3. Absoluter Geist — die Sphäre der Oberzwecke
Bei Hegel folgt auf den objektiven Geist (Recht, Moralität, Sittlichkeit, Weltgeschichte) der absolute Geist als die Sphäre, in der der Geist sich nicht mehr durch endliche Zwecke und ihr Material bestimmt, sondern auf sich selbst bezieht. Der absolute Geist gliedert sich bei Hegel in Kunst, Religion und Philosophie. In unserer Konzeption ist die Reihenfolge gegen Hegel umzukehren: Religion — die unmittelbare Innerlichkeit, in der sich das Endliche als Moment des Unendlichen spürt; Kunst — der Ausdruck, in dem das Gespürte sinnliche Gestalt annimmt; Philosophie und Wissenschaft — die Reflexion, in der das Gespürte und Ausgedrückte begrifflich durchdrungen wird.
Die Umstellung gegen Hegel hat mehrere Gründe, die hier knapp markiert seien, weil ihre Ausarbeitung in einen eigenen Band des absoluten Geistes gehört. Erstens ist die Reihenfolge phänomenologisch ehrlicher: So erleben Menschen es tatsächlich — erst die Berührung, dann der Drang nach Gestalt, dann die Frage nach dem Zusammenhang. Zweitens ist sie partizipativ: Jeder Zugang ist eigenständig und gleichberechtigt; in Hegels Reihenfolge erscheint die Religion als historische Zwischenstufe, die in die Philosophie aufgehen soll, während sie bei der Umstellung als unersetzlicher eigener Zugang erhalten bleibt. Drittens ist sie strukturell dialektisch: In der Reihenfolge Religion–Kunst–Philosophie haben die erste und die dritte Stufe mehr miteinander gemein als jede mit der zweiten — Religion und Philosophie teilen den Bezug auf das Ganze, Kunst steht dazwischen als verobjektivierende Vermittlung. Hegels eigene Reihenfolge Kunst–Religion–Philosophie folgt dem Schema Anschauung–Vorstellung–Denken in einer aufsteigenden Linie, ohne den dialektischen Dreischritt klar abzubilden. Viertens — und das ist für die Architektur dieses Werkes das stärkste Argument — entstehen erst in der umgestellten Reihenfolge die richtigen Systemparallelen zur objektiven Sittlichkeit: Familie verhält sich zu Religion wie der unmittelbare, gefühlshafte Anfang; bürgerliche Gesellschaft zu Kunst wie die verobjektivierende Differenzierung; Staat zu Philosophie wie das begriffliche Erfassen des Ganzen. Fünftens ist die historisch-empirische Evidenz eindeutig: Die Kunst der Menschheitsgeschichte schöpft ihren Inhalt überwiegend aus der Religion — die ägyptischen Pyramiden, die griechischen Götterbilder, die gotischen Kathedralen, die islamischen Moscheen, Bachs Messen, die buddhistischen Mandalas, die Höhlenmalereien. Religion geht der Kunst genetisch voraus, nicht umgekehrt. Theologie, Kunstwissenschaft und Philosophie entwickeln sich vergleichsweise spät, als Reflexion auf das, was in Religion und Kunst bereits gelebt wird. Sechstens hat Hegel selbst an einer Stelle der Philosophie der Weltgeschichte die Reihenfolge Religion–Kunst–Philosophie verwendet und die Parallele Anschauung–Vorstellung–Denken in die dialektischere Reihenfolge Vorstellung–Anschauung–Denken modifiziert; er hat die bessere Reihenfolge gesehen, sie aber nicht systematisch durchgeführt.
Was absolut an dieser Sphäre ist, ist nicht eine metaphysische Erhabenheit, sondern eine spezifische Stellung in der Bewegung des Geistes. Ab-solutus heißt: nicht durch anderes begrenzt — auch hier wieder im Sinne der Logik, in der die absolute Idee als Selbsterkenntnis der Methode bestimmt wurde (vgl. Ia.A.3). In Familie, bürgerlicher Gesellschaft und Staat bezieht sich der Geist auf endliche Zwecke und das jeweils verfügbare Material — ein Stück Brot wird gebacken, eine Maschine wird konstruiert, ein Gesetz wird verabschiedet. In der Sphäre des absoluten Geistes geht es nicht um endliche Zwecke, sondern um die Oberzwecke — das, was wir letztlich für gut, wahr und wichtig halten, das, woraufhin alle endlichen Zwecke ausgerichtet sind. Religion fasst diese Oberzwecke im Modus des unmittelbaren Spürens; Kunst gestaltet sie im Modus des sinnlichen Ausdrucks; Philosophie und Wissenschaft erfassen sie im Modus des begrifflichen Erkennens.
