Die dialektische Grundspannung (1945-1956): Drei Wege aus einem Widerspruch

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Der zentrale Widerspruch

Die DDR stand von Anfang an vor einem performativen Widerspruch:

Einerseits: Die DDR behauptete, der “dialektische” Staat zu sein. Der Marxismus sei die Synthese von Hegels Dialektik und Feuerbachs Materialismus. Also: Hegel gehört zur eigenen Tradition.

Andererseits: Stalin hatte 1944 (in einer Geheimkonferenz des ZK der KPdSU) erklärt: Hegel sei “aristokratische Reaktion gegen die französische Revolution”, Vorläufer des Faschismus, habe keinen Einfluss auf Marx gehabt.[1] Diese Position wurde 1952 in der deutschen Ausgabe der “Großen Sowjet-Enzyklopädie” verbreitet: Hegel = reaktionär, mystifizierend, deutschnational.[2]

Das Problem: Wie kann man dialektisch sein ohne Hegel? Oder genauer: Wie kann man behaupten, von Hegel zu lernen, wenn die Siegermacht sagt, Hegel sei reaktionär?

Dieser Widerspruch war nicht abstrakt. Er war existentiell für jeden DDR-Philosophen, der ernsthaft dachte. Drei Positionen entstanden als Antwortversuche:

Position 1: Stalin-Orthodoxie (Rugard Otto Gropp)

Rugard Otto Gropp (1907-1976), Professor in Leipzig, KZ-Überlebender, formulierte 1954 in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie die härteste Linie: “Die marxistische dialektische Methode und ihr Gegensatz zur idealistischen Dialektik Hegels”.[3]

Seine Lösung des Widerspruchs: Hegel komplett ablehnen. Die Dialektik komme direkt von Marx, Lenin, Stalin - nicht von Hegel. Wer sich auf Hegel berufe, sei “Hegelianer” wie Lassalle (Opportunist, wollte Arbeiter vom Klassenkampf abbringen). Die Beschäftigung mit Hegel sei “Klassenkampf auf philosophischem Gebiet”.[4]

Der innere Widerspruch dieser Position: Marx und Engels selbst hatten Hegel ständig gelobt. Marx: Hegel “faßt die Selbsterzeugung des Menschen als einen Prozeß… also das Wesen der Arbeit”.[5] Engels: “Die deutsche Arbeiterbewegung ist die Erbin der deutschen klassischen Philosophie”.[6] Gropp musste also behaupten, dass Marx/Engels sich selbst missverstanden hatten - oder dass Stalin klüger war als sie.

Die Absurdität gipfelte darin, dass Stalin diese Position nie schriftlich festgehalten hatte. Als Ernst Bloch bei Erich Wendt nachfragte, wo er Stalins Hegel-Urteil nachlesen könne, blieb die Suche erfolglos.[7] Es gab keine Quelle - nur Gerüchte, Parteitagsreden, inoffizielle Weisungen.

Position 2: Reform-Marxismus (Bloch, Harich, Lukács)

Die Gegenposition formulierten Ernst Bloch (Leipzig), Wolfgang Harich (Berlin) und - aus Budapest - Georg Lukács. Ihre Lösung: Zurück zu Hegel, um Marx zu verstehen.

Wolfgang Harich, Chefredakteur der Deutschen Zeitschrift für Philosophie (1953-1956), formulierte im Mai 1954 gegenüber Lukács: “Na, ich werde tüchtig zurückprügeln.”[8] Einstecken sollten Gropp und seine Mitstreiter. Harich verkündete öffentlich, Hegel sei kein Restaurationsphilosoph, sondern “geistige Wegbereiter der demokratisch-revolutionären Opposition erst Heines und dann auch des jungen Marx”.[9]

Ernst Bloch, noch deutlicher, sagte später: “Ich lasse auf Hegel nicht scheißen!” - ein Zitat, das indirekt gegen Stalin selbst gerichtet war.[10]

Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie (1953-1956) wurde zum Forum für diese Position. Herausgeber: Arthur Baumgarten, Ernst Bloch, Wolfgang Harich, Karl Schröter. Das Konzept: Ein gesamtdeutsches Forum für marxistische Intellektuelle, “durch möglichst hohes Niveau” die philosophisch interessierte Intelligenz für marxistisches Gedankengut öffnen.[11]

Die Zeitschrift publizierte Arbeiten von internationalem Niveau: Klaus Zweiling kritisierte Lenins Materiebegriff (1953!), Lukács verteidigte Hegel gegen Schelling, Werner Krauss schrieb über “Karl Marx im Vormärz”.[12] Das war freier marxistischer Fachdiskurs - nicht Propaganda, sondern differenzierte Problementwicklung.

