Losurdos These: Faschismus als Kolonialismus nach innen
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Bevor wir die drei Wege einzeln verfolgen, müssen wir eine radikale These diskutieren, die erst Jahrzehnte später formuliert wurde, aber für das Verständnis der Dritte-Welt-Rezeption zentral ist: Domenico Losurdos Kontinuitätsthese.
Domenico Losurdo (1941-2018) war italienischer Kommunist und Hegel-Spezialist. In den 1990er Jahren entwickelte er in Büchern wie Nietzsche, il ribelle aristocratico (1995) und später Controstoria del liberalismo (2005) die These: Der Faschismus war keine Abweichung von der europäischen Normalität, keine irrationale Regression, kein Betriebsunfall der Geschichte. Er war die Anwendung kolonialer Methoden auf Europa selbst.
Die drei Kontinuitäten
Erste Kontinuität: Rassismus Der Rassismus des 19. Jahrhunderts unterschied „zivilisierte“ von „primitiven“ Völkern. Europäer waren „Herrenmenschen“, Afrikaner, Asiaten, Indigene waren „Untermenschen“ oder bestenfalls „Naturvölker“, die europäische Vormundschaft brauchten.
Der NS-Rassismus übertrug das auf Europa: Juden, Slawen, Roma wurden zu „Untermenschen“ erklärt. Die Rhetorik war identisch. Die Legitimationsmuster waren identisch: biologische Minderwertigkeit, zivilisatorische Rückständigkeit, Gefahr der „Rassenmischung“.
Zweite Kontinuität: Lebensraum Die europäischen Kolonialmächte rechtfertigten ihre Expansion mit dem Bedarf an „Lebensraum“ für die wachsende Bevölkerung. Großbritannien, Frankreich, Belgien, die Niederlande schufen Weltreiche. Deutschland kam zu spät - das war ein Motiv für den Ersten Weltkrieg.
Die NS-Ideologie vom „Lebensraum im Osten“ war die Fortsetzung: Osteuropa sollte das deutsche „Indien“ werden, die slawischen Völker die Arbeitssklaven, die fruchtbaren Ebenen der Ukraine das Kornland für das Reich. Der „Generalplan Ost“ (1940-1942) war Kolonialismus: Vertreibung, Versklavung, Ansiedlung.[1]
Dritte Kontinuität: Vernichtung Genozid gab es vor dem Holocaust. Der Herero- und Nama-Genozid (1904-1908 in Deutsch-Südwestafrika, heute Namibia) war systematische Vernichtung: General von Trotha erließ den „Vernichtungsbefehl“, Herero wurden in die Wüste getrieben, Überlebende in Konzentrationslager gesteckt. Etwa 80% des Herero-Volkes wurden ermordet.[2]
Der Kongo unter belgischer Herrschaft (1885-1908): 10-15 Millionen Tote durch Zwangsarbeit, Verstümmelung, Terror. Die britische Kolonialpolitik in Indien: Millionen Tote in systematisch herbeigeführten Hungersnöten (Bengal 1943: 3 Millionen Tote - während des Zweiten Weltkriegs!).[3]
Der Holocaust war quantitativ größer, qualitativer noch extremer (industrielle Vernichtung), ideologisch radikaler (eliminatorischer Antisemitismus). Aber die Methoden - Konzentrationslager, Zwangsarbeit, Deportation, systematische Tötung - waren nicht neu. Sie wurden in den Kolonien entwickelt und erprobt.
Hannah Arendts Hinweis
Hannah Arendt deutete diese Verbindung in The Origins of Totalitarianism (1951) an, besonders im Kapitel über Imperialismus. Sie schrieb:
„Die Nazis haben nichts anderes getan, als die Methoden der imperialistischen Eroberung auf europäische Völker anzuwenden. […] Was den Totalitarismus vom gewöhnlichen Despotismus unterscheidet, ist nicht Grausamkeit oder Willkür, sondern dass er auf der Idee beruht, Menschen seien überflüssig. Diese Idee entstand in den Kolonien.“[4]
Arendt zeigte: Die Verwaltung „überflüssiger Menschen“ in Kolonien - Menschen, die man nicht assimilieren konnte und nicht brauchte, die aber „im Weg waren“ - entwickelte Techniken der Segregation, Konzentration, letztlich Vernichtung. Diese wurden nach Europa zurückgebracht.
Der französische Psychiater und Philosoph Frantz Fanon, selbst aus Martinique stammend, schrieb 1961:
„Die Kolonisierung ist nicht zufrieden damit, den Kolonisierten ihr Ding aufzuzwingen. Sie ist nicht damit zufrieden, dass der Raum des Kolonisierten leer ist. Sie hat das Bedürfnis, den Kolonisierten davon zu überzeugen, dass die Kolonisierung ihm Leben bringt. Und wenn der Kolonisierte es nicht versteht, muss er eliminiert werden.“[5]
Das systematische Problem: Anachronismus oder berechtigte Verbindung?
