Paul Feyerabend – "Against Method" (1975)
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Was Feyerabend wirklich behauptet
Paul Feyerabend (1924-1994) war der Provokateur der Zunft. Sein „Against Method“ (1975) mit dem Untertitel „Outline of an Anarchistic Theory of Knowledge“ wurde oft missverstanden – als ob er behaupte, alle Methoden seien gleich gut oder Wissenschaft sei irrational.
Das meint er nicht. Seine eigentliche These ist: In der Geschichte der Wissenschaft wurde jede methodologische Regel irgendwann erfolgreich verletzt. Galilei, Darwin, Einstein – sie alle brachen Regeln, die ihre Zeitgenossen für unverzichtbar hielten. Daraus folgt: Es gibt keine universelle Methode, die a priori festlegt, was gute Wissenschaft ist.
„Anything goes“ bedeutet nicht: Alles ist gleich wahr. Es bedeutet: Keine Regel ist a priori sakrosankt. Die Bewertung muss im Einzelfall geschehen, konkret, am Gegenstand.
Die Hegel-Sympathie
Feyerabend erwähnt Hegel wiederholt – und zwar positiv. Er schätzt Hegels Unterscheidung zwischen „Verstand“ (der in festen Kategorien denkt) und „Vernunft“ (die die Bewegung des Begriffs erfasst). Der „Rationalismus“ der Wissenschaftstheoretiker, so Feyerabend, ist Verstandes-Denken – abstrakt, unhistorisch, lebensfern. Die wirkliche Wissenschaft ist vernünftiger, weil sie flexibler, konkreter, dem Gegenstand angemessener ist.
Was Feyerabend richtig sieht – und wo er zu kurz greift
Feyerabend hat einen wichtigen Punkt: Die Methode muss sich dem Gegenstand anpassen, nicht umgekehrt. Das ist eine zutiefst hegelianische Einsicht. Hegel kritisiert durchgehend die „äußerliche Reflexion“ – das Anlegen eines fertigen Maßstabs an einen Gegenstand, der seinen eigenen Maßstab in sich trägt.
Aber Feyerabend zieht daraus nicht die volle Konsequenz. Er betont die Freiheit von Methodenzwängen, sagt aber wenig darüber, was die Methode dann positiv leitet. Wenn nicht jede beliebige Methode gleich gut ist – was unterscheidet dann die bessere von der schlechteren?
Hegels Antwort wäre: Die Methode ist nicht beliebig, weil der Gegenstand selbst seinen Maßstab mitbringt. Der „Erfolg“ einer Methode zeigt sich daran, ob sie den Gegenstand erschließt – und das ist keine willkürliche Entscheidung, sondern zeigt sich im Wahrheitsprozess. Die Methode entwickelt sich mit dem Gegenstand; sie ist weder a priori festgelegt noch beliebig.
Auch „überwundene“ Methoden können Momente der Wahrheit enthalten
Ein wichtiger Aspekt, den Feyerabend andeutet, aber nicht systematisch entwickelt: Paradigmenwechsel verwerfen oft voreilig Einsichten des alten Paradigmas, die später wiederentdeckt werden.
Die schamanischen Rituale wirken nicht durch Magie – aber sie wirken: durch Stressreduktion, Vertrauensbildung, Aktivierung der Selbstheilung. Der weiße Kittel heilt nicht, aber er trägt zur Heilung bei. Das teurere Placebo wirkt besser als das billige. Die „mechanistische“ Medizin verwarf die „ganzheitlichen“ Aspekte der traditionellen Heilkunst und entdeckt sie jetzt als „Psychosomatik“ wieder.
Das ist kein Argument gegen Paradigmenwechsel, sondern für ihre dialektische Struktur: Bewahren, Überwinden, auf höhere Ebene Heben. Auch das scheinbar „Überwundene“ kann Momente der Wahrheit enthalten, die in späteren Integrationen wiedergewonnen werden.
Was Wissenschaft von anderen Wahrheitspraktiken unterscheidet
Die entscheidende Frage bleibt: Wenn es keine feste Methode gibt – was unterscheidet dann Wissenschaft von anderen Wahrheitspraktiken?
Die Antwort liegt nicht in einer bestimmten Methode, sondern im Wissen um die Methode: die Reflexion über die Methode und die daher kontrollierte, reflektierte Anwendung. Der Bauer und der Meteorologe beobachten beide das Wetter. Aber der Meteorologe weiß, warum er misst, was er misst; er kann seine Methode begründen, kritisieren, verbessern.
Das ist Wissenschaft als „potenzierte Vernunft“ – sie macht bewusst, was andere Praktiken implizit tun. Sie ist nicht die einzige Wahrheitspraxis, aber sie ist die, die sich ihrer selbst am klarsten bewusst ist.
Feyerabends radikaler Pluralismus blieb im Westen eine Außenseiterposition. Im Osten dagegen entwickelte sich eine ganz andere Wissenschaftstheorie - eine, die Dialektik und Naturwissenschaft zu verbinden suchte. Die DDR-Wissenschaftstheorie war kein monolithischer Block, sondern ein Kampffeld zwischen Dogmatikern und Denkern, die Hegel ernst nahmen.
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