Die sechs Strömungen der sowjetischen Hegel-Forschung
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Strömung 1: Die orthodox-mystische Linie (Solowjow -> Bulgakow -> Losew)
Die älteste russische Hegel-Tradition ist religiös-philosophisch und reicht ins 19. Jahrhundert zurück. Wladimir Solowjow (1853-1900), Sergej Bulgakow (1871-1944) und Alexej Losew (1893-1988) lasen Hegel als Metaphysiker des Absoluten, oft in Verbindung mit orthodoxer Theologie und Neuplatonismus.[1]
Hegel-Bild: Metaphysisch, theosophisch, platonisch. Hegel erscheint als Denker der Einheit von Geist, Gott und Welt. Die Logik wird symbolisch interpretiert, nicht als strenge Begriffswissenschaft.
Verhältnis zum Marxismus: Ablehnend. Diese Tradition ist anti-materialistisch und hatte keine Verbindung zu den sowjetischen marxistischen Schulen. Während der Sowjetzeit wurde sie unterdrückt; nach 1991 erlebte sie eine Renaissance (Sergej Choružij, orthodoxe Philosophieinstitute).
Institutionelle Form: Keine Universitätsschule im sowjetischen Sinn, sondern eine literarisch-theologische Tradition, die im Exil und im Untergrund überlebte.
Strömung 2: Die Lifschitz-Schule (Realismus, Ästhetik, Kulturkritik)
Mikhail Alexandrowitsch Lifschitz (1905-1983) ist im Westen vor allem als marxistischer Ästhetiker bekannt. Aber er begründete auch eine eigenständige Hegel-Interpretation, die “Logik der Versöhnung”.[2]
Die zentrale These: Hegels “Wissenschaft der Logik” ist die philosophische Antwort auf die Französische Revolution und ihre Konsolidierungsphase. Lifschitz’ berühmte Formel: “Die Kategorien der Logik sind die Formen, in denen die glühende Lava der revolutionären Ereignisse erstarrt.”[3]
Hegel-Bild: Realistisch, kulturkritisch. Hegel wird als Grundlage einer “Theorie des Widerscheins” (отражение) gelesen, die Kunst und Gesellschaft dialektisch verbindet. Die Logik spielt eine untergeordnete Rolle; im Zentrum steht die Ästhetik.
Der Lifschitz-Kreis: Die engsten Verbündeten waren Wadim Koschinow (1930-2001) und – in erweitertem Sinn – Alexander Sinowjew (1922-2006). Diese drei bilden die “Triangulation” des sogenannten “linken Konservatismus”: marxistischer Realismus gegen sowjetischen Formalismus.[4]
Institutionelle Form: Keine Universitätsschule, sondern ein Netzwerk von Autoren, Zeitschriften, Essayisten. Das unterscheidet sie fundamental von der Linkov-Schule.
Strömung 3: Die Ilyenkov-Linie (Tätigkeit, das Ideelle, Psychologie)
Evald Wassiljewitsch Ilyenkov (1924-1979) entwickelte die theoretisch anspruchsvollste sowjetische Synthese von Marx und Hegel.[5]
Die Grundthese: Die dialektische Logik ist nicht Naturphilosophie, sondern Erkenntnistheorie – die Wissenschaft der Denkformen, wie sie sich geschichtlich entwickelt haben. Der offizielle Diamat hatte diese Dimension verloren.
Die Theorie des Ideellen: Ilyenkovs originellster Beitrag. Das “Ideelle” (идеальное) ist weder bloß subjektiv noch materiell – es existiert in gesellschaftlichen Verhältnissen, in Praktiken, in Institutionen. Der Wert einer Ware ist keine physische Eigenschaft, aber auch keine Einbildung – er ist ein “ideales” Verhältnis.[6]
Hegel-Bild: Aktivitätstheoretisch. Dialektik ist die Logik der menschlichen Tätigkeit, nicht abstrakte Begriffslogik.
Der Ilyenkov-Kreis: Seine Nachfolger – W.W. Dawydow, A.N. Leontjew, S. Mareew – entwickelten dies in Richtung Pädagogik und Psychologie. Die “Tätigkeitstheorie” (теория деятельности) wurde international einflussreich.[7]
Das tragische Ende: 1979 nahm sich Ilyenkov das Leben – erschöpft vom Kampf gegen die Orthodoxie.
Verhältnis zu anderen Strömungen: Ilyenkov und Lifschitz kannten einander und stritten implizit über das Verhältnis von Realismus und Idealität. Beide kritisierten den vulgären Stalin-Marxismus.
Strömung 4: Die Linkov-Schule (St. Petersburg – reine Begriffslogik)
Evgeny Semjonowitsch Linkov (1938-2021) repräsentiert die reinste Form der Hegel-Logik in Russland. Im Westen ist er nahezu unbekannt.[8]
Biographie: Linkov wurde 1938 in Leningrad geboren, lehrte von 1969 bis 1994 an der dortigen Universität. Mitte der 1980er wurde er auf Anweisung des Parteichefs Romanow für fünf Jahre suspendiert – wegen seiner “Weigerung, sich dem Chor der aus-unter-dem-Thron-Philosophierenden anzuschließen”.[9]
Die Vorlesungen als kulturelles Ereignis: Linkovs Vorlesungen zur deutschen Klassik waren legendär – die größten Hörsäle überfüllt, Studenten auf Fensterbänken. Er las ohne Notizen, wiederholte keine Vorlesung.[10]
Hegel-Bild: “Rein” – als Selbstentfaltung des Begriffs, ohne marxistische oder theologische Überformung. Die Methode ist phänomenologisch-begrifflich.
Der Linkov-Kreis: Eine echte Seminar-Schule mit mündlicher Tradition:[11]
- A.L. Pestow – Herausgeber aller Linkov-Ausgaben
- A.N. Murawjow – systematischer Weiterführer
- W.W. Makarow – Rechtsphilosophie
- I.A. Batrakowa – Autorin des programmatischen Textes
- A.G. Lomonossow, A.A. Iwanenko – im Editionskreis
Das posthume Werk: Die “Лекции разных лет по философии” (Vorlesungen verschiedener Jahre) erscheinen seit 2012 beim Verlag Umozrenie. Band 1 (580 Seiten) enthält eine phänomenologische Einleitung und die systematische Darstellung von Kant bis Hegel.[12]
Eine Einordnung aus westlicher Perspektive: Was für die russische Tradition revolutionär erscheint – das performative Denken, das Bei-der-Sache-Bleiben, das Entwickeln aus der Sache selbst – ist für die westliche Hegel-Forschung (nach Gadamer, Henrich, der analytischen Wende) weniger überraschend. Linkovs Bedeutung liegt vielleicht weniger in einer “Weiterentwicklung nach Hegel” als in der Befreiung der russischen Philosophie vom sowjetischen Dogmatismus – einer immanenten Kritik des Diamat von innen.[13]
Zur Frage der Lifschitz-Linkov-Beziehung: Frühere Darstellungen (auch in unserer ersten Version) bezeichneten Linkov als “Schüler von Lifschitz”. Diese Zuordnung ist umstritten. Russische Fachleute bezweifeln eine direkte Lehrer-Schüler-Beziehung. Es handelt sich eher um parallele Entwicklungen – beide gegen den Diamat, aber mit unterschiedlichen Methoden.[14]
Strömung 5: Die Moskauer Logik-Schule (formallogisch, mathematisch)
Eine eigene Tradition bildete sich um Logiker wie Alexander Sinowjew (vor seinem Bruch mit dem System), W.A. Smirnow und G.S. Brudno.[15]
Hegel-Bild: Formallogisch. Hegel wird als “Vorläufer” bestimmter logischer Strukturen gelesen. Die “dialektische Logik” erscheint als Ergänzung zur formalen Logik, nicht als deren Aufhebung.
Verhältnis zu anderen Strömungen: Fast keine Verbindung zu Lifschitz, Ilyenkov oder Linkov. Methodisch am weitesten entfernt.
Strömung 6: Die moderne philologische Hegel-Forschung (nach 1991)
Nach dem Ende der Sowjetunion entstand eine neue Generation: W. Bibichin, A. Gulyga, junge Akademiker in St. Petersburg, Moskau, Tomsk.[16]
Hegel-Bild: Philologisch, international anschlussfähig. Anschluss an Pinkard, Houlgate, Pippin, Vieweg.
Verhältnis zu anderen Strömungen: Die stärkste Brücke besteht zur Linkov-Tradition – beide methodisch am nächsten am internationalen Standard.
Zu Solowjow: Jonathan Sutton: The Religious Philosophy of Vladimir Solovyov, London 1988, Kap. 2. Zu Losew: А.Ф. Лосев: Диалектика мифа, Moskau 1930 (unterdrückt, neu publiziert 1991). ↩︎
José María Durán Medraño: Der Wert im Inneren der künstlerischen Produktivität, Dissertation FU Berlin, 2015 – die umfassendste westliche Darstellung zu Lifschitz. ↩︎
Mikhail Lifschitz: О Гегеле (Über Hegel), Moskau 2012 (posthum, 29 Jahre nach seinem Tod). ↩︎
Zu Koschinow als “engster Mitstreiter”: rus-lad.ru. Der “mittlere Ring” umfasst Forscher wie Groshenkowa, Basnin, Afanasjew; der “äußere Ring” die “лифшицологи” (Lifschitz-Forscher) in Zeitschriften wie Credo New. ↩︎
David Bakhurst: Consciousness and Revolution in Soviet Philosophy: From the Bolsheviks to Evald Ilyenkov, Cambridge 1991. ↩︎
E.W. Ilyenkov: Диалектическая логика (Dialektische Logik), Moskau 1974. Deutsche Übersetzung: Berlin 1984. ↩︎
Zu Dawydow und Leontjew: Bakhurst: Consciousness and Revolution, Kap. 7-8. ↩︎
Die Hauptquelle ist Sumin: Гегель как судьба России, S. 174-219. Westliche Studien fehlen. ↩︎
I.A. Batrakowa: “Школа мысли” (Schule des Denkens), Einleitung zu Linkov: Лекции разных лет по философии, Bd. 1, 2. Aufl., St. Petersburg: Umozrenie, 2018, S. VIII. ↩︎
Batrakowa: “Школа мысли”, S. IX-X. ↩︎
Diese Namen erscheinen in allen Quellen zu den Vorlesungen: Umozrenie.ru, Batrakowa (2012), Wikipedia. ↩︎
E.S. Linkov: Лекции разных лет по философии, St. Petersburg: Umozrenie, 2012ff. Band 1 online: umozrenie.com. ↩︎
Batrakowa vergleicht Linkov mit Luther – Rückkehr zur “ursprünglichen Reinheit”. Aber im Fall der Philosophie ist diese “Reinheit” nicht historisch, sondern die Sache selbst. ↩︎
Sumin behandelt beide ausführlich, nennt aber Lifschitz nicht als Linkovs Lehrer. Die genaue Beziehung bedarf weiterer Forschung. ↩︎
A.A. Zinov’ev: Логика науки, Moskau 1971. ↩︎
A. Gulyga: Гегель, Moskau 1970 (mehrfach neu aufgelegt) – einer der wenigen im Westen rezipierten sowjetischen Hegel-Forscher. ↩︎