Kommentar zur Logik, Kapitel 5

Der Übergang und die neue Bewegungsform

Hegels These: “Die Wahrheit des Seins ist das Wesen.” Das klingt kryptisch, meint aber etwas Einfaches: Wenn Sie jede scheinbar unmittelbare Bestimmung konsequent durchdenken, stoßen Sie auf Vermittlungsstrukturen — nicht hinter der Oberfläche, sondern in ihr. Hegel besteht darauf: Das Wesen sei “nicht hinter der Erscheinung”, es sei “heraus”. Das Wesen ist nicht ein Ding hinter Dingen, sondern die Vermittlungsstruktur, die allem Erscheinenden innewohnt. “Das Wesen ist der Schein seiner in sich selbst” — übersetzt: Was als bloße Oberfläche erscheint (der Schein), ist nicht weniger als das Wesen, sondern die Art und Weise, wie das Wesen sich zeigt. Der Schein ist nicht Täuschung, sondern Manifestation. Wie das Lächeln nicht hinter der Freude verborgen ist, sondern die Freude ist, die sich zeigt. Hegel sagt es im Kolleg in vier Worten: “Dem Wesen ist der Schein wesentlich.” Und ausführlicher: “Dem Wesen ist das Unwesentliche nicht unwesentlich; es ist nur durch seine negative Beziehung auf das Sein.”[1] Das Wesen hat nichts, woraus es bestünde, als sein Verhältnis zu dem, was es nicht ist.

Was geschieht, wenn man das vergisst, führt Hegel an einem Beispiel vor, das den ganzen Einsatz der Wesenslogik sichtbar macht. Nehme man das Wesen für sich — “das in sich identische, wo alle andern Bestimmungen verschwinden” —, so bleibe nur “das einfache Scheinen”. Sein Urteil darüber: “Das ist nur caput mortuum, man weiß damit noch sehr wenig von Gott.”[1:1] Der Ausdruck stammt aus der Alchemie und bezeichnet den wertlosen Rückstand nach der Destillation. Ein Wesen, von dem alle Bestimmungen abgezogen sind, ist genau das: der Rückstand, nicht das Ergebnis.

Vollziehen Sie den Unterschied: In der Seinslogik ging Sein in Nichts über — eines verschwand, das andere kam. Versuchen Sie jetzt etwas anderes: Denken Sie Identität. Um Identität zu denken, müssen Sie wissen, wovon etwas identisch ist — also brauchen Sie Unterschied. Aber der Unterschied ist nur Unterschied von einer Identität. Keines verschwindet! Beide bleiben, beide brauchen einander, beide scheinen ineinander wie in einem Spiegel. Dies ist der wichtigste methodische Einschnitt des gesamten Werks.

Dass die Wesenslogik zugleich der schwierigste Teil ist, sagt Hegel im Kolleg ohne Beschönigung: “Das ist der schwerste Theil der Logik, weil hier nicht diese Ruhepuncte sind in diesen Categorien.” Und er gibt den Grund an: “Sein, Dasein, ist unmittelbares, ruhendes, hier ist aber immer zweierlei, ein identisches mit sich und zugleich seine Beziehung auf ein Anderes, das ist die Schwierigkeit.”[2] Wer sich in diesem Teil schwerer tut als in der Seinslogik, liegt also richtig — die Kategorien lassen sich nicht mehr einzeln festhalten.

