Wolfhart Pannenberg -- Die Rehabilitierung der hegelschen Geschichtstheologie

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Ein neuer Anfang nach 1945

Wolfhart Pannenberg (1928-2014) repräsentiert eine neue Generation. Er war zu jung, um im Kirchenkampf involviert zu sein, aber alt genug, um dessen Konsequenzen zu reflektieren. Seine Frage: Hat Barths Abkehr von Hegel das Kind mit dem Bade ausgeschüttet?

Pannenberg argumentiert: Barths radikale Trennung von Offenbarung und Geschichte führt in Probleme. Wenn Gott sich nur in einem “senkrecht von oben” einbrechenden Wort offenbart, wird die Offenbarung unhistorisch, unweltlich, letztlich bedeutungslos für die konkrete menschliche Existenz. Die liberale Theologie hatte recht, dass Offenbarung in der Geschichte geschieht – sie irrte nur darin, Geschichte als Fortschritt zu verstehen.[1]

“Offenbarung als Geschichte” (1961)

Das programmatische Werk “Offenbarung als Geschichte”, das Pannenberg mit anderen Theologen herausgab, markiert einen Wendepunkt. Die Grundthese: Offenbarung geschieht nicht gegen die Geschichte, sondern als Geschichte. Gott offenbart sich in seinen Taten – und diese Taten sind historisch, überprüfbar, der Vernunft zugänglich.

Das ist eine Rehabilitation Hegels gegen Barth. Pannenberg übernimmt Hegels Einsicht, dass Wahrheit geschichtlich ist, dass der Geist sich in der Geschichte verwirklicht, dass Vernunft und Offenbarung nicht Gegensätze sind. Aber er korrigiert Hegel in einem entscheidenden Punkt: Geschichte ist nicht abgeschlossen. Das Ende der Geschichte – die Vollendung der Offenbarung – steht noch aus. Es ist “proleptisch” (vorwegnehmend) in der Auferstehung Jesu erschienen, aber noch nicht universal verwirklicht.[2]

“Systematische Theologie” (1988-1993)

Pannenbergs dreibändige “Systematische Theologie” ist der Versuch, nach Barth wieder eine vernünftige Theologie zu schreiben – eine Theologie, die sich der philosophischen Kritik stellt, statt sich hinter dem Offenbarungspositivismus zu verschanzen.

Die Hegel-Nähe ist evident: Pannenberg denkt trinitarisch (Vater, Sohn, Geist), geschichtlich (Offenbarung als Prozess), und vermittelnd (Glaube und Vernunft). Aber er vermeidet, was er für Hegels Abschlussfigur hält: Das absolute Wissen ist nicht erreicht, die Geschichte ist nicht vollendet, die Versöhnung steht noch aus. Die Theologie bleibt eschatologisch – auf die Zukunft Gottes ausgerichtet.

Ob diese Korrektur Hegels eigene Position trifft, ist allerdings fraglich. Hegels Geschichtsphilosophie war nie deterministisch im Sinne eines garantierten Fortschritts. Die “Eule der Minerva” versteht die Vergangenheit – sie prognostiziert nicht die Zukunft. Die Versöhnung ist auch bei Hegel Aufgabe, nicht Faktum. Die Differenz zwischen Hegel und Pannenberg könnte kleiner sein, als beide Seiten dachten. (-> Kap. 8.7, These 2)


  1. Wolfhart Pannenberg, “Heilsgeschehen und Geschichte” (1959), in: Grundfragen systematischer Theologie, Göttingen 1967. ↩︎

  2. Wolfhart Pannenberg (Hrsg.), Offenbarung als Geschichte, Göttingen 1961. ↩︎