Der späte Wittgenstein als systematische Antwort auf das Scheitern des Wiener Kreises

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band I, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Die Wende: Vom Tractatus zur Kritik des logischen Empirismus

Der späte Wittgenstein ist nicht zu verstehen ohne seine Auseinandersetzung mit dem Wiener Kreis. Die „Philosophischen Untersuchungen“ (posthum 1953) sind nicht nur Selbstkritik des Tractatus, sondern zugleich radikale Kritik des gesamten Projekts des logischen Empirismus - eines Projekts, das sich auf Wittgensteins Frühwerk berufen hatte.

Die dramatische Ironie: Der Wiener Kreis las den Tractatus als Gründungsmanifest der wissenschaftlichen Philosophie. Wittgenstein selbst distanzierte sich zunehmend von dieser Interpretation. Die Dialoge zwischen Wittgenstein und Mitgliedern des Kreises (1927-1932) waren von wechselseitigem Missverständnis geprägt. Schlick und Waismann versuchten, Wittgenstein für ihr Programm zu gewinnen. Wittgenstein entwickelte in diesen Gesprächen gerade die Einsichten, die dieses Programm untergraben würden.[1]

Was Wittgenstein am Wiener Kreis kritisierte:

  1. Die Idee der idealen Sprache: Der Kreis suchte eine logisch perfekte Sprache, die die Struktur der Wirklichkeit abbildet. Wittgenstein erkannte: Das ist eine Illusion. Es gibt nicht die eine Sprache, sondern viele Sprachen - Sprachspiele mit verschiedenen Zwecken und Regeln.

  2. Das Verifikationsprinzip: Die Reduktion auf empirische Verifikation ist zu eng. Bedeutung entsteht nicht durch Abbildung oder Verifikation, sondern durch Gebrauch in konkreten Praktiken. Der Satz „Ich habe Schmerzen“ ist nicht durch Beobachtung verifizierbar (niemand außer mir kann meine Schmerzen beobachten), aber dennoch sinnvoll.

  3. Die Trennung von Logik und Empirie: Der Kreis trennte strikt zwischen analytischen (logischen) und synthetischen (empirischen) Sätzen. Wittgenstein sah: Diese Trennung ist künstlich. Die Grenzen sind fließend. Was wir „logisch“ nennen, ist oft nur eine sehr fest etablierte Regel unserer Sprachspiele.

  4. Die Idee der Protokollsätze: Der Versuch, alle Aussagen auf Protokollsätze über unmittelbare Erfahrung zu reduzieren, scheitert. Es gibt keine „reinen“ Beobachtungssätze ohne begriffliche Interpretation. Alle Erfahrung ist immer schon sprachlich strukturiert.

Die systematische Wende: Wittgenstein vollzog eine pragmatische Wende. Nicht mehr die Frage „Was ist die logische Struktur der Sprache?“ steht im Zentrum, sondern: „Wie verwenden wir tatsächlich Sprache? Welche Spiele spielen wir? Welche Regeln gelten in verschiedenen Kontexten?“

Die Pluralität der Sprachspiele - Die Auflösung der einen Logik

Die zentrale Neuerung des späten Wittgenstein ist das Konzept der Sprachspiele. Ein Sprachspiel ist eine Praxis des Sprechens, eingebettet in eine Lebensform - eine Art zu leben, zu handeln, zu interagieren.[2]

Beispiele für verschiedene Sprachspiele:

  • Befehlen und nach Befehlen handeln
  • Beschreiben eines Gegenstands nach seinem Aussehen oder seinen Maßen
  • Einen Gegenstand nach einer Beschreibung anfertigen
  • Über ein Ereignis berichten
  • Über das Ereignis Vermutungen anstellen
  • Eine Hypothese aufstellen und prüfen
  • Eine Geschichte erfinden und lesen
  • Theater spielen
  • Einen Witz machen und erzählen
  • Ein Rätsel lösen
  • Einen Wunsch äußern
  • Um etwas bitten
  • Danken, fluchen, grüßen, beten

Jedes dieser Sprachspiele hat eigene Regeln. Es gibt keine Meta-Regel, die alle Sprachspiele umfasst. Es gibt keine „Essenz“ der Sprache, die allen gemeinsam wäre.[3]

Die Herausforderung für den logischen Empirismus: Das Verifikationsprinzip gilt vielleicht für naturwissenschaftliche Aussagen - aber es ist selbst nur ein Sprachspiel unter vielen. Ethische Aussagen, ästhetische Urteile, religiöse Bekenntnisse folgen anderen Regeln. Sie sind nicht „sinnlos“, nur weil sie nicht empirisch verifizierbar sind - sie spielen andere Sprachspiele.