Der innere Widerspruch dieser Position: Sie setzte voraus, dass die Partei Selbstkritik zuließ. Aber eine Partei, die sich als “Avantgarde” verstand, konnte keine Kritik ertragen. Der Reform-Marxismus war systemisch unmöglich in einem Staat, der Freiheit als Gefahr behandelte.

Position 3: Naturphilosophie-Nische (Ruben, Warnke, Wahsner)

Die dritte Position war taktischer: Hegel für Wissenschaftstheorie nutzen, nicht für Gesellschaftstheorie. Das war weniger politisch gefährlich.

Peter Ruben (geb. 1933) entwickelte ab den 1960er Jahren eine Philosophie der Arbeit: Wissenschaft als “allgemeine Arbeit”, Dialektik (Konkreta) vs. Analytik (Abstrakta, Mathematik).[13] Das war hochgradig hegelsisch, aber anwendbar auf Physik, Biologie, Mathematik - nicht auf Politik.

Camilla Warnke arbeitete zu Dialektik und Systemdenken, Renate Wahsner zu Hegels Naturphilosophie im Lichte moderner Physik.[14] Diese Arbeiten waren philosophisch anspruchsvoll, international rezipiert - aber politisch unauffällig (zunächst).

Der innere Widerspruch dieser Position: Auch Arbeitsphilosophie hat politische Implikationen. Wenn Arbeit Selbsterzeugung ist (wie bei Hegel), dann sind Arbeiter Subjekte, keine Objekte der Parteiführung. Das wurde der SED später bewusst - und führte zur Ruben-Affäre (1980-1981).

Die Hegel-Debatte (1954-1956): Gropp verliert

Als Gropp 1954 seine Attacke publizierte, stellten die Herausgeber der DZfPh den Artikel “zur Diskussion” - gegen die Empfehlung Kurt Hagers (Politbüro).[15] Es folgte eine lebhafte und durchaus nicht einseitige Diskussion, die von Heft 3/1954 bis 4/1957 lief.[16]

Gegen Gropp (Mehrheit): Auguste Cornu, Fritz Behrens, Wolfgang Schubardt, Erhard Albrecht, Wolfgang Mönke, Helmut Seidel, Klaus Gäbler, Iring Fetscher, Jürgen Kuczynski.

Für Gropp (Minderheit): Josef Schleifstein, Joachim Höppner.

Ernst Bloch fasste das Ergebnis 1957 zusammen: “Sechs Diskussionsteilnehmer […] zum Teil mit schärfster Ablehnung, gegen Gropps Auffassung […] und nur zwei […] für sie.”[17]

Die Debatte war eine philosophische Niederlage für die Stalin-Orthodoxie. Aber sie endete nicht philosophisch, sondern politisch.

Das jähe Ende: Ungarn 1956

Am 14. November 1956 hielt Ernst Bloch in der Berliner Humboldt-Universität eine Hegel-Rede zum 125. Todestag des Philosophen. Das Datum war kein Zufall: Es war mitten im Ungarn-Aufstand. Sowjetische Panzer waren am 4. November in Budapest einmarschiert, Imre Nagy verhaftet.[18]

Bloch sprach trotzdem - oder gerade deshalb. Seine Botschaft: “Solche Kerngedanken [Hegels] sind nie vergangen und wer sich ihnen zuwendet, blickt nicht rückwärts, sondern faßt […] das Unabgegoltene, das echte Problem.”[19] Das war ein verschlüsselter Appell: Hegel ernst nehmen heißt, das Unabgegoltene erkennen - auch im Sozialismus.