Eine wichtige Bestimmung gehört zur Religion, die in unserer Konzeption tragend ist und die in einen eigenen Band gehört, hier aber knapp angedeutet sei: das Resonanz-Modell. “Spüren” ist nicht passive Reizverarbeitung, sondern Resonanz — wie eine Saite mitschwingt, wenn der richtige Ton sie trifft. Bachs Musik wirkt nicht, weil sie von außen kommt, sondern weil sie etwas in uns zum Klingen bringt, das bereits da ist; der Sternenhimmel überwältigt nicht, weil er fremd ist, sondern weil etwas in uns die Ordnung wiedererkennt, die er zeigt. Was religiöse Resonanz von verwandten Erfahrungen unterscheidet — von ästhetischer Ergriffenheit, von moralischer Betroffenheit, von Stimmung —, ist der Ganzbezug: Sie bezieht sich nicht auf einen einzelnen Gegenstand, nicht auf eine einzelne Forderung, nicht auf eine diffuse Grundstimmung, sondern auf die Ordnung, die in allem gegenwärtig ist und über alles hinausweist. Sie fordert nicht, wie die moralische Erfahrung — sie trägt: sie ist die Erfahrung, eingebettet zu sein in eine Ordnung, die größer ist als das eigene Wollen und Fürchten. Diese Resonanzfähigkeit hat ihren Grund darin, dass der Mensch selbst Teil der Ordnung ist — als denkender, fühlender Geist, der die Logik in sich trägt, die in der Welt wirksam ist. Hegelianisch gesagt: Die Idee erkennt sich in uns. Säkularer gesagt: Die Strukturen, denen die Welt folgt, sind dieselben, die unser Denken folgt — und wenn wir sie spüren, dann ist das nicht Zufall, sondern Selbstvertrautheit der Idee.
Die Reflexion in der Philosophie kann in sich selbst nicht abschließen, weil sie nicht aus sich heraus äußerlich wird. Was sie erkennt, muss in die Welt zurückkehren, um wirklich zu werden — und das geschieht nicht durch die Philosophie selbst, sondern durch die Subjekte, die ihre Erkenntnis aufnehmen und in ihrem Handeln, in ihren Institutionen, in ihrer religiösen Erfahrung und in ihrem ästhetischen Ausdruck umsetzen. Daraus ergeben sich Rückkopplungskreise: Was die Philosophie erkennt, modifiziert das, was die Subjekte glauben, fühlen und gestalten; was die Religion innen erfährt, modifiziert das, was sie öffentlich ausdrücken und reflektieren; was die Kunst ausdrückt, modifiziert das, was die Subjekte als Wahrheit erkennen wollen. Die drei Sphären sind nicht voneinander abgetrennt, sondern zirkulieren ineinander. Religion ohne Kunst wird stumm — die Erfahrung drängt nach Ausdruck. Religion ohne Philosophie wird blind — die Erfahrung verlangt nach Klärung, nach Unterscheidung zwischen echt und falsch, zwischen lebendig und pathologisch. Kunst ohne Religion wird leer — sie verliert die Quelle, aus der sie sich nährt. Philosophie ohne Religion wird steril — sie hat nichts mehr, woran sie wachsen kann.
Dass der absolute Geist hier auftaucht — und nicht nur als Anhang —, hat seinen Grund in einer Beobachtung, die für die ganze Konzeption tragend ist: Die Oberzwecke, die in Religion, Kunst, Philosophie und Wissenschaft artikuliert werden, prägen den objektiven Geist mit. Die Lebensformen einer Gesellschaft sind nicht aus der ökonomischen oder rechtlichen Struktur allein zu erklären; sie sind auch geprägt von dem, was die Menschen für gut, für wahr, für heilig halten. Eine konfuzianische Zivilisation, eine christliche Zivilisation, eine islamische Zivilisation sind nicht nur ökonomisch und politisch unterschiedlich, sondern auch in der Tiefenstruktur dessen, was sie als Oberzwecke anerkennen. Die im äußeren Staatsrecht erwähnten Zivilisationen lassen sich gerade von hier her unterscheiden: Sie haben verschiedene religiöse Traditionen, verschiedene ästhetische Idiome, verschiedene philosophische Hintergründe. Das ist die Tiefenstruktur, die quer zu den einzelnen Staaten liegt und die das Verhältnis der Zivilisationen zueinander prägt.
Auch die Trennungen innerhalb einer Zivilisation gehen meist auf Differenzen im absoluten Geist zurück. Der Westen ist nicht eine Zivilisation, sondern in mindestens drei religiöse Linien geteilt — Katholizismus, Protestantismus, Orthodoxie —, deren je verschiedene Verankerung des Verhältnisses von Subjekt und Gemeinschaft, von Innerlichkeit und Institution, von Verdienst und Gnade auch heute noch in den politischen Kulturen Europas spürbare Grenzen markiert. Ähnliche Spaltungen lassen sich in anderen Zivilisationskreisen beobachten. Die Geographie und die Sprache sind erst die zweite Ebene; die erste, tiefere Ebene ist diejenige der Oberzwecke.
Aber — und das ist die Gegenpointe gegen einen kulturalistischen Idealismus — lassen sich die Lebensformen aus dem absoluten Geist nicht einfach ableiten. Was eine Gesellschaft als Oberzwecke anerkennt, prägt sie; aber wie sie diese Zwecke realisiert, hängt vom Material ab, von den geographischen Bedingungen, von den verfügbaren Mitteln, von der ökonomischen Konstellation. Hegel hat sich, wie erwähnt, auf Ritter bezogen; die Materialität bleibt Bedingung, durch die die Oberzwecke hindurchgehen müssen, um wirklich zu werden. Bergvölker, Flusstal-Reiche, Hafenstadt-Kulturen entwickeln verschiedene Formen, in denen sich auch ihre religiösen, künstlerischen und philosophischen Oberzwecke artikulieren — nicht weil die Oberzwecke verschieden wären, sondern weil sie verschieden konkretisiert werden müssen.
Die Pointe an dieser Stelle der Rechtsphilosophie ist daher: Die Bestimