Das Besondere --- Was die formale Logik nicht versteht
Die klassische Logik kennt nur Allgemeines (Klasse) und Einzelnes (Element). Hegel führt das Besondere als unverzichtbares Mittelglied ein. Die formale Logik sieht B nur als Teilmenge (Was gehört zur Klasse?). Hegels Einsicht geht tiefer: Das Besondere entwickelt sich aus dem Allgemeinen — es ist nicht bloß eine beliebige Untergruppe, sondern lässt sich aus dem Allgemeinen ableiten. Das ist der entscheidende Unterschied zu einer einfachen Mengenrelation.
Zwei Richtungen der Besonderung: Das Allgemeine besondert sich auf zwei Weisen: (1) Nach außen — in Arten. „Dreieck" besondert sich in gleichseitig, gleichschenklig, ungleichseitig. Die Arten sind aus dem Allgemeinen ableitbar, wenn eine vollständige disjunktive Einteilung möglich ist (entweder A oder B oder C, kein D). Das gelingt in der Logik, Mathematik und vielen Geisteserzeugnissen gut; in der Natur weniger, weil dort die Arten nicht immer vollständig aus dem Gattungsbegriff ableitbar sind. (2) Nach innen — in Teile (Organe, Funktionen). Ein Organismus besondert sich in Organe, die als Mittel für das Ganze zusammenarbeiten. Diese innere Besonderung ist fast immer aus dem Allgemeinen ableitbar: Die Organe des Körpers lassen sich aus seiner Lebensform verstehen, die Abteilungen einer Organisation aus ihrem Zweck.
Worauf es ankommt: Die verschiedenen B müssen sich aus A ableiten lassen. Nur dann ist B echte Besonderung und nicht bloß eine willkürliche Klassifikation von außen.
Das Stuhl-Beispiel — Warum Begriffe keine Merkmalslisten sind: Die formale Logik definiert: „Ein Stuhl ist ein Sitzmöbel mit vier Beinen, einer Lehne und einer Sitzfläche." Aber warum gerade diese Merkmale? Die Auswahl scheint zusammengewürfelt. Hegels Alternative: „Ein Stuhl ist eine Sitzgelegenheit" — das ist der Oberbegriff (A). Die Besonderungen (B) folgen daraus in Verbindung mit den realen Bedingungen: Die Sitzfläche folgt daraus, dass das Körpergewicht ruhen muss. Die Lehne aus dem Bedürfnis, den Oberkörper zu entlasten. Die Beine daraus, dass die Sitzfläche vom Boden abgehoben werden muss. Und die verschiedenen Stuhlformen (Bürostuhl, Thron, Barhocker) folgen aus verschiedenen Sitzzwecken. Die Teile sind nicht beliebig zusammengewürfelt, sondern folgen systematisch aus dem Grundbegriff. Das ist Besonderung nach innen (Organe). Die Arten (Bürostuhl vs. Barhocker) sind Besonderung nach außen. Beides lässt sich aus A ableiten — der Begriff trägt das Prinzip seiner Entwicklung in sich. (Was das lebendig heißt, wird erst in der Idee des Lebens, Kap. 19, voll sichtbar: Die S³-Prozesse — Selbstdifferenzierung, Selbsterhaltung, Selbstaufhebung — sind die lebendige Form dieser Besonderung.)
Zur disjunktiven Vollständigkeit: Bei Gegenständen des Geistes zeigt sich die Ableitbarkeit noch klarer. „Herrschaft" gliedert sich vollständig und überschneidungsfrei in Fremdbestimmung (Diktatur, Monarchie) und Selbstbestimmung (Demokratie). Eine dritte Möglichkeit gibt es logisch nicht. Solche vollständige disjunktive Einteilung ist das Ideal der Besonderung nach außen.
Weiteres Beispiel: Die Struktur der Kapitalverwertung (A) fordert notwendig die Besonderung in produktives, Handels- und zinstragendes Kapital (B) — man kann zeigen, warum es genau diese drei Formen geben muss.
Der Mensch als Beispiel für lebendige Besonderung: Der allgemeine Begriff des Menschen (A — vernunftbegabtes Naturwesen) realisiert sich in jedem einzelnen Menschen (E) zugleich in verschiedenen Besonderheiten (B): verschiedene Rollen (Elternteil, Arbeitende, Bürgerin), verschiedene Identitäten (kulturell, sprachlich, beruflich), verschiedene Fähigkeiten. Diese Besonderheiten stehen nicht neben dem Allgemeinen, sondern verkörpern es — jede Rolle ist eine spezifische Weise, Mensch zu sein. Der einzelne Mensch in seiner konkreten Tat (E) ist dann die Einheit all dieser Besonderheiten in einem einzigen Lebensvollzug.