Die Nachwirkungen des British Idealism (1945-1955)

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Die Bewegung des Ganzen

Um 1900 war Hegel in Großbritannien einflussreich gewesen. T.H. Green (1836-1882), F.H. Bradley (1846-1924), Bernard Bosanquet (1848-1923) und J.M.E. McTaggart (1866-1925) hatten einen British Idealism entwickelt, der Hegels Philosophie für englische Verhältnisse adaptierte - anti-atomistisch, ganzheitlich, ethisch engagiert.[1]

Aber nach dem Ersten Weltkrieg brach diese Bewegung zusammen. G.E. Moores „Refutation of Idealism“ (1903) und Bertrand Russells „The Problems of Philosophy“ (1912) hatten den Idealismus als metaphysische Spekulation entlarvt. Die neue Generation - Russell, Moore, später Ayer und Ryle - definierte sich durch Ablehnung des Idealismus. Hegel wurde zum Sündenbock für alles, was an der kontinentalen Philosophie dubios schien: Obskurität, Spekulation, Systemzwang.[2]

Nach 1945 schien der British Idealism tot. Seine Hauptvertreter waren verstorben, seine Lehrstühle von analytischen Philosophen besetzt, seine Werke ungelesen. Oxford und Cambridge wurden zu Zentren der analytischen Philosophie - Sprachanalyse, formale Logik, empirische Wissenschaftstheorie. Hegel galt als überwunden.

Aber zwei Figuren bewahrten Elemente des Hegelianismus - freilich in transformierter Form: R.G. Collingwood und Michael Oakeshott.


  1. Zur Geschichte des British Idealism siehe W.J. Mander: British Idealism: A History (2011); James Bradley: „British Idealism“ in: Stanford Encyclopedia of Philosophy (2020). ↩︎

  2. G.E. Moore: „The Refutation of Idealism“ in: Mind 12 (1903); Bertrand Russell: The Problems of Philosophy (1912), Kapitel über „Appearance and Reality“. ↩︎