Die kunstphilosophische Kritik: Kunst als Selbstzweck, nicht als Befreiungsinstrument

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band III, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Der zweite, für die Gesamtanlage dieser Rezeptionsgeschichte besonders aufschlussreiche Einwand kommt aus der Ästhetik selbst — genauer: aus einer Theorie des Kunstwerks, die das hegelianische Programm weiterzuführen versucht, wo Menke es abbricht.[1]

Menkes fundamentales ästhetisches Problem ist die Instrumentalisierung der Kunst. Er macht ästhetische Faszination zur Bedingung der Möglichkeit aller anderen Befreiung — Kunst wird Mittel für eine Agenda, die von außen an sie herangetragen wird. Das ist, von einer hegelianischen Kunsttheorie aus betrachtet, eine kategoriale Verwechslung. Das Kunstwerk muss aus sich selbst heraus verstanden werden. Ästhetische Erfahrung ist nicht primär Befreiungserfahrung, sondern Begegnung mit der lebendigen Idee im sinnlichen Medium. Ob und wie sie in den größeren Zusammenhang von Geist und Sittlichkeit gehört, ergibt sich aus dem Werk — nicht aus einer vorgelagerten Befreiungstheorie, die das Werk instrumentalisiert.

Besonders aufschlussreich ist, was Menkes Kunstbegriff von der Kategorie der Selbstaufhebung macht. Das Kunstwerk hebt sich über sich hinaus — ins Ethische, ins Spirituelle, ins Philosophische. Das ist keine Flucht aus der Sittlichkeit, sondern eine Anschaulichmachung der Werte, die ihr zugrunde liegen. Menkes Version kennt nur das erste Moment der Aufhebung — die Negation, den Riss, den Faszinationsschock — nicht das zweite (Bewahrung der Form) und das dritte (Erhebung über das bloß Sinnliche). Er hat eine Halb-Dialektik: Die Unterbrechung ohne die Wiederherstellung, den Schock ohne die Gestalt, die Erschütterung ohne das, was nach ihr steht.

Diesem Defizit entspricht strukturell das Fehlen der Selbsterhaltung. Ein Kunstwerk, das nur durch Faszinationsschocks wirkt — ohne kohärente Form, ohne die Fähigkeit, sich als Einheit durch Variation hindurch zu bewähren —, ist nach hegelianischen Kriterien kein lebendiges Werk, sondern bloße Stimulation. Menkes Ästhetik lebt vom Bruch, von der Unterbrechung, vom Einriss in die Normalität. Das ist eine Ästhetik der Selbstdifferenzierung ohne Selbsterhaltung. Was sich nicht erhält, lebt nicht — es reizt.

Der systematische Ort dieser Differenz ist entscheidend. In einem hegelianischen Systementwurf steht die Kunst nach dem objektiven Geist — sie setzt die Sittlichkeit voraus, macht ihre Werte anschaulich, befragt und spiegelt sie. Menkes Umkehrung — Kunst als Befreiung von der Sittlichkeit — ist systematisch rückwärts. Sie setzt das Spätere vor das Frühere und nimmt dem Kunstwerk damit seinen eigentlichen Ort im Ganzen des Geistes.

Das Schiller-Problem verschärft sich von hier aus. Schillers Spieltrieb vermittelt Sinnentrieb und Formtrieb — aber das bleibt ein anthropologisch-subjektiver Begriff. Der ästhetische Schein bei Schiller ist Erscheinung des Ideals, das dem endlichen Subjekt gegenübersteht. Eine hegelianische Theorie geht über diesen Dualismus hinaus: Die lebendige Form ist die Idee in ihrer sinnlichen Verwirklichung — nicht ein Ideal, das dem Sinnlichen entgegensteht, sondern das Sinnliche selbst als Gedachtes. Dass Menke bei Schiller landet, zeigt, dass er das hegelianische Niveau nicht erreicht — oder, präziser: dass er das Problem, das Hegel über Schiller hinaus zu lösen versuchte, als unlösbar behandelt und deshalb zu Schiller zurückkehrt.

Gemessen an einem entwickelten hegelianischen Kunstbegriff ist Menkes Ästhetik eine Reduktion auf genau das, was Hegel hinter sich gelassen hatte: Kunst als Mittel (für Befreiung statt als Selbstzweck), Negativität ohne vollständige Dialektik, und ein Kunstsubjekt, das befreit werden will — statt eines Kunstwerks, das lebt.


  1. Die kunstphilosophische Kritik entwickelt sich aus einer Theorie des Kunstwerks, die das hegelianische Programm als lebendige Idee im sinnlichen Medium weiterzuführen versucht. Zur Instrumentalisierungsproblematik in der Gegenwartsästhetik vgl. auch Albrecht Wellmer, Versuch über Musik und Sprache, Frankfurt: Suhrkamp, 2009, Kap. 1, der ähnliche Einwände gegen die Funktionalisierung ästhetischer Erfahrung entwickelt, wenngleich ohne expliziten Bezug auf Menke. ↩︎