Der Terrorismus - Die dunkle Seite von 1968

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Die Bewegung des Ganzen - Vom Protest zur Gewalt

Der Terrorismus ist der dunkle Schatten von 1968. Wenn friedlicher Protest scheitert, wenn Reformen ausbleiben, wenn das System repressiv reagiert - ist dann Gewalt legitimiert? Kleine Minderheiten in Deutschland (RAF), Italien (Brigate Rosse), USA (Weather Underground), Japan (Rote Armee Fraktion) beantworten diese Frage mit Ja - und stürzen sich und die Bewegung in die Katastrophe.

Die Logik der Eskalation:

  1. Protest (friedlich) -> wird ignoriert
  2. Militante Aktionen (Sachbeschädigung) -> werden repressiv beantwortet
  3. Bewaffneter Kampf (Anschläge auf Personen) -> wird zum „Krieg“
  4. Terror (willkürliche Gewalt) -> wird zur Selbstzerstörung

Diese Eskalation ist nicht zufällig, sondern folgt einer Logik, die bereits Hegel beschrieben hatte - als Warnung.

Hegels Urteil gegen den Terrorismus - Der Kotzebue-Mord (1819)

Am 23. März 1819 erdolcht der Theologiestudent Karl Ludwig Sand den Schriftsteller August von Kotzebue in Mannheim. Sand ist Mitglied der Burschenschaften - radikale nationalistische Studentenverbindungen, die für ein geeintes, freies Deutschland kämpfen. Kotzebue gilt als Verräter - er steht im Verdacht, für den russischen Zaren zu spionieren, er verspottet die nationale Bewegung in seinen Theaterstücken.

Sand tötet Kotzebue aus politischer Überzeugung - als „Tyrannenmord“, als Akt der Befreiung. Auf dem Weg zum Schafott ruft er: „Es lebe das freie Deutschland!“ Er wird zum Märtyrer der Bewegung - Gedichte werden auf ihn geschrieben, sein Portrait verkauft sich tausendfach.[1]

Hegels Reaktion: Hegel ist entsetzt. In seiner Vorlesung über Rechtsphilosophie (1819/20) und in der Vorrede zu den „Grundlinien“ (1820) verurteilt er den Mord scharf - ohne Sand beim Namen zu nennen, aber unzweifelhaft auf ihn bezogen.[2]

Die systematische Kritik: Erstens: Willkür statt Recht. Sand handelt aus subjektiver Überzeugung - er meint, Recht zu haben. Aber subjektive Gewissheit ist keine Legitimation für Mord. Wenn jeder töten darf, der sich im Recht fühlt, herrscht nicht Freiheit, sondern Anarchie. Recht muss objektiviert sein - in Gesetzen, Verfahren, Institutionen. Wer diese umgeht, setzt Willkür an die Stelle von Recht.[3]

Zweitens: Abstraktion statt Konkretion. Sand tötet für eine Idee - das „freie Deutschland“. Aber diese Idee ist abstrakt - sie hat keine konkrete Gestalt, keine Institutionen, keine Realisierung. Kotzebue ist kein „Tyrann“ (kein Machthaber), sondern ein Privatmann - ein Schriftsteller. Ihn zu töten verändert nichts an den politischen Verhältnissen. Es ist symbolische Gewalt - ausgedrückt wird Gesinnung, nicht verändert die Realität.[4]

Drittens: Romantischer Subjektivismus. Hegel sieht in Sand (und den Burschenschaften) einen politischen Romantizismus - die Erhebung subjektiver Gefühle (Begeisterung, Empörung, Hass) zum politischen Prinzip. Aber Politik kann nicht auf Gefühlen basieren - sie braucht Institutionen, die unabhängig von subjektiven Stimmungen funktionieren. Der romantische Terrorist glaubt, durch seine Tat Geschichte zu machen - aber er macht nur Märtyrer (sich selbst) und Opfer (den Ermordeten), keine neue Ordnung.[5]

