Die faschistische Staatstheorie - Zweck-Mittel-Vertauschung
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band I, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Die innere Logik der faschistischen Ideologie (Kapitel 28.4) bedurfte einer staatstheoretischen Umsetzung. Wie sollte der Staat organisiert sein, der den Mythos verwirklicht, die Volksgemeinschaft schützt, den Feind vernichtet? Die Antwort zeigt eine fundamentale Zweck-Mittel-Vertauschung: Institutionen, die normalerweise Mittel für menschliche Zwecke sind, werden zu Selbstzwecken - und Menschen werden zu bloßen Mitteln.
28.5.1 Die systematische Perversion - Vom Mittel zum Zweck
Marx hatte die Zweck-Mittel-Vertauschung im Kapitalismus analysiert. Im normalen Wirtschaften dient Geld als Mittel zum Zweck - man verkauft Waren (W), um Geld (G) zu erhalten, um damit andere Waren zu kaufen: W-G-W. Der Zweck ist die Bedürfnisbefriedigung durch Waren. Im Kapitalismus wird diese Logik umgekehrt: G-W-G’ - man investiert Geld, um Waren zu produzieren, um mehr Geld zu erhalten. Das Mittel (Geld) wird zum Zweck, der eigentliche Zweck (Bedürfnisbefriedigung) zum bloßen Mittel. Der Mensch wird zum Instrument der Kapitalvermehrung.
Der Faschismus vollzog eine analoge Perversion - aber radikaler. Normalerweise sind Staat, Krieg und Begriffe wie „Volk“ oder „Nation“ Mittel für menschliche Zwecke: Sicherheit, Wohlstand, Selbstbestimmung, Frieden. Im Faschismus wurden diese Mittel zu Selbstzwecken. Der Staat existiert nicht für die Bürger, sondern die Bürger für den Staat. Der Krieg wird nicht geführt, um Frieden zu sichern, sondern wird zur permanenten Lebensform. Die Rasse dient nicht dem Leben der Menschen, sondern Menschen werden zu Mitteln der „Rassenveredelung“.
Die strukturelle Parallele:
Im Kapitalismus gilt: Mensch -> Mittel | Kapitalvermehrung -> Zweck
Im Faschismus gilt: Mensch -> Mittel | Staat/Krieg/Rasse -> Zweck
Beide machen den Menschen zum bloßen Mittel. Beide pervertieren die Zweck-Mittel-Relation. Aber sie tun es auf verschiedene Weise. Der Kapitalismus macht den Menschen zum Mittel der ökonomischen Verwertung - aber er braucht ihn lebendig, konsumfähig, arbeitsfähig. Der Faschismus macht den Menschen zum Mittel biologisch-politischer Projekte - und braucht Millionen nicht, sondern will sie vernichten.
Der Unterschied zeigt sich in der Reformierbarkeit: Der Kapitalismus hat immanente Grenzen (Profitabilität) und ist prinzipiell durch Regulierung, Sozialstaat, Gewerkschaften reformierbar. Der Faschismus hat keine immanenten Grenzen - wenn die Rasse oder der Kampf Selbstzweck ist, gibt es keinen Punkt, an dem man sagen könnte: „Jetzt ist es genug.“ Das System ist nicht reformierbar - es muss von außen zerstört werden oder kollabiert von selbst.
28.5.2 Carl Schmitt - Der Theoretiker der Leerstelle
Carl Schmitt (1888-1985) war der bedeutendste Staatstheoretiker, der den Übergang vom liberalen Rechtsstaat zum faschistischen Notstandsstaat theoretisch vorbereitete. Seine Analysen sind präzise, seine Diagnosen oft zutreffend - seine Schlussfolgerungen verheerend. Schmitt lieferte die Form des totalen Staates, ohne dessen Inhalt zu bestimmen. Diese Leerstelle füllten die Nazis.
Die Ausgangsfrage: Wer entscheidet?
„Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“ - so beginnt Schmitts „Politische Theologie“ (1922).[1] Der normale Rechtsstaat operiert nach Regeln. Gesetze bestimmen, was erlaubt und verboten ist. Gerichte entscheiden nach festgelegten Verfahren. Aber wer entscheidet über die Regel der Regeln? Wer definiert, wann der Ausnahmezustand eintritt, in dem die normalen Regeln nicht mehr gelten?
Der Liberalismus hatte keine Antwort auf diese Frage - oder besser: Er wollte sie nicht stellen. Er hoffte, durch gute Verfassungen den Ausnahmezustand zu vermeiden. Schmitt zeigte: Das ist naiv. Jede Ordnung hat einen Gründungsakt, der nicht selbst durch die Ordnung legitimiert ist. Jede Verfassung hat eine verfassungsgebende Gewalt, die nicht selbst verfassungsgebunden ist. Irgendwo muss jemand entscheiden - ohne durch vorherige Regeln gebunden zu sein.
Diese Analyse war nicht falsch. Sie erfasste ein reales Problem. Die Frage ist, welche Konsequenzen man daraus zieht.
Die Freund-Feind-Unterscheidung
In „Der Begriff des Politischen“ (1927/1932) definierte Schmitt das Wesen des Politischen durch die Unterscheidung von Freund und Feind.[2] Nicht moralisch (gut/böse), nicht ästhetisch (schön/hässlich), nicht ökonomisch (profitabel/unprofitabel), sondern existenziell: Wer bedroht unsere Existenz? Das ist der Feind. Das Politische entsteht dort, wo diese Unterscheidung getroffen wird.
Die Freund-Feind-Unterscheidung ist nicht rational begründbar - sie ist dezisionistisch. Man kann nicht durch Argumente beweisen, wer Feind ist. Der Souverän entscheidet es. Und gegen den Feind ist alles erlaubt - denn es geht um die Existenz.
Schmitts Kritik des Parlamentarismus folgte dieser Logik. Das Parlament, die endlose Diskussion, der Kompromiss - all das verkennt den Ernst des Politischen. Im Ernstfall zählt nicht das bessere Argument, sondern die Entscheidung. Der Liberalismus will den Ernstfall vermeiden, indem er diskutiert. Aber man kann den Ernstfall nicht wegdiskutieren.
Die Kritik des Parlamentarismus
Schmitt analysierte scharf die Schwächen der Weimarer Demokratie: endlose Debatten ohne Entscheidungen, Partikularinteressen statt Gemeinwohl, Lähmung durch Pluralismus, Unfähigkeit zum Handeln in der Krise. Die Parteien repräsentierten Sonderinteressen, nicht das Volk. Das Parlament war Schauplatz von Intrigen, nicht Ort der Wahrheitsfindung.
Diese Diagnose war teilweise zutreffend. Die Weimarer Republik war instabil, die Parteien waren zerstritten, die Regierungen wechselten ständig. Aber Schmitts Therapie war fatal: Statt die Demokratie zu stärken, plädierte er für ihre Überwindung durch „dezisionistische“ Führung. Der starke Staat, der entscheidet, statt zu diskutieren.
Die Legitimation der Diktatur
In der „Verfassungslehre“ (1928) unterschied Schmitt zwischen „kommissarischer“ und „souveräner“ Diktatur. Die kommissarische Diktatur suspendiert temporär die Verfassung, um sie zu retten - wie ein Arzt, der den Patienten verletzt, um ihn zu heilen. Die souveräne Diktatur schafft eine neue Verfassung - sie ist verfassungsgebende Gewalt.
Mit dieser Unterscheidung konnte Schmitt die Machtübernahme der Nazis als notwendigen Akt der Rettung legitimieren. Das „Ermächtigungsgesetz“ (1933), das Hitler diktatorische Vollmachten gab, erschien als „kommissarische Diktatur“ zur Rettung Deutschlands vor dem Chaos. Dass daraus eine permanente Diktatur wurde, hatte Schmitt nicht vorhergesagt - aber ermöglicht.
Die Leerstelle - Form ohne Inhalt
Hier liegt das Problem: Schmitt beschreibt die Struktur des Ausnahmezustands, aber nicht seinen Inhalt. Er sagt: Jemand muss entscheiden. Aber er sagt nicht: Was soll entschieden werden? Er sagt: Es gibt Freunde und Feinde. Aber er sagt nicht: Wer ist der Feind und warum?
Diese Fragen überlässt Schmitt dem Souverän. Der Souverän entscheidet - und seine Entscheidung ist per definitionem legitim, weil er der Souverän ist. Ein Zirkel, der jeden Inhalt akzeptiert.
Schmitts Theorie ist eine Leerformel - sie sagt, dass entschieden werden muss, aber nicht was. Sie liefert die staatstheoretische Form des totalen Staates - aber sie füllt ihn nicht mit Inhalt. Diese Leerstelle füllten die Nazis: mit Rasse, mit Lebensraum, mit Judenvernichtung.
Schmitts Rolle - Wegbereiter, nicht Architekt
War Schmitt ein Nazi? Die Frage ist komplizierter als es scheint. Er trat 1933 der NSDAP bei, er legitimierte die Nazi-Herrschaft juristisch, er schrieb antisemitische Texte. Aber sein Antisemitismus war opportunistisch, nicht ideologisch fundiert wie bei Rosenberg. Er war kein Rassentheoretiker, kein Blut-und-Boden-Ideologe.
Schmitt war etwas anderes: ein Wegbereiter. Er zerstörte theoretisch die normativen Barrieren, die den Rechtsstaat schützten. Er machte den totalen Staat denkbar und legitim. Er lieferte das Vokabular - Ausnahmezustand, Freund-Feind, Dezision -, mit dem die Nazis ihre Herrschaft rechtfertigten.
Das macht ihn zum intellektuellen Komplizen, auch wenn er nicht den Inhalt lieferte. Wer die Tür öffnet, ist mitverantwortlich für das, was hindurchgeht - auch wenn er es nicht gerufen hat.
Systematische Einordnung
Schmitts Staatstheorie negiert systematisch die Grundanforderungen legitimer Ordnung:
Die Selbstanwendung wird verweigert: Der Souverän steht über dem Recht, muss sich nicht selbst den Regeln unterwerfen. Das Recht gilt für andere, nicht für den, der es setzt.
Die Differenzierung wird durch Reduktion ersetzt: Freund-Feind statt Vermittlung verschiedener Perspektiven. Komplexe Interessenlagen werden auf binäre Entscheidungen reduziert.
Die Vermittlung wird durch Dezision ersetzt: Widersprüche werden nicht aufgehoben, sondern entschieden. Der Konflikt wird nicht gelöst, sondern durch Macht beendet.
Die Anerkennung wird dem Feind verweigert: Der Feind ist existenziell zu negieren, nicht als Vernunftwesen anzuerkennen. Gegen ihn ist alles erlaubt.
Schmitt ist der Theoretiker der Form ohne Inhalt. Die Nazis lieferten den Inhalt - und zeigten, wohin Schmitts Theorie führt.
28.5.3 Staat, Krieg und Rasse als Oberzweck
Wo Schmitt eine Leerstelle ließ, füllten die Nazis sie mit ihrer Weltanschauung. Drei Elemente bildeten den faschistischen „Oberzweck“, für den Menschen zu bloßen Mitteln wurden - hierarchisch geordnet: der totale Staat, der permanente Krieg, die biologische Rasse.
Der totale Staat - nicht für das Volk, sondern als Selbstzweck
Mussolinis Formel lautete: „Tutto nello Stato, niente al di fuori dello Stato, nulla contro lo Stato“ - Alles im Staat, nichts außerhalb des Staates, nichts gegen den Staat. Der Staat war nicht Mittel für menschliche Zwecke, sondern höchster Zweck selbst.
Im deutschen Nationalsozialismus war die Sache komplizierter. Hitler schrieb in „Mein Kampf“: „Der Staat ist ein Mittel zum Zweck. Sein Zweck liegt in der Erhaltung und Förderung einer Gemeinschaft physisch und seelisch gleichartiger Lebewesen.“ Der Staat war also nicht Selbstzweck (wie bei Mussolini/Gentile), sondern Instrument zur Erhaltung der Rasse.
Aber diese Instrumentalisierung machte den Staat nicht schwächer - im Gegenteil. Ein Staat, der nur einem Zweck dient (Rassenerhaltung), kann totaler zugreifen als ein Staat, der verschiedene Zwecke ausbalancieren muss. Die Gleichschaltung aller gesellschaftlichen Bereiche folgte dieser Logik: Wirtschaft wurde Wehrwirtschaft, Bildung wurde Wehrerziehung, Kultur wurde Propaganda, Familie wurde Zuchtanstalt. Es gab keine autonomen Sphären mehr - alles wurde dem einen Zweck untergeordnet.
Der Krieg - nicht als Mittel der Politik, sondern als Lebensform
Clausewitz’ berühmtes Diktum lautet: „Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.“[3] Der Krieg ist instrumentell - man führt ihn, um politische Ziele zu erreichen. Sobald diese erreicht sind, endet der Krieg und der Frieden kehrt zurück.
Der Faschismus kehrte dies um: Politik wurde zur Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Der Krieg war nicht Ausnahme, sondern Normalzustand. „Das Leben ist Kampf“ - diese Formel durchzog die gesamte NS-Ideologie. Nicht nur zwischen Nationen, sondern in allen Bereichen: ökonomischer Kampf, biologischer Kampf, kultureller Kampf. Die „Volksgemeinschaft“ war eine permanente Kriegsgemeinschaft.
