Exkurs: Israel als philosophisches Problem (1948-1989)

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Vorbemerkung: Dieser Exkurs ist kurz (3-4 Seiten), rein philosophisch, keine Tagespolitik. Wir fragen: Was bedeutet die Staatsgründung Israels systematisch für die Frage nach Partikularität und Universalität?

Die systematische Frage

2000 Jahre lang existierten Juden als Diaspora-Volk - ohne Staat, ohne Territorium, verstreut über alle Kontinente. Diese Existenzform war einzigartig: Ein Volk, das nicht durch Staat, Territorium, Sprache (Alltagssprache war Jiddisch, Ladino, oder die jeweilige Landessprache) definiert war, sondern durch Religion und Kultur.

Diese Diaspora-Existenz hatte eine paradoxe Struktur:

Partikular: Juden waren eine besondere Gruppe - eigene Religion, eigene Bräuche, eigene Identität.

Universal: Juden lebten in allen Zivilisationen - europäisch, islamisch, asiatisch, afrikanisch. Sie waren transzivilisatorisch - keine regionale Kultur, sondern globale Präsenz.

Die Diaspora war unfreiwillig - Resultat von Vertreibung, Verfolgung, Exil. Aber sie entwickelte eigene Formen: internationale Netzwerke, intellektuelle Beweglichkeit, kulturelle Flexibilität.

Die Dialektik der Staatsgründung

1948: Israel wird gegründet. Die Dialektik lautet:

These: Diaspora - Juden als universales Volk ohne Staat
Antithese: Holocaust - die Diaspora wird vernichtet
Synthese?: Israel - aber ist das Versöhnung?

Die Frage ist: Ist Israel die Aufhebung der Diaspora (im dreifachen hegelschen Sinne: bewahren + negieren + auf höhere Ebene heben)? Oder ist es nur Negation der Diaspora - Ersetzung durch einen „normalen“ Nationalstaat?

Drei philosophische Positionen (sehr knapp)

Martin Buber (1878-1965): Plädierte vor 1948 für einen bi-nationalen Staat - Juden und Araber gemeinsam. Dies wäre die Vermittlung von Partikularität (beide Völker behalten ihre Identität) und Universalität (ein gemeinsamer Staat). Buber scheiterte - Israel wurde jüdischer Nationalstaat, es gab Krieg, es gab die Nakba (Vertreibung von 750.000 Palästinensern).[1]

Hannah Arendt (1906-1975): Kritisierte nach 1961 (Eichmann-Prozess) Israels Entwicklung. Ihr Argument: Israel darf nicht zum „normalen“ Nationalstaat werden - es muss exemplarisch sein. Nach Auschwitz hat Israel die Verpflichtung, anders zu sein: nicht ethnisch-exklusiv, sondern universal-inklusiv. Arendt wurde dafür heftig kritisiert - ihre Kritik galt vielen als „jüdischer Selbsthass“.[2]

Gershom Scholem (1897-1982): Der große Mystik-Forscher warnte: Die Säkularisierung des Judentums im Zionismus ist gefährlich. Wenn man die religiöse Dimension (Tikkun, messianische Hoffnung) entfernt und nur den Nationalismus behält, wird Israel wie jeder andere Nationalstaat - mit all seinen Gefahren (Chauvinismus, Militarismus, Ausgrenzung). Scholem plädierte für Bewahrung der mystischen Tradition als Korrektiv gegen Nationalismus.[3]

Systematische Einordnung (ohne Wertung)

Die Staatsgründung zeigt eine dialektische Spannung, die ungelöst bleibt:

Partikularität: Israel als jüdischer Staat - definiert durch ethnische/religiöse Zugehörigkeit. Das schließt tendenziell andere aus (arabische Bürger fühlen sich oft als Bürger zweiter Klasse).

Universalität: Israel als demokratischer Rechts staat - gleiche Rechte für alle. Das erfordert Inklusion, nicht Exklusion.

Diese Spannung ist nicht auflösbar durch einfache Synthese. Sie ist die reale Dialektik der Moderne: Wie kann ein Staat universal (gleiche Rechte) und partikular (eigene Identität) zugleich sein?

Hegel hatte diese Spannung gesehen - aber nicht gelöst. Seine Staatsphilosophie beschreibt das Problem, bietet aber keine fertige Lösung. Die Lösung muss praktisch gefunden werden - durch institutionelle Gestaltung, durch politischen Kampf, durch kulturelle Vermittlung.

Die philosophische Lehre: Die Dialektik ist nicht theoretisches System, das alle Probleme löst, sondern Explikation von Strukturen, innerhalb derer wir handeln müssen. Hegel zeigt wo die Spannungen liegen - wir müssen sie praktisch bearbeiten.


  1. Martin Buber: A Land of Two Peoples: Martin Buber on Jews and Arabs, hg. Paul Mendes-Flohr, New York: Oxford University Press, 1983. ↩︎

  2. Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem: A Report on the Banality of Evil, New York: Viking Press, 1963. Zur Kontroverse siehe Seyla Benhabib: The Reluctant Modernism of Hannah Arendt, Thousand Oaks: Sage, 1996, S. 65-85. ↩︎

  3. Gershom Scholem: „Zum Verständnis der messianischen Idee im Judentum“ (1959), in: Judaica I, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1963, S. 7-74. ↩︎