Viertens: Die Professoren als Brandstifter. Hegel kritisiert nicht nur Sand, sondern die Professoren (besonders Jakob Friedrich Fries in Jena), die den Studenten Radikalismus predigen. Sie reden von Freiheit, Vaterland, Widerstand gegen Tyrannei - aber treiben damit naive junge Menschen in Verbrechen. Sie sind Scharfmacher, die selbst keine Risiken eingehen, aber andere in den Tod schicken. Hegel nennt das „Gesinnungsethik“ - Verantwortung nur für Absichten, nicht für Folgen.[6]

Die Konsequenz: Nach dem Kotzebue-Mord kommen die Karlsbader Beschlüsse (1819) - Zensur, Überwachung der Universitäten, Verbot der Burschenschaften. Die Reaktion nutzt den Terror als Vorwand für Repression. Sand wollte Freiheit - er brachte Unterdrückung. Das ist die dialektische Ironie des Terrorismus: Er erreicht das Gegenteil dessen, was er will.

Die RAF - Hegels Warnung verwirklicht (1970-1977)

Die Rote Armee Fraktion (RAF, gegründet 1970 von Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof) wiederholt strukturell, was Sand 150 Jahre zuvor tat - mit denselben fatalen Konsequenzen.[7]

Die Legitimation: Die RAF beruft sich auf Fanon („Gewalt als Selbstbefreiung“), Mao („Macht kommt aus den Gewehrläufen“), Che Guevara („Foco-Theorie“). Sie verstehen sich als Guerilla im Inneren - der antiimperialistische Kampf der Dritten Welt wird nach Deutschland getragen. Der deutsche Staat ist nicht demokratisch, sondern faschistoid - Kontinuität zum NS-Staat, nur subtiler. Gewalt gegen diesen Staat ist Notwehr.[8]

Die Praxis: Banküb

erfälle (Geldbeschaffung), Bombenanschläge (US-Hauptquartiere, Springer-Hochhaus), Entführungen (Schleyer 1977), Morde (Buback, Ponto, Schleyer). Die RAF tötet nicht nur „Repräsentanten des Systems“, sondern auch zufällige Opfer - Chauffeure, Polizisten, Passanten. Die Grenze zwischen politischer Gewalt und Terror verschwimmt.[9]

Der „Deutsche Herbst“ (1977): Kulminationspunkt. Entführung Schleyers, Flugzeugentführung nach Mogadischu, Befreiung durch GSG9, Selbstmord von Baader, Ensslin, Raspe in Stammheim, Ermordung Schleyers. Der Terror endet - aber der Schaden ist immens. Die Linke ist diskreditiert, die Gesellschaft traumatisiert, der Rechtsstaat hat seine Härte gezeigt (aber auch seine Stabilität - die Demokratie hält).[10]

Hegels Kritik - aktualisiert: Erstens: Willkür statt Recht. Die RAF erhebt sich zum Richter, Jury und Henker. Sie entscheidet, wer „Repräsentant des Systems“ ist und hingerichtet werden muss. Aber diese Entscheidung ist subjektiv - sie folgt keinem Verfahren, keiner Öffentlichkeit, keiner Revision. Schleyer wird zum Tode verurteilt in einem Volksgerichtshof von drei Personen - das ist Willkür, nicht Recht.

Zweitens: Abstraktion statt Konkretion. Die RAF kämpft für eine abstrakte Idee - den „Sozialismus“, die „Befreiung“, den „antiimperialistischen Kampf“. Aber diese Ideen haben keine konkrete Gestalt. Was genau soll nach dem Umsturz kommen? Wie soll die neue Gesellschaft organisiert sein? Die RAF hat keine Antworten - nur Negation. Das ist abstrakter Negativismus (Hegel) - Zerstörung ohne Konstruktion.

Drittens: Substitutionalismus. Die RAF meint, für die Arbeiterklasse zu kämpfen. Aber die Arbeiter wollen die RAF nicht - sie wählen SPD oder CDU, nicht RAF. Die RAF substituiert sich selbst für die Klasse, die sie zu vertreten behauptet. Das ist Avantgardismus als Selbstermächtigung - eine Minderheit spricht für eine Mehrheit, die sie ablehnt. Hegel würde sagen: Das ist nicht Freiheit (Selbstbestimmung der Vielen), sondern Despotismus (Herrschaft der Wenigen).[11]

Viertens: Performativer Widerspruch. Die RAF kämpft gegen „Faschismus“, verwendet aber faschistische Methoden - Gewalt gegen Unbeteiligte, Selbstjustiz, Todesurteile ohne Verfahren. Sie will Befreiung, erzeugt aber Terror - systematische Angst. Sie will den Staat schwächen, stärkt ihn aber (durch Notstandsgesetze, Überwachung, Repression). Das ist die dialektische Ironie - das Mittel widerspricht dem Zweck.

Brigate Rosse (Italien), Weather Underground (USA), Japanische Rote Armee

Der Terrorismus von 1968 ist nicht deutsch, sondern international. In Italien entführen die Brigate Rosse den Ministerpräsidenten Aldo Moro (1978), ermorden ihn nach 55 Tagen. In den USA sprengen die Weather Underground Regierungsgebäude (aber vermeiden bewusst Todesopfer). In Japan entführt die Japanische Rote Armee ein Flugzeug nach Nordkorea (1970).[12]

Die Gemeinsamkeiten:

  • Alle kommen aus der Studentenbewegung
  • Alle berufen sich auf Dritte-Welt-Befreiungskämpfe (Fanon, Che, Mao)
  • Alle scheitern - sie erreichen ihre Ziele nicht, diskreditieren die Linke, stärken den Staat

Die Unterschiede:

  • Weather Underground vermeidet Todesopfer (bombt nachts, wenn Gebäude leer sind) - weniger terroristisch als RAF
  • Brigate Rosse sind größer, organisierter, brutaler als RAF - töten über 80 Menschen
  • Japanische Rote Armee ist am internationalsten - kooperiert mit PLO, operiert weltweit

Hegels Warnung - Warum Terrorismus scheitern muss

Die systematische Lehre: Terrorismus ist nicht nur moralisch verwerflich, sondern auch systematisch aussichtslos. Und zwar aus drei Gründen:

Erstens: Keine gesellschaftliche Basis. Revolutionen brauchen Massenbewegungen - Arbeiter, Bauern, Mittelschicht. Terrorismus ist Minderheitenaktion - selbsternannte Avantgarden, die isoliert sind. Ohne Basis im Volk ist Revolution unmöglich. Die RAF hatte nie mehr als 50-70 Mitglieder (im harten Kern) - lächerlich wenig für einen „Bürgerkrieg“.[13]

Zweitens: Der Staat ist stärker. Moderne Staaten haben Polizei, Geheimdienste, Militär. Terroristen können Nadelstiche setzen, aber den Staat nicht stürzen. Die RAF tötete 34 Menschen in 20 Jahren - tragisch, aber kein Angriff auf die Substanz des Staates. Der Staat reagierte mit Repression (Fahndung, Überwachung, Notstandsgesetze) - und siegte. Der Terrorismus unterschätzt systematisch die Stabilität moderner Institutionen.[14]

Drittens: Performativer Widerspruch. Terrorismus will Freiheit, erzeugt aber Unfreiheit (Angst, Überwachung, Repression). Er will den Staat schwächen, stärkt ihn aber (Legitimation für Härte). Er will die Massen mobilisieren, isoliert sich aber (durch Gewalt). Das ist selbstwidersprüchlich - das Mittel widerspricht dem Zweck. Hegel hätte gesagt: Das ist keine Dialektik (die Widersprüche produktiv macht), sondern schlechte Unendlichkeit - sinnlose Wiederholung, die nichts erreicht.

