Einordnung: Die Simultaneität des Aufbruchs
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Das Jahr 1968 markiert eine Zäsur, die weit über studentische Proteste hinausgeht. In einem einzigen Jahr konzentriert sich eine Verdichtung von Krisen, Umbrüchen und Neuaufbrüchen, die global wirksam werden und das philosophische Denken nachhaltig verändern. Was auf den ersten Blick wie separate Ereignisse aussieht - Studentenproteste in Paris und Berlin, der Prager Frühling, Tet-Offensive in Vietnam, Massaker von My Lai, die Ermordung Martin Luther Kings und Robert F. Kennedys, Olympia-Protest in Mexiko-Stadt - erweist sich als mehrdimensionale Krise des Nachkriegssystems.
Die philosophische Bedeutung von 1968 liegt nicht in einzelnen Theorien, die damals entstanden wären. Sie liegt in einer epistemischen Verschiebung: Alle drei Blöcke - der westliche Liberalismus, der östliche Sozialismus, die Dritte-Welt-Befreiungsbewegung - geraten gleichzeitig in die Krise. Und mit ihnen geraten die philosophischen Rechtfertigungssysteme in die Krise. Hegel spielt dabei eine paradoxe Rolle: Er wird zurückgefordert (von der Studentenbewegung über Marx und die Frankfurter Schule), zugleich aber radikalisiert kritisiert (von der entstehenden Postmoderne).
Dieses Kapitel untersucht 1968 nicht als einzelnes Ereignis, sondern als Verdichtungspunkt langfristiger Entwicklungen, die in den folgenden Jahrzehnten zur Neuordnung der philosophischen Landschaft führen.