Dies erklärt die Radikalisierungsdynamik. Das Regime konnte nicht bei innerer Gleichschaltung stehenbleiben. Es musste expandieren, erobern, kämpfen - denn das war sein Zweck. Der Krieg war nicht Mittel zur Sicherung deutscher Interessen, sondern Selbstzweck. Als der Krieg verloren war, blieb nur noch die Selbstvernichtung - Hitler im Bunker, der „Nero-Befehl“ zur Zerstörung der eigenen Infrastruktur, Goebbels’ Aufruf zum „totalen Krieg“ bis zum Untergang.
Ein System, das Krieg zum Zweck macht, kann keinen dauerhaften Frieden ertragen. Es muss eskalieren oder kollabieren.
Die Rasse - die biologische Substanz als letzter Grund
Im hierarchischen Aufbau faschistischer Zwecke stand die „Rasse“ an der Spitze. Selbst der Staat war nur Mittel zu ihrer Erhaltung und „Veredelung“. Selbst der Krieg war letztlich Rassenkampf - um „Lebensraum“, um Eliminierung „minderwertiger Rassen“, um Bewährung der „arischen Rasse“.
Die Rasse wurde als biologische Substanz verstanden, nicht als kulturelles oder historisches Konstrukt. Sie existierte „von Natur aus“, war präpolitisch, präkulturell, prähistorisch. Menschen wurden zu Exemplaren ihrer Rasse reduziert - ihr Wert bestimmte sich nicht durch Taten, Charakter, Leistungen, sondern durch Zugehörigkeit zur richtigen oder falschen biologischen Kategorie.
Dies führte zur systematischen Entmenschlichung: Juden, Roma, Slawen, Menschen mit Behinderungen wurden nicht als minderwertige Menschen behandelt, sondern als Nicht-Menschen, als biologische Schädlinge, die „ausgemerzt“ werden müssen. Die Sprache der Vernichtung war konsequent biologisch: „Ungeziefer“, „Parasiten“, „Volksschädlinge“, „lebensunwertes Leben“.
Die „Rassenhygiene“ war die logische Konsequenz: Zwangssterilisation für „Erbkranke“ (ab 1933, ca. 400.000 Betroffene), „Euthanasie“ für Menschen mit Behinderungen (Aktion T4, ca. 70.000 Ermordete), Lebensborn-Programm zur „Aufnordung“, schließlich die Vernichtung der europäischen Juden. Menschen wurden zu Material eines biologischen Züchtungsprojekts.
28.5.4 Die Totalisierungslogik - Warum der Faschismus nicht stoppen konnte
Die Zweck-Mittel-Vertauschung hat eine innere Logik, die zur Totalisierung treibt. Sie erklärt, warum das NS-Regime nicht bei einem „moderaten“ Autoritarismus stehenbleiben konnte, sondern zur totalitären Vernichtung fortschreiten musste.
Ein absoluter Zweck duldet keine Grenzen
Wenn der Staat, der Krieg, die Rasse Selbstzweck sind, gibt es keine externen Maßstäbe mehr, an denen man sie messen könnte. Normalerweise fragt man: Dient der Staat den Bürgern? Macht der Krieg Sinn? Ist die Politik menschenwürdig? Aber wenn Staat, Krieg und Rasse selbst der Maßstab sind, entfällt diese Frage.
Kein Kritiker kann mehr sagen: „Das geht zu weit“ - denn es gibt kein „zu weit“ mehr. Der Maßstab wäre ja genau das, was kritisiert werden soll. Jede Kritik wird zur Sabotage, jeder Einwand zum Verrat. Das System hat keine Selbstbegrenzung mehr - und damit keine Bremse.
Alle Mittel werden legitim
Wenn der Zweck absolut ist, heiligt er alle Mittel. Es gibt keine moralischen Schranken mehr, die nicht im Namen des höheren Zwecks überschritten werden könnten. Massenmord, Folter, Versklavung - alles wird akzeptabel, wenn es „der Rasse dient“, „dem Endsieg nützt“, „die Volksgemeinschaft schützt“.
Die Vernichtung von Millionen wird zur „historischen Notwendigkeit“, zum „schweren, aber notwendigen Opfer“. Himmler sprach in seiner Posener Rede (1943) von der „Ausrottung des jüdischen Volkes“ als einer „niemals geschriebenen und niemals zu schreibenden Ruhmesseite“ - ein „schweres“ Werk, das man „durchgehalten“ habe.[4] Die Sprache des Opfers, der Pflicht, der Notwendigkeit - sie diente dazu, den Massenmord als moralische Leistung umzudeuten.
Die Steigerungslogik
Ein System, das auf absoluten Zwecken beruht, kann nie sagen: „Jetzt ist es genug.“ Es muss immer weitermachen, radikalisieren, steigern.
Die „Lösung der Judenfrage“ eskalierte: Diskriminierung (1933), Entrechtung (1935), Pogrom (1938), Ghettoisierung (1939-41), schließlich systematische Vernichtung (1941-45). Jede Stufe folgte „logisch“ aus der vorherigen - wenn Diskriminierung nicht „reicht“, muss man weiter gehen. Und weiter. Und weiter.
Die Kriegsziele wurden immer größenwahnsinniger: Revision von Versailles, Anschluss Österreichs, Sudetenland, Resttschechei, Polen, Westeuropa, Sowjetunion - jeder Erfolg machte den nächsten notwendig. Denn der Kampf ist Selbstzweck; Frieden wäre Verrat.
Es gab keinen Endpunkt außer dem totalen Sieg - oder der totalen Niederlage.
Die Selbstzerstörung
Ein System ohne Selbstbegrenzung zerstört letztlich sich selbst. Der Faschismus führte nicht nur zur Vernichtung von Millionen Opfern, sondern auch zur Zerstörung der Gesellschaften, in denen er herrschte.
Die Vernichtung der Juden band Ressourcen - Züge, Personal, Verwaltungskapazität -, die für den Krieg gebraucht wurden. Die Verfolgung von „inneren Feinden“ (Dissidenten, Deserteure, „Defätisten“) schwächte die Gesellschaft. Die Überdehnung der militärischen Kräfte durch immer neue Eroberungen führte zur Katastrophe.
1944/45, als die Niederlage unausweichlich war, wurden Transporte nach Auschwitz priorisiert vor militärischen Transporten. „Rational“ war das nicht - aber der Vernichtung kam Vorrang zu vor dem Überleben.
Deutschland lag 1945 in Trümmern. Das „tausendjährige Reich“ dauerte zwölf Jahre. Die Zweck-Mittel-Vertauschung führte zur Selbstaufhebung - im destruktivsten Sinne.
Die philosophische Dimension
Die Zweck-Mittel-Vertauschung ist nicht nur eine politische oder ökonomische Fehlentwicklung - sie ist eine philosophische Perversion. Sie negiert die Grundstruktur vernünftigen Handelns:
Selbstbestimmung bedeutet: Der Mensch setzt sich selbst Zwecke. Im Faschismus werden Menschen zu Mitteln fremder Zwecke gemacht - des Staates, der Rasse, des Krieges. Sie verlieren ihre Autonomie vollständig.
Vermittlung würde verlangen: Verschiedene Zwecke müssen abgewogen, ausbalanciert, integriert werden. Der Faschismus kennt nur einen Zweck und subordiniert alles andere.
Anerkennung setzt voraus: Der andere ist auch Selbstzweck, nicht nur Mittel. Der kategorische Imperativ Kants - „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst“ - wird systematisch verletzt.[5]
Die Zweck-Mittel-Vertauschung ist die praktisch-politische Manifestation der Negation aller Grundanforderungen legitimer Ordnung. Sie zeigt: Wenn man die vernünftige Struktur des Handelns pervertiert, landet man zwangsläufig in der Barbarei.
Aktualität der Analyse
Die Warnung bleibt aktuell: Überall dort, wo abstrakte Zwecke (Sicherheit, Wirtschaftswachstum, nationale Größe, „Fortschritt“) zu Absoluten erhoben werden, für die Menschen geopfert werden sollen, droht die faschistische Logik. Nicht jede Zweck-Mittel-Vertauschung ist faschistisch - aber jeder Faschismus basiert auf dieser Perversion.
Die kritischen Fragen müssen gestellt werden: Wem dient das? Wer wird zum Mittel gemacht? Gibt es Grenzen? Ist Selbstkorrektur möglich? Wenn ein System diese Fragen nicht mehr stellt - oder nicht mehr stellen darf - ist es auf dem Weg in die Barbarei.
Carl Schmitt: Politische Theologie. Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität, München/Leipzig: Duncker & Humblot, 1922. ↩︎
Carl Schmitt: Der Begriff des Politischen, München: Duncker & Humblot, 1932 (erweiterte Fassung der Erstausgabe von 1927). ↩︎
Carl von Clausewitz: Vom Kriege (1832), Buch I, Kapitel 1. ↩︎
Heinrich Himmler: Rede vor SS-Gruppenführern in Posen, 4. Oktober 1943. Dokumentiert in: Der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof, Nürnberg 1947, Bd. 29, S. 110-173. ↩︎
Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785), AA IV, S. 429. ↩︎