Die moralische Dimension - Schuld und Verantwortung

Aber der Terrorismus wirft auch eine moralische Frage auf, die nicht systematisch beantwortet werden kann: Sind die Terroristen schuldig?

Die Täter sagen: Wir sind Soldaten in einem Krieg. Der Staat ist faschistoid, der Kapitalismus tötet Millionen (Hunger, Krieg, Unterdrückung). Wer gegen dieses System kämpft, ist nicht Verbrecher, sondern Freiheitskämpfer. Unsere Opfer sind bedauerlich, aber notwendig. (Ulrike Meinhof: „Wir sagen natürlich, die Bullen sind Schweine, wir sagen, der Typ in Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch…“[15])

Die Opfer sagen: Wir sind keine Repräsentanten eines Systems, sondern Menschen. Schleyers Chauffeur hatte keine politische Macht. Buback war Generalbundesanwalt, aber auch Vater, Ehemann, Mensch. Ihr tötet nicht „das System“, sondern konkrete Personen mit Namen, Gesicht, Familie. Das ist Mord, nicht Politik.

Hegel würde sagen: Beide Seiten haben partiell recht - aber beide sind einseitig. Der Staat ist repressiv (Notstandsgesetze, Berufsverbote, Überwachung). Der Kapitalismus produziert Leid (Ausbeutung, Armut, Krieg). Die Kritik ist berechtigt. Aber: Die Antwort darauf ist nicht individuelle Gewalt, sondern kollektive Transformation - durch Organisierung, Aufklärung, Institutionenreform. Wer die Vermittlung überspringt (Institutionen, Öffentlichkeit, Recht) und direkt zur Gewalt greift, landet bei Willkür - nicht bei Freiheit.


  1. Zum Kotzebue-Mord siehe Lionel Gossman: „Unwriting History: August von Kotzebue“ in: The Journal of Modern History 61 (1989). ↩︎

  2. Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts, Vorrede, Werke 7, S. 17-28. ↩︎

  3. Hegel, a.a.O., § 140 (Gewissen und Willkür). ↩︎

  4. Hegel, a.a.O., Vorrede über „Gesinnungsethik“. ↩︎

  5. Zu Hegels Kritik am Romantizismus siehe Terry Pinkard: Hegel: A Biography (2000), S. 461-467. ↩︎

  6. Zu Fries und Hegel siehe Klaus Vieweg: Hegel. Der Philosoph der Freiheit (2019), S. 387-395. ↩︎

  7. Zur RAF siehe Stefan Aust: Der Baader Meinhof Komplex (1985); Butz Peters: Tödlicher Irrtum (2004). ↩︎

  8. RAF: „Das Konzept Stadtguerilla“ (1971), abgedruckt in: RAF-Texte (1977). ↩︎

  9. Zur Chronologie siehe Butz Peters: RAF. Terrorismus in Deutschland (1991). ↩︎

  10. Zum Deutschen Herbst siehe Richard Huffman: The Guns of Autumn: The German Autumn of 1977 (2008). ↩︎

  11. Zur Substitutionslogik siehe Wolfgang Kraushaar: „Die RAF und der linke Terrorismus“ in: ders. (Hg.): Die RAF und der linke Terrorismus (2006). ↩︎

  12. Zu Brigate Rosse siehe Robert Meade: Red Brigades: The Story of Italian Terrorism (1990); zu Weather Underground siehe Dan Berger: Outlaws of America (2006). ↩︎

  13. Zur RAF-Mitgliederzahl siehe Butz Peters, a.a.O., S. 678-684. ↩︎

  14. Zum Staatsverständnis siehe Herfried Münkler: „Terrorismus als Kommunikationsstrategie“ in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 3-4/2002. ↩︎

  15. Ulrike Meinhof: „Kolumne“ in: konkret (1968), zitiert in: Jutta Ditfurth: Ulrike Meinhof (2007). ↩︎