China - Vom Mao-Marxismus zur beginnenden Öffnun
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Während die chinesischen Philosophen der Republikzeit (Feng Youlan, He Lin - siehe Band 1) versuchten, Hegel mit dem Neo-Konfuzianismus zu versöhnen, brachte die kommunistische Machtübernahme 1949 eine radikale Wende. Hegel wurde nun durch die sowjetische Brille des Diamat gelesen und politisch überdeterminiert.[1] Unter Mao wurde Hegel als „Vorbereiter“ von Marx gelesen, nach Mao zunehmend eigenständig rezipiert…
Mao Zedong (1893-1976) schrieb zwei philosophische Essays, die Hegels Dialektik vulgarisierten: „Über den Widerspruch“ (1937) und „Über die Praxis“ (1937).[2] Mao reduzierte die Dialektik auf simple Formeln: Eins teilt sich in Zwei, Haupt- und Nebenwiderspruch, Theorie und Praxis.
Maos „Widerspruchslehre“ unterschied „antagonistische“ Widersprüche (Klassen) von „nicht-antagonistischen“ (im Volk). Erstere erforderten gewaltsame Lösung, letztere friedliche. Diese Unterscheidung legitimierte sowohl Revolution als auch Repression. Die Kulturrevolution (1966-1976) wurde als „Fortsetzung der Revolution“ gerechtfertigt - permanente Dialektik.[3]
Nach Maos Tod (1976) begann vorsichtige Öffnung. Li Zehou (*1930) wurde zum einflussreichsten Philosophen der 1980er.[4] Seine „Subjektivität-Theorie“ verband Kant, Marx und konfuzianische Tradition. Li las Hegel durch Kant: Das Absolute sei regulativ, nicht konstitutiv.
Die Ereignisse auf dem Tiananmen-Platz im Juni 1989 markieren eine Zäsur. Li Zehou und andere kritische Philosophen werden marginalisiert. Was danach kommt - eine neue Hegel-Renaissance unter ganz anderen Vorzeichen - gehört nicht mehr in die Epoche dieses Bandes.
Diese These entwickelt Enrique Dussel: „Theologie der Befreiung und Marxismus“ in: Peter Rottländer (Hg.): Theologie der Befreiung und Marxismus (1986). ↩︎
Zur Kritik des Eurozentrismus siehe Walter Mignolo: The Darker Side of the Renaissance (1995); Santiago Castro-Gómez & Ramón Grosfoguel (Hg.): El giro decolonial (2007). ↩︎
Aníbal Quijano: „Colonialidad del poder, eurocentrismo y América Latina“ in: Edgardo Lander (Hg.): La colonialidad del saber (2000). ↩︎
Quijano & Immanuel Wallerstein: „Americanity as a Concept, or the Americas in the Modern World-System“ in: International Social Science Journal 134 (1992). ↩︎