Kommentar zur Naturphilosophie, Kapitel 35
Die Evolutionsfrage
Die Stelle wird meist verkürzt zitiert, und die Verkürzung verfehlt den Punkt. § 249 lautet vollständig: „Die Natur ist als ein System von Stufen zu betrachten, deren eine aus der andern notwendig hervorgeht und die nächste Wahrheit derjenigen ist, aus welcher sie resultiert, aber nicht so, daß die eine aus der andern natürlich erzeugt würde, sondern in der inneren, den Grund der Natur ausmachenden Idee.“
Beide Hälften gehören zusammen. Hegel bestreitet nicht das Hervorgehen, sondern eine bestimmte Auffassung davon: die zeitliche Erzeugung. Und er sagt, wogegen er sich wendet — gegen „das sogenannte Hervorgehen z. B. der Pflanzen und Tiere aus dem Wasser und dann das Hervorgehen der entwickelteren Tierorganisationen aus den niedrigeren“, das man „in das Dunkel der Vergangenheit zurückgelegt“ habe, um es deutlicher zu machen.
Dasselbe zeigen die Vorlesungen: Dort heißt es „Die Stufen müssen nothwendig aus einander hervorgehen“ und „die Unterschiede in der Natur gehen nothwendig aus einander hervor“.[1] Der Streit geht nicht um das Hervorgehen, sondern darum, ob es begrifflich oder zeitlich zu fassen ist.
Der erste Grund ist zeitbedingt — aber nicht aus Unkenntnis. Stekeler hält fest, dass Hegel die Evolutionsgedanken seiner Zeit kannte: die Lehren vor Charles Darwin gehen auf dessen Großvater Erasmus zurück, dann auf Lamarck und Cuvier.[2] Hegel betont sogar — lange vor Charles Darwin und in Kenntnis von Erasmus — das Zeitliche und Geschichtliche der Entwicklung irdischen Lebens.
Was er ablehnt, ist also nicht der Gedanke, sondern seine damalige Ausführung. Einen ausdrücklichen Einwand gegen Lamarck, dessen Lehre 1809 erschien, erhebt Hegel nicht; er nennt ihn nur bei der Einteilung der Tiere (§ 368 Zus.). Aus Hegels Begriff lässt sich aber einer gewinnen, der allerdings nur eine Hälfte trifft. An erster Stelle steht bei Lamarck ein innerer Trieb zur Vervollkommnung; erst an zweiter stehen Gebrauch und Nichtgebrauch und die Vererbung erworbener Eigenschaften. Dort wird die Veränderung von außen angestoßen, in einer Beziehung, in der die Sache nichts von sich aus tut; eben das kritisiert Hegel am Mechanismus (Teleologie). Dieser Einwand traf die Theorien seiner Zeit, soweit sie so gebaut waren. Darwins Mechanismus von 1859 ist anders gebaut und hat die Struktur der Selbstaufhebung: Die Vererbung bewahrt, was sich gehalten hat; Variation erzeugt Differenz aus dem Bestand selbst; die Selektion setzt durch, was trägt. [KF]
Der zweite Grund wiegt schwerer, und er liegt nicht in der Naturphilosophie. Hegels Gattungsbegriff ist selbst unveränderlich gedacht: „Die Individuen werden geboren und vergehen, die Gattung ist das Bleibende in ihnen, das in Allem Wiederkehrende.“[3] Damit ist die Selbstaufhebung innerhalb der Gattung gedacht — das Individuum geht unter, die Art bleibt —, während bei Darwin die Art selbst sich verändert. Was daraus für Hegels Logik folgt und was die Übernahme dort kostet, entwickelt Teleologie.
Für diesen Band folgt etwas anderes daraus. Zu fragen ist nicht, ob die Logik die Evolution fassen kann, sondern ob die Stufenlehre der Naturphilosophie ohne einen beweglichen Gattungsbegriff zu halten ist. Sie ist es — aber nur, weil Hegel die Reihenfolge der Gestalten gar nicht aus ihrer Herkunft begründet, sondern nach zunehmender Zentralisierung ordnet (Kap. 28). Die Ordnung überlebt den Wechsel des Gattungsbegriffs; der Grund, aus dem Hegel die zeitliche Erzeugung abweist, überlebt ihn nicht. [KF]