Die Herausforderung für Hegel: Wenn es keine einheitliche Vernunftstruktur gibt, wenn verschiedene Sprachspiele inkommensurabel sind, wenn jede Lebensform ihre eigenen Standards hat - wie ist dann noch systematische Philosophie möglich? Hegels Anspruch, die Strukturen der Vernunft überhaupt zu explizieren, scheint absurd. Es gibt keine „Vernunft überhaupt“, nur verschiedene, gleichberechtigte Rationalitätsformen.

Familienähnlichkeiten statt Essentialismus - Die Kritik der Dialektik der Allgemeinheit

Wittgenstein entwickelte den Begriff der Familienähnlichkeit als Alternative zur traditionellen Definitionslehre - und damit auch zu Hegels Dialektik der Allgemeinheit.[4]

Das klassische Beispiel: Was ist ein „Spiel“? Man sucht nach der gemeinsamen Eigenschaft, die alle Spiele teilen - und findet keine. Brettspiele, Ballspiele, Kartenspiele, Olympische Spiele - sie haben keine gemeinsame Essenz. Stattdessen gibt es ein Netz von Ähnlichkeiten: Manche Spiele haben Gewinner, andere nicht. Manche basieren auf Geschick, andere auf Glück. Manche sind unterhaltsam, andere ernst. Wie Familienmitglieder Ähnlichkeiten zeigen (gleiche Nase, gleiche Augen, gleiche Haarfarbe), ohne dass alle dieselben Merkmale teilen.

Die Kritik an Hegel: Hegels „Begriff“ ist die konkrete Allgemeinheit - die Einheit von Allgemeinem, Besonderem und Einzelnem. Der Begriff des Menschen ist nicht eine abstrakte Eigenschaft, sondern die Struktur, die sich in jedem Menschen individuell realisiert. Der Begriff ist lebendig, sich entwickelnd, konkret.

Wittgenstein sagt: Es gibt oft gar keine Allgemeinheit - nur ein loses Netz von Ähnlichkeiten. Man kann nicht sagen, was „Spiel“ ist - man kann nur verschiedene Spiele beschreiben und Ähnlichkeiten zeigen. Der Versuch, eine einheitliche Definition zu finden, führt zu leeren Abstraktionen.

Die systematische Differenz:

  • Hegel: Vom Abstrakten (formale Allgemeinheit) über das Besondere (Differenzierung) zum Einzelnen (konkrete Realisierung). Der Begriff entwickelt sich dialektisch.
  • Wittgenstein: Es gibt keine Entwicklung, keine Dialektik. Es gibt nur die Beschreibung der verschiedenen Verwendungen. Philosophie ist nicht Theorie, sondern Beschreibung.

„Die Philosophie lässt alles, wie es ist“ - Die therapeutische Wende

Die radikalste Konsequenz von Wittgensteins Spätphilosophie ist der Verzicht auf philosophische Theorie. Philosophie hat nicht die Aufgabe zu erklären, zu begründen, zu systematisieren - sondern zu beschreiben und zu klären.[5]

Die berühmte These: „Die Philosophie darf den tatsächlichen Gebrauch der Sprache in keiner Weise antasten, sie kann ihn am Ende also nur beschreiben. […] Sie lässt alles, wie es ist.“ (Philosophische Untersuchungen, §124)

Die therapeutische Konzeption: Philosophische Probleme sind Sprachverwirrungen. Sie entstehen, wenn wir Sprache aus ihrem natürlichen Kontext reißen und nach „dem Wesen“ fragen. Die Aufgabe der Philosophie ist nicht, diese Probleme zu lösen, sondern sie aufzulösen - zu zeigen, dass sie auf Missverständnissen beruhen.