Ein sprachliches Merkmal begleitet den Wechsel. Im Sein hieß es ist: Etwas ist rot, ist groß, ist ein Haus. In der Wesenslogik tritt, wie Hegel bemerkt, “die Categorie des Habens” ein: Das Ding hat Eigenschaften, die Substanz hat Akzidenzen.[2:1] Das Haben trennt und verbindet zugleich — die Eigenschaft ist nicht das Ding, gehört ihm aber; sie hat ihr Sein “an einem Andern, es wird gehabt”. Achten Sie im Folgenden auf dieses Wort; wo es auftaucht, ist eine Reflexionsstruktur im Spiel. [KF]

Das Korrespondenzproblem

Die klassische Frage “Wie kommt mein Gedanke (Innen) zur Welt (Außen)?” wird als Reflexionsverhältnis aufgelöst. Innen und Außen sind keine fertigen Gegensätze, sondern konstituieren sich wechselseitig anhand des Widerstands. Das Widerständige der Erfahrung ist das Unterscheidungskriterium. Korrespondenz erweist sich als Sonderfall der Kohärenz — nämlich Kohärenz mit den widerständigen Erfahrungsmomenten.

Vollziehen Sie das (Experiment 30): Versuchen Sie, die Grenze zwischen Innen und Außen scharf zu ziehen. Wo endet Ihr Denken, wo beginnt die Welt? Jeder Versuch einer scharfen Grenzziehung scheitert — aber die Unterscheidung zwischen dem, was Sie manipulieren können, und dem, was Ihnen widersteht, wird sofort deutlich.

Die drei Reflexionsformen — Herzstück der Wesenslogik

Diese Passage ist entscheidend für das gesamte Werk. Wer die drei Reflexionsformen versteht, kann jede Hegelsche Triade navigieren. Die Reflexion durchläuft drei Formen:

Setzende Reflexion: Selbstbezug, leer. Das Denken bei sich, dreht sich im Kreis ohne Inhalt. Tautologie. “A = A” — nicht falsch, aber sagt nichts.

Äußere Reflexion: Fremdbezug, äußerlich. Das Denken stößt auf ein Vorausgesetztes, das es nicht selbst gesetzt hat — einen Widerstand. Es bringt Kategorien an Gegebenes heran, aber die Verbindung bleibt zufällig. Der Naturwissenschaftler, der ein Schema an die Natur anlegt — warum gerade dieses?

Bestimmende Reflexion: Einheit beider. Erkennt: Das Vorausgesetzte ist selbst ein Gesetztes — aber ein notwendig Gesetztes. Einsicht in die Notwendigkeit. Die Reflexion gerät “unter die Herrschaft ihres Gesetztseins” — gebunden an das, was sie selbst hervorgebracht hat.

Warum genau drei? Hegel begründet die Zahl nicht eigens; sie ergibt sich aus dem Gang der Sache. Nachträglich lässt sich sagen, was sie trägt: Die setzende Reflexion für sich bleibt leer, die äußere für sich bodenlos — zwei allein sind keine stabile Bestimmung. Und die Reihenfolge ist nicht vertauschbar: Der Fremdbezug setzt den Selbstbezug voraus, die Einheit beide.

Ob es eigentlich drei sind oder mehr, ist dabei eine schlechtere Frage, als sie klingt. Jedes der drei Momente lässt sich weiter gliedern, und dann werden es fünf, sieben oder neun; wer das mittlere Moment aufspaltet, weil dort zwei entgegengesetzte Standpunkte stehen, kommt auf vier. Wo es sich um Arten handelt — die Organe eines Tiers, die Teile einer Maschine —, können es beliebig viele sein. Die Dreizahl bezeichnet die Form der Bewegung, nicht die Anzahl der Glieder; sie durch eine andere Zahl zu ersetzen ist ebenso möglich wie folgenlos, solange die Bewegung dieselbe bleibt. Woran sich eine Gliederung tatsächlich messen lässt, entwickelt [[systematisches-denken:12]] (optional).

Reichweite — und eine Warnung. Dieselbe Dreiergestalt kehrt an mehreren Stellen wieder: in den Methodenmomenten (verständig, dialektisch, spekulativ), in der Gliederung von Seins-, Wesens- und Begriffslogik. Das macht die Reflexionsformen zu einem brauchbaren Zugang.