Losurdos These ist umstritten. Kritiker werfen ihm Anachronismus vor: Den Holocaust von etwas her zu deuten, das vorher kam, bedeutet nicht notwendig, dass es kausale oder systematische Verbindungen gibt. Der Genozid an den Herero war anders motiviert (koloniale Profitgier, „Bestrafung“ nach Aufstand), anders strukturiert (kein industrieller Vernichtungsapparat), anders ideologisch fundiert (kein eliminatorischer Rassismus im Stil der NS-Rassentheorie).
Aber: Die These hat systematische Berechtigung für die Analyse der Hegel-Rezeption. Denn für die Denker der Dritten Welt - Fanon, Senghor, Césaire in Afrika, Leopoldo Zea in Lateinamerika, die Kyoto-Schule in Japan - war diese Verbindung existenziell erfahrbar. Sie hatten Kolonialismus erlebt. Und als sie von Auschwitz hörten, war ihre Reaktion: „Das ist, was ihr mit uns gemacht habt - nun macht ihr es mit Europäern.“
Das erklärt, warum Hegels Herr-Knecht-Dialektik für sie so zentral wurde: Sie lasen sie nicht als abstrakte Phänomenologie des Selbstbewusstseins (wie deutsche Professoren), sondern als Theorie kolonialer Unterdrückung und Befreiung. Der Kolonisierte ist der Knecht, der arbeitet, während der Kolonisator den Ertrag genießt. Aber der Knecht wird sich seiner selbst bewusst - und rebelliert.
Diese Lesart ist nicht anachronistisch Hegel aufgezwungen. Hegel selbst schrieb über Kolonien, über „zivilisierte“ und „unzivilisierte“ Völker, über die „Kindheitsstufen“ der Menschheit. Seine Geschichtsphilosophie ist eurozentrisch. Das ist nicht zu leugnen. Aber die Herr-Knecht-Dialektik selbst enthält das Werkzeug zur Kritik des Eurozentrismus: Anerkennung ist wechselseitig, oder sie ist gar nicht.
Relevanz für dieses Buch
Losurdos These ist für uns wichtig, weil sie den systematischen Zusammenhang zwischen den drei Wegen nach Auschwitz verdeutlicht:
- Der Westen sagt: Totalitarismus kam durch zuviel Staat, zuviel Planung, zuviel Kollektivismus
- Der Osten sagt: Faschismus kam durch Kapitalismus, durch Klassenherrschaft, durch Imperialismus
- Die Dritte Welt sagt: Faschismus war Kolonialismus nach innen - ihr habt mit euch selbst gemacht, was ihr mit uns gemacht habt
Alle drei Diagnosen erfassen etwas. Aber nur zusammen ergeben sie ein vollständiges Bild. Und für eine Hegel-Interpretation bedeutet das:
- Der Westen betont Hegels Freiheitstheorie (Individuum, Rechte, Pluralismus)
- Der Osten betont Hegels Gerechtigkeitstheorie (Vermittlung, Sittlichkeit, Allgemeines)
- Die Dritte Welt betont Hegels Anerkennungstheorie (Herr-Knecht, Kampf um Anerkennung)
Keine Lesart ist falsch. Aber jede ist einseitig. Die Synthese wäre: Alle drei Aspekte sind systematisch notwendig. Freiheit ohne Gerechtigkeit führt zu Ausbeutung. Gerechtigkeit ohne Freiheit führt zu Unterdrückung. Und beides ohne wechselseitige Anerkennung führt zu Kolonialismus und Totalitarismus.
Das ist die Einsicht, zu der die drei Wege nach Auschwitz uns führen müssen - aber 1945 ist sie noch nicht erreicht.
Der „Generalplan Ost“ sah vor: 31 Millionen Menschen in Osteuropa zu deportieren oder zu ermorden, 10 Millionen Deutsche anzusiedeln, die slawischen „Reste“ als Arbeitssklaven zu halten. Das Dokument ist erhalten und belegt die koloniale Logik. ↩︎
Zu Deutsch-Südwestafrika siehe: Jürgen Zimmerer, Joachim Zeller (Hrsg.): Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia und seine Folgen (2003). Zimmerer argumentiert explizit für Kontinuitäten zum Holocaust. ↩︎
Madhusree Mukerjee: Churchill’s Secret War: The British Empire and the Ravaging of India during World War II (2010) dokumentiert, wie die britische Kolonialverwaltung Nahrungsmittel aus Bengalen abzog, obwohl Hungersnot drohte. ↩︎
Hannah Arendt: The Origins of Totalitarianism (1951), Part Two: Imperialism. Die genaue Formulierung variiert je nach Ausgabe, aber der Kern ist: Totalitarismus hat koloniale Wurzeln. ↩︎
Frantz Fanon: Les Damnés de la Terre (1961), Vorwort von Jean-Paul Sartre. Die genaue Stelle ist in Kapitel 1 „Von der Gewalt“. ↩︎