Fünfzehn Tage später, am 29. November 1956, wurde Wolfgang Harich verhaftet. Fünf Tage nach dem zweiten Einmarsch sowjetischer Truppen in Budapest hatte das Politbüro der SED beschlossen: Schluss mit der Debatte.[20]

Das Heft 5/1956 der Deutschen Zeitschrift für Philosophie wurde beschlagnahmt. Es sollte Artikel von Bloch, Harich, Fritz Bassenge und Hermann Klenner enthalten - alle verteidigten Hegel gegen die Stalin-Linie. Das Heft erschien nie. Stattdessen kam im Februar 1957 ein “Doppelheft 5-6/1956” heraus - mit neuem Chefredakteur, ohne die zensierten Artikel.[21]

Im März 1957 folgten die Schauprozesse: Wolfgang Harich erhielt 10 Jahre Zuchthaus wegen “Bildung einer konterrevolutionären Gruppe”. Mitangeklagte: Walter Janka (Leiter Aufbau-Verlag), Gustav Just, Erich Loest. Zuschauer: Anna Seghers, Helene Weigel.[22]

Ernst Bloch wurde 1957 zwangsemeritiert. 1961, beim Bau der Mauer, floh er nach West-Berlin (mit 76 Jahren!). Hans Mayer, ebenfalls angegriffen, folgte später.[23]

Die Herausgeber der Deutschen Zeitschrift für Philosophie (Baumgarten, Bloch, Harich, Schröter) wurden abgesetzt - kommentarlos. Die Zeitschrift erschien weiter, aber unter neuer Leitung. Im Leitartikel 1/1957 verhöhnte die neue Redaktion die “vermittlungssüchtigen Quacksalbereien” - eine Anspielung auf die Hegel-Debatte. “Vermittlung” à la Hegel sei gefährlich, man könne nicht versöhnen, “was schlechterdings nicht versöhnt werden kann”.[24]

Der “Frühling der Philosophie” war vorbei. Die Reform-Marxisten waren verhaftet, vertrieben oder mundtot gemacht. Eine neue Generation trat auf - Wolfgang Heise, Götz Redlow, Hermann Scheler, Gottfried Stiehler - aber unter anderen Vorzeichen. Man hatte gelernt: Hegel ja, aber vorsichtig. Keine offene Kritik an Stalin mehr. Nur noch Detailforschung, Editionsarbeit, Naturphilosophie.

Systematische Bewertung der Grundspannung

Der Widerspruch von 1945-1956 war kein Zufall, sondern systematisch:

  1. Die DDR konnte Hegel nicht ablehnen (weil Marx/Engels sich auf ihn beriefen).
  2. Die DDR konnte Hegel nicht ernst nehmen (weil das Selbstkritik, Freiheit, Anerkennung gefordert hätte).
  3. Also instrumentalisierte die DDR Hegel: Dialektik ja (als Methode), aber Emanzipation nein (als Inhalt).

Das funktionierte nur unter Zwang. Sobald Philosophen Hegel wirklich lasen (wie Bloch, Harich, Ruben), kamen sie zur Kritik am System. Deshalb musste das System diese Philosophen zum Schweigen bringen.

Die Lehre (mit unserer Hegel-Interpretation): Man kann Hegel nicht selektiv nutzen. Die Dialektik ist keine Technik, die man vom Inhalt trennen könnte. Wer Hegels Methode anwendet, muss auch seine Prinzipien akzeptieren: Selbstkritik als Motor der Entwicklung, Freiheit als Bedingung der Wahrheit, gegenseitige Anerkennung als Struktur der Vernunft. Ein System, das das ablehnt, kann keine hegelsche Dialektik haben - nur deren Travestie.