Aber nicht zum einzigen. Es gibt in der Hegel-Forschung die Neigung, eine Grundoperation zum Schlüssel für alles zu machen. Kandidaten gibt es viele: die drei Methodenmomente, die drei Reflexionsformen, das An-sich und Für-sich der Phänomenologie, die Reflexionsbestimmungen, die Begriffsmomente A-B-E, den Schluss, die Folge von Mechanismus, Chemismus und Teleologie, die Idee des Lebens. Jeder dieser Ansätze kann zeigen, dass die ganze Logik nach seinem Muster lesbar ist, und keiner ist falsch. Nur wird dabei dreierlei leicht übersehen: dass die Operationen sich selbst erst entwickeln (wer eine spätere zum Schlüssel für das Frühere macht, liest rückwärts), dass sie einander nicht decken (die Reflexionsarten sind nicht dasselbe wie die Methodenmomente), und dass ihre Gewichtung sich verschiebt — in der Seinslogik steht das Übergehen im Vordergrund, in der Wesenslogik das Scheinen, in der Begriffslogik das Sich-Entwickeln.

Die praktische Seite dieser Struktur — wie man zwischen leerer Selbstbezüglichkeit, äußerlich herangetragenen Kategorien und einer Ordnung, die aus der Sache folgt, unterscheidet — entwickelt [[systematisches-denken:15]] (optional) als Unterschied von lebendiger und mechanischer Systematik.

Die Reflexionsbestimmungen — Die Grammatik des Wesens

Hier entwickelt Hegel die “Gesetze des Denkens” nicht als statische Axiome, sondern als dynamische Prozesse. Jede Reflexionsbestimmung hat Doppelcharakter: Als Gesetztsein verweist sie auf andere; als Reflexion-in-sich erscheint sie selbständig.

A. Identität: “A = A” braucht Unterschied, um bestimmt zu sein.

Vollziehen Sie das: Denken Sie “A = A”. Halten Sie den Gedanken fest. Was denken Sie tatsächlich? Der Satz scheint evident, aber er sagt nichts. Um zu verstehen, was A ist, mussten Sie A bereits von Nicht-A unterscheiden. Wer “A = A” sagt, hat schon differenziert — A als Subjekt und A als Prädikat sind nicht dasselbe. Hegel macht daraus ein formales Argument, und es steht bereits im gedruckten Text: “Die Form des Satzes widerspricht ihm schon selbst, da ein Satz auch einen Unterschied zwischen Subjekt und Prädikat verspricht, dieser aber das nicht leistet, was seine Form fordert” (Enzyklopädie Bd. 1, § 115 Anm.). Im Kolleg sagt er es knapper: “Selbst die Form des Satzes ist hier im Widerspruche, denn das ist erfordert, einen Unterschied des Subjects und des Praedicats zu machen.”[3]

Christian Iber hat die Pointe dieser Kritik als einen Widerspruch zwischen Sagen und Meinen herausgearbeitet. Wer den Identitätssatz verteidigt, beruft sich darauf, “die Identität sei nicht die Verschiedenheit, sondern die Identität und die Verschiedenheit seien verschieden”. Gemeint ist damit, die Identität sei für sich isoliert etwas Wahres. Gesagt wird aber, dass sie von der Verschiedenheit verschieden sei — also dass sie an ihr selbst eine Verschiedenheit hat.[4] Der Verstand widerlegt sich nicht durch das, was er behauptet, sondern durch die Art, wie er es behaupten muss. Die Identitätsaussage setzt die Differenz voraus, die sie leugnen will — und zwar schon dadurch, dass sie ein Satz ist.

Zum Satz vom Widerspruch genügt ihm ein Beispiel: Man denke sich “irgend ein existirendes Ding”, so sei dieses “zugleich es selbst und ein anderes — z. B. George IV ist König von England”.[3:1] Derselbe Mensch ist er selbst und ein Amt.

Hegels Einwand richtet sich dabei nicht gegen die Denkgesetze, sondern gegen ihre Form: “Es ist überflüssig, daß man daraus die Form von Gesetzen macht. Diese Gesetze sind unwahr, denn jede solche Form wird für sich als wesentlich ausgesprochen, dies ist aber einseitig.”[3:2] Was sie sagen, ist richtig; falsch ist, jedes für sich als das Ganze zu nehmen. Und er fügt die Bedingung hinzu, unter der die Identität gilt: “Wenn ich sage das absolute ist Identitaet so ist dies ganz richtig, nur muß damit der Unterschied nicht aufgehoben werden” — genau das sei der Vorwurf gegen das Identitätssystem. Praktische Relevanz: Konsistenz ist notwendig, aber Begriffe entwickeln sich. Verabsolutierung führt zu Essentialismus.

B. Unterschied in drei Stufen: (1) Verschiedenheit — äußerlicher, gleichgültiger Unterschied. (2) Gleichheit/Ungleichheit — vergleichender Unterschied, braucht tertium comparationis. (3) Gegensatz — sich auf sich beziehender Unterschied. Positiv und Negativ definieren sich wechselseitig.

Vollziehen Sie das: Denken Sie Licht — ohne jeden Gedanken an Dunkelheit. Unmöglich. Die Begriffe sind polar aufeinander bezogen: Jeder ist nur durch sein Anderes bestimmt. Das ist nicht Schwäche des Denkens, sondern Struktur der Bestimmtheit selbst.

C. Widerspruch: Nicht Fehler, sondern Motor. “Alle Dinge sind an sich selbst widersprechend” (Hegel). Produktiver Widerspruch treibt zur Entwicklung, destruktiver führt zur Lähmung.

D. Grund: Auflösung des Widerspruchs durch Integration. Drei Formen: Formeller Grund — Tautologie, erklärt nichts (Molières virtus dormitiva). Realer Grund — verschieden vom Begründeten, aber allein nicht hinreichend. Zureichender Grund — Totalität aller Bedingungen: Erst wenn alle zusammen sind, tritt das Begründete notwendig ein. Doppelbewegung: analytisch (vom Begründeten zum Grund) und synthetisch (vom Grund zum Begründeten).

Existenz, Ding und Materien

Der vollständige Grund drängt zur Erscheinung. “Das Wesen muss erscheinen” — eine Wahrheit, die prinzipiell unzugänglich wäre, ist keine Wahrheit.

Vollziehen Sie das (Experiment 36): Denken Sie alle Eigenschaften von Gold weg — Farbe, Dichte, Leitfähigkeit, Schmelzpunkt. Was bleibt? Nichts. Gold ist die Einheit seiner Eigenschaften. Das “Ding an sich” (ohne Eigenschaften) ist ein leeres Abstraktum.

Hegels Warnung vor fiktiven Materien: Wärmestoff, elektrische Materie, Seelensubstanz — hypostasierte Eigenschaften, keine echten Stoffe. Aber: Die Form der Verbindung ist ebenso real wie die Materien. Wasser ist H₂O in bestimmter Struktur — Eigenschaften emergieren aus der Verbindung.


  1. Nachschrift Libelt, Kolleg 1828, zu §§ 112 und 114: GW 23.2, S. 498. ↩︎ ↩︎

  2. Nachschrift Libelt, Kolleg 1828: GW 23.2, S. 499. ↩︎ ↩︎

  3. Nachschrift Libelt, Kolleg 1828, zu § 115: GW 23.2, S. 500. ↩︎ ↩︎ ↩︎

  4. Christian Iber, Metaphysik absoluter Relationalität. Eine Studie zu den beiden ersten Kapiteln von Hegels Wesenslogik, Berlin/New York 1990, zum Abschnitt über die Identität. Ibers Kommentar folgt der Wissenschaft der Logik; dieser Kommentar folgt der Enzyklopädie, deren Architektur die reichere ist. Die Sache ist in beiden Fassungen dieselbe — Hegel führt das Argument in Enz. § 115 Anm. und in WdL, TWA 6, 41 f. ↩︎