Die Kunst

Hegels Vorlesungen über die Ästhetik sind sein umfangreichstes Werk und zugleich dasjenige, das er nie selbst veröffentlicht hat. Was gedruckt vorliegt, hat Heinrich Gustav Hotho aus Nachschriften und Manuskripten zusammengestellt — mit einem Anteil eigener Formulierung, der seit den 1980er Jahren erforscht wird.

Was Ästhetik bei Hegel heißt

Der Name ist ihm zu eng. Aisthesis heißt Empfindung, und eine Wissenschaft vom Empfinden wäre eine Psychologie des Geschmacks. Hegel behält den Namen bei, weil er sich eingebürgert hat, und bestimmt den Gegenstand neu: nicht das Schöne überhaupt, sondern das Kunstschöne. Die Naturschönheit fällt heraus — nicht weil sie geringer wäre, sondern weil an ihr nichts zu begreifen ist. Ein Sonnenuntergang hat keine Absicht.

Die zentrale Bestimmung lautet: Das Schöne ist das sinnliche Scheinen der Idee. Beide Wörter tragen. Die Idee ist dabei kein beliebiger Inhalt, sondern der Begriff der Logik: der Begriff, der seinem Gegenstand angemessen ist. Das sinnliche Scheinen ist die Weise, in der er erscheint. Kunst ist demnach kein Schmuck über einem Gedanken und kein Gefühl ohne Gedanken, sondern die Form, in der ein Gedanke anschaubar wird.

Warum die Dreiteilung so ausfällt

Die drei Abteilungen folgen der Logik des Begriffs — Allgemeines, Besonderes, Einzelnes:

Das Ideal entwickelt, was Kunst überhaupt ist, vor jeder geschichtlichen oder handwerklichen Bestimmung.

Die Kunstformen entfalten dasselbe in seine geschichtlichen Gestalten: symbolisch, klassisch, romantisch. Nicht drei Epochen nacheinander, sondern drei Verhältnisse von Gehalt und Gestalt — der Gehalt sucht seine Form, findet sie, überschreitet sie.

Die einzelnen Künste bringen es zur Erscheinung im Material: Architektur, Skulptur, Malerei, Musik, Poesie. Die Reihenfolge geht vom Schweren zum Geistigen — vom Stein, der nur umschließt, bis zum Wort, das nichts Sinnliches mehr braucht als den Laut.

Der Satz vom Ende der Kunst

Der bekannteste Satz der Einleitung ist zugleich der mißverstandenste: „Uns gilt die Kunst nicht mehr als die höchste Weise, in welcher die Wahrheit sich Existenz verschafft."

Das heißt nicht, daß keine Kunst mehr entstünde. Hegel kannte den Goethe der Wahlverwandtschaften und die Missa solemnis. Es heißt: Die Kunst ist nicht mehr die Form, in der eine Gesellschaft ihre höchsten Fragen verhandelt. Im Athen des fünften Jahrhunderts war die Tragödie das; in der Moderne sind es Wissenschaft und Philosophie.

Ob das stimmt, ist offen. Wer die Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts betrachtet, kann beides sehen: eine Kunst, die ihre Fragen an die Theorie abgegeben hat, und eine, die Fragen stellt, die sonst niemand stellt.