.
Exner hat also recht, dass die Fassungen abweichen — und zwar an der Architektur, nicht nur in Einzelheiten. Aber die Abweichung hat einen Grund, den man prüfen kann.
Und doch trifft er eine Stelle, die dieser Band selbst bearbeitet. Wir haben gezeigt, dass Hegel die Gliederung mehrfach ändert, ohne es zu sagen — die Sequenz des theoretischen Geistes, die Umkehrung der natürlichen Veränderungen, der späte Einschub des freien Geistes. Exner hätte das nicht wissen können; er verglich nur die Schüler. Wer die Nachschriften hat, findet mehr Abweichungen, als er behauptete.
Der Unterschied liegt in der Folgerung. Exner schließt: also keine Wissenschaft. Man kann ebenso schließen: also ein Denken, das sich korrigiert. Welche Folgerung zutrifft, entscheidet sich daran, ob die Änderungen Gründe haben — und wo sie sich angeben lassen (beim Gedächtnis, bei den Veränderungen), spricht das gegen Exner.
Die Erwiderungen (1843–1847)
Rosenkranz antwortet am ausführlichsten. Die zweite Auflage seiner Psychologie (1843) trägt den Zusatz auf dem Titelblatt: „Nebst Widerlegung der vom Herrn Dr. Exner gegebenen vermeintlichen Widerlegung der Hegel’schen Psychologie“, und der Anhang geht die Kritikpunkte in vierundzwanzig Abschnitten durch.
Erdmann antwortet knapp — und das hat System. Schon in der Vorrede zur zweiten Auflage (1842) hatte er erklärt, warum er Polemik aus einem Lehrbuch heraushält:
„Eine Polemik gegen Ansichten, welche der Zuhörer nicht kennt, eine Vertheidigung gegen Angriffe, die ihm fremd sind, halte ich nicht nur für überflüssig, sondern, da dadurch die Continuität der Untersuchung unterbrochen wird, geradezu für schädlich.“[2]
Und zugleich sagt er, wie er mit Kritik umgeht: Wo sie ihn überführe, folge er ihr; wo nicht, gehe er mit Stillschweigen darüber hinweg.
Das erklärt die Kürze der Antwort von 1847. Dort begnügt er sich mit einer Bemerkung am Ende des Vorworts: Er habe Fehler, die ihm einleuchteten, korrigiert — aber daraus zu schließen, die Hegelsche Philosophie sei falsch, sei so, als behaupte man, der Calculus sei falsch, weil sich jemand verrechnet habe.
Das ist das bessere Argument, und es trifft Exners Verfahren genau: Fehler in der Anwendung einer Methode widerlegen die Methode nicht.
Die sachliche Antwort
Die Antwort darauf steht bei Rosenkranz selbst — in dem Satz über das Gerüst: Dass eine Methode missbraucht werden kann, zeigt nicht, dass sie keine ist. Und Abweichungen in der Durchführung zeigen nur dann Unwissenschaftlichkeit, wenn eine Wissenschaft in ihrer Darstellung eindeutig sein müsste — was für keine gilt, die etwas entwickelt statt aufzuzählen.
Exners Replik (1844)
Das zweite Heft heißt „Die Erwiderungen der Herren K. Rosenkranz und J. E. Erdmann“. Es beginnt mit einer Klage über den Ton:
„Man hat aber, statt mit jener Strenge, welche ich selbst gewollt und herausgefordert, meine Ansichten zu bekämpfen, sich für berechtigt gehalten, Beschuldigungen gegen meine Person vorzubringen.“[3]
Rosenkranz hatte einen Abschnitt „Die moralische Insinuation“ überschrieben und darin beklagt, „daß bei philosophischen Streitigkeiten der Vorwurf selten auszubleiben pflegt, daß der Gegner eine für die Moral verderbliche Lehre aufstelle“ — was Exner als eben solchen Vorwurf gegen sich liest.
Und dann macht er den Ton zum Argument: „Da übrigens der Geist in den Widerlegungen der Gegner doch derselbe ist, welcher deren Psychologien hervorgebracht, so ist seine Charakterisirung auch nicht ohne unmittelbaren Zusammenhang mit unserer Hauptfrage: über den Werth der Psychologie der Hegelschen Schule.“
Das ist ein rhetorischer Zug, kein sachliches Argument — aus der Art der Erwiderung auf die Güte der Lehre zu schließen, setzt voraus, was zu zeigen wäre. Aber es zeigt, wie die Debatte verlief: Sie wurde persönlich, und zwar von beiden Seiten.
Der methodische Nutzen
Und methodisch ist er nützlich wie ein Häretiker in der Bibelhermeneutik: Weil er die Fassungen nebeneinanderstellt, um sie gegeneinander auszuspielen, hat er sie verglichen — und seine Vergleiche lassen sich gegen seinen Schluss verwenden.
Die Wirkung
Historisch war er ohnehin der Wirksamere. Exner transformierte Herbarts philosophische Position in Bildungspolitik. Als Referent im österreichischen Unterrichtsministerium hat Exner dafür gesorgt, dass Hegel an den Universitäten der Monarchie nicht gelehrt wurde — und das wiegt schwerer als der Ausschluss aus den Schulen, weil damit auch kein Nachwuchs heranwuchs. Österreich hatte im neunzehnten Jahrhundert keinen einzigen hegelianischen Lehrstuhl.
Der Kontrast zu Deutschland macht sichtbar, was das bedeutet. Dort lehrten Hegelianer bis kurz vor das Jahrhundertende: Rosenkranz in Königsberg, Erdmann in Halle — beide über Jahrzehnte auf ordentlichen Lehrstühlen. Michelet, hauptberuflich Lehrer am Französischen Gymnasium, las daneben als Dozent an der Berliner Universität. Und neben diesen dreien stand eine Reihe weniger prominenter Philosophen, die hegelianisch arbeiteten oder geprägt waren.
Die Ausdünnung kam später und aus anderem Grund: nicht durch Verbot, sondern weil keine nachwuchsen. Das ist ein Unterschied, den man festhalten sollte — eine Tradition, die ausläuft, hinterlässt anderes als eine, die nie zugelassen wurde.
Was in Österreich an ihre Stelle trat, war die von Exner geförderte Richtung: Herbart, später Brentano und was daraus wurde. Dass die analytische Tradition dort stärkere Wurzeln schlug als im übrigen deutschen Sprachraum, hat hier eine seiner Ursachen.
II.4 Die Interpreten
Hermann Drüe in Schnädelbachs Kommentar zum Systemgrundriß — das Gegenstück zu Neusers Arbeit über die Naturphilosophie.
Pirmin Stekeler-Weithofer in der Realphilosophie (2023). Sein Verfahren ist dasselbe wie bei der Natur: ontologisch klingende Sätze in Aussagen über Vollzugsformen übersetzen. Die Frage wird sein, ob es hier besser trägt als dort — beim Geist geht es um etwas, das tatsächlich vollzogen wird.
Franz Serafin Exner, Die Psychologie der Hegelschen Schule, beurtheilt aus dem Standpunkte der Erfahrung, Erstes Heft, Leipzig 1842, S. 4. Die Erwiderungen von Rosenkranz und Erdmann behandelt das zweite Heft (Leipzig 1844). ↩︎
Johann Eduard Erdmann, Grundriss der Psychologie, 2. Aufl., Leipzig 1842, Vorrede, S. VI f. ↩︎
Franz Serafin Exner, Die Psychologie der Hegelschen Schule. Zweites Heft: Die Erwiderungen der Herren K. Rosenkranz und J. E. Erdmann, Leipzig 1844, S. 3. Erdmanns Calculus-Argument nach der Vorrede zur dritten Auflage seiner Psychologie, Leipzig 1847. ↩︎