Die Dependenztheorie als angewandte Dialektik
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Die lateinamerikanische Dependenztheorie der 1960er-70er Jahre war eine implizit hegelianische Analyse der Weltökonomie.[1] Sie zeigte, dass “Unterentwicklung” nicht Rückständigkeit, sondern Produkt der kapitalistischen Entwicklung ist. Zentrum und Peripherie konstituieren sich gegenseitig - eine perfekte Illustration der Herr-Knecht-Dialektik.
Raúl Prebisch (1901-1986) und die CEPAL (UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika) zeigten in den 1950ern, dass die Terms of Trade sich systematisch zuungunsten der Rohstoffexporteure verschlechtern.[2] Dies war keine zufällige Marktfluktuation, sondern strukturelle Abhängigkeit. Die Industrieländer brauchten die Rohstoffe, aber die Rohstoffländer brauchten die Industrieprodukte noch mehr.
André Gunder Frank (1929-2005) radikalisierte diese Analyse in Capitalism and Underdevelopment in Latin America (1967).[3] Seine These der “Entwicklung der Unterentwicklung” war dialektisch: Die Entwicklung des Zentrums produziert die Unterentwicklung der Peripherie. Je mehr sich Europa und Nordamerika entwickeln, desto mehr unterentwickeln sich Afrika, Asien und Lateinamerika.
Ruy Mauro Marini (1932-1997) entwickelte die Theorie der “Superausbeutung”.[4].
Die Dependenztheorie beeinflusste die Politik. Salvador Allende in Chile (1970-1973) versuchte, die Abhängigkeit durch Verstaatlichung und Importsubstitution zu brechen.[5] waren auch Reaktionen auf diese Versuche. Die Chicago Boys implementierten neoliberale Modelle - die Antithese zur Dependenztheorie.
Die Dependenztheorie wurde kritisiert: zu ökonomistisch, zu deterministisch, blind für interne Faktoren.[6] Aber ihre Grundeinsicht bleibt gültig: Entwicklung und Unterentwicklung sind dialektisch verbunden. Die Erste Welt braucht die Dritte Welt als Rohstofflieferant und Absatzmarkt. Die globale Ungleichheit ist nicht Zufall, sondern System.
Zur Dependenztheorie siehe Cristóbal Kay: Latin American Theories of Development and Underdevelopment (1989); Fernando Henrique Cardoso & Enzo Faletto: Dependency and Development in Latin America (1979). ↩︎
Raúl Prebisch: The Economic Development of Latin America and Its Principal Problems (1950). Zur CEPAL-Schule siehe Joseph L. Love: “Raúl Prebisch and the Origins of the Doctrine of Unequal Exchange” in: Latin American Research Review 15:3 (1980). ↩︎
André Gunder Frank: Capitalism and Underdevelopment in Latin America (1967). Frank war Deutscher, lehrte aber in Chile und wurde zur Stimme der lateinamerikanischen Linken. ↩︎
Ruy Mauro Marini: Dialéctica de la dependencia (1973). Zur Debatte siehe Jaime Osorio: Teoría marxista de la dependencia (2016). ↩︎
Zu Allendes Wirtschaftspolitik siehe Stefan de Vylder: Allende’s Chile: The Political Economy of the Rise and Fall of the Unidad Popular (1976). ↩︎
Zur Kritik siehe Ernesto Laclau: “Feudalism and Capitalism in Latin America” in: New Left Review 67 (1971). ↩︎