Die Kritik am Wiener Kreis: Der Kreis wollte die Metaphysik „überwinden“ durch ein positives Programm - das Verifikationsprinzip, die Protokollsprache, die Einheitssprache der Wissenschaft. Aber dieses Programm ist selbst metaphysisch. Es setzt Standards, die nicht begründet werden können. Es will die Philosophie wissenschaftlich machen - aber Wissenschaft ist selbst nur ein Sprachspiel unter vielen.

Die Kritik an Hegel: Hegels System will die Strukturen der Vernunft explizieren, die Kategorien entwickeln, das Absolute erreichen. Aber das ist ein metaphysisches Projekt. Es unterstellt, dass es eine verborgene Tiefe gibt, die die Philosophie aufdecken muss. Wittgenstein sagt: Es gibt keine verborgene Tiefe. Alles liegt offen da. Die Philosophie muss nur die Verwirrungen beseitigen, die uns daran hindern, das Offene zu sehen.

Die Grenzen des Wittgensteinschen Pluralismus - Die systematische Frage

Wittgensteins Spätphilosophie ist eine radikale Herausforderung für jede systematische Philosophie - auch für eine erneuerte Dialektik. Aber sie hat auch systematische Grenzen:

1. Die Unmöglichkeit der Kritik: Wenn jedes Sprachspiel seine eigenen Regeln hat und es keine übergreifenden Standards gibt - wie ist dann Kritik möglich? Wittgenstein sagt: „Wenn ich den Anderen gebe Befolgung einer Regel bestreite, so muss ich in der Lage sein zu sagen, worin er abweicht.“ Aber wenn verschiedene Sprachspiele inkommensurabel sind, gibt es keine gemeinsame Basis für Kritik.

Beispiel: Ein religiöses Sprachspiel hat andere Regeln als ein wissenschaftliches. Wenn ich sage „Gott existiert“, spiele ich ein anderes Spiel als wenn ich sage „Elektronen existieren“. Die Frage „Existiert Gott wirklich?“ setzt voraus, dass beide Aussagen demselben Sprachspiel angehören - aber das tun sie nicht. Also ist die Frage sinnlos. Aber ist das nicht ein Freibrief für Irrationalismus? Jedes Sprachspiel könnte sich der Kritik entziehen mit dem Verweis: „Du spielst ein anderes Spiel.“

2. Die Selbstanwendung des Konzepts: Ist Wittgensteins eigene Philosophie nicht selbst ein Sprachspiel? Wenn ja, warum sollte es privilegiert sein? Wittgenstein antwortet: Philosophie ist keine Theorie, sondern Tätigkeit - sie ist wie eine Leiter, die man wegwirft, nachdem man sie benutzt hat. Aber das ist dieselbe Paradoxie wie im Tractatus. Die Philosophie widerlegt sich selbst.

3. Die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit: Wittgenstein beschreibt verschiedene Sprachspiele. Aber er fragt nicht: Welche Strukturen müssen vorausgesetzt sein, damit verschiedene Sprachspiele möglich sind? Diese transzendentale Frage - Kants und Hegels Frage - wird von Wittgenstein nicht gestellt. Aber sie ist unvermeidlich, wenn man nicht in bloßem Pluralismus verharren will.


  1. Zur Beziehung zwischen Wittgenstein und dem Wiener Kreis vgl. Brian McGuinness: Wittgenstein. A Life: Young Ludwig 1889-1921, London: Duckworth, 1988; sowie Friedrich Waismann: Wittgenstein und der Wiener Kreis, hrsg. von B.F. McGuinness, Oxford: Blackwell, 1967. ↩︎

  2. Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen, hrsg. von G.E.M. Anscombe & R. Rhees, Oxford: Blackwell, 1953 (dt. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1971), §§7, 23. ↩︎

  3. Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, §23: „Wieviele Arten der Sätze gibt es aber? […] Es gibt unzählige solcher Arten.“ ↩︎

  4. Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, §§66-67 (Familienähnlichkeiten am Beispiel „Spiel“). ↩︎

  5. Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, §124: „Die Philosophie darf den tatsächlichen Gebrauch der Sprache in keiner Weise antasten, sie kann ihn am Ende also nur beschreiben.“ ↩︎