  1. Siehe Band 1, Kapitel 16.2. Die Formulierung stammt nicht direkt von Stalin (es gibt keine Originalschrift), sondern wurde durch Shdanow popularisiert: Andrei A. Shdanow, “Über die Geschichte der Philosophie” (1947). ↩︎

  2. Große Sowjet-Enzyklopädie, deutsche Ausgabe, Berlin 1952, zitiert in: Hedtke, “Skizze zur Geschichte der Hegel-Literatur in der DDR”. ↩︎

  3. Rugard Otto Gropp, “Die marxistische dialektische Methode und ihr Gegensatz zur idealistischen Dialektik Hegels”, Deutsche Zeitschrift für Philosophie 2 (1954), Heft 1, S. 69-112; Heft 2, S. 344-383. ↩︎

  4. Gropp, “Die marxistische dialektische Methode”, S. 69-70. ↩︎

  5. Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844), MEW Ergänzungsband I, S. 574. ↩︎

  6. Friedrich Engels, “Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie” (1886), MEW 21, S. 307. ↩︎

  7. Helle Panke (Hrsg.), Wolfgang Harich und Georg Lukács. Wege zu einem neuen Marxismus, Berlin 2016, S. 18. ↩︎

  8. Zitiert in: nd-aktuell, “Ich lasse auf Hegel nicht scheißen”, 24. Januar 2023. ↩︎

  9. Wolfgang Harich, “Die Lehre von Marx und die Bildung der Intelligenz”, Deutsche Zeitschrift für Philosophie 2 (1954), Heft 2, S. 347-378. ↩︎

  10. Zitiert in: nd-aktuell, “Ich lasse auf Hegel nicht scheißen”, 24. Januar 2023. ↩︎

  11. Wolfgang Harich, Brief an Georg Lukács, 14. August 1953, zitiert in: Hedtke, “Skizze zur Geschichte der Hegel-Literatur in der DDR”. ↩︎

  12. Vgl. die Übersicht in: Hedtke, “Skizze zur Geschichte der Hegel-Literatur in der DDR”. ↩︎

  13. Peter Ruben, “Von der ‘Wissenschaft der Logik’ und dem Verhältnis der Dialektik zur Logik”, in: Hermann Ley (Hrsg.), Zum Hegelverständnis unserer Zeit, Berlin 1972, S. 235-260. ↩︎

  14. Renate Wahsner, “Zur Kritik der Hegelschen Naturphilosophie. Über ihren Sinn im Lichte der heutigen Naturerkenntnis”, Frankfurt a.M.: Peter Lang, 1996; Camilla Warnke, “Dialektik und Systemdenken in der Gesellschaftserkenntnis” (Habilitationsschrift 1980). ↩︎

  15. Vgl. Hedtke, “Skizze zur Geschichte der Hegel-Literatur in der DDR”. ↩︎

  16. Bundeszentrale für politische Bildung, “Das Verhältnis des Marxismus zu Hegel. Politische Hintergründe einer philosophischen Diskussion”, Aus Politik und Zeitgeschichte 20/1958. ↩︎

  17. Ernst Bloch, “Offener Brief an Bezirksleitung der SED Leipzig”, 22. Januar 1957, zitiert in: Hedtke, “Skizze zur Geschichte der Hegel-Literatur in der DDR”. ↩︎

  18. Aleksandr Solschenizyn: Архипелаг ГУЛАГ (Archipel Gulag), Paris: YMCA-Press, 1973-1975 (3 Bände); dt. Bern: Scherz, 1974. ↩︎

  19. Ernst Bloch, “Hegel-Ehrung zum 125. Todestag” (14. November 1956), zitiert in: Hedtke, “Skizze zur Geschichte der Hegel-Literatur in der DDR”. ↩︎

  20. Guntolf Herzberg, “Wolfgang Harich - eine philosophische Wiederentdeckung”, Helle Panke, Heft 146, Berlin 2017. ↩︎

  21. Vgl. die Dokumentation in: Guntolf Herzberg, “Wolfgang Harich und die Gruppe Harich”, Helle Panke, Heft 146, Berlin 2017. ↩︎

  22. German History in Documents and Images, “Der Philosophieprofessor Wolfgang Harich (Dezember 1956)”. ↩︎

  23. Bundeszentrale für politische Bildung, “Die intellektuelle Opposition in der DDR seit 1956. Ernst Bloch – Wolfgang Harich – Robert Havemann”, Aus Politik und Zeitgeschichte 45/1977. ↩︎

  24. “Leitartikel”, Deutsche Zeitschrift für Philosophie 5 (1957), Heft 1, zitiert in: Hedtke, “Skizze zur Geschichte der Hegel-Literatur in der DDR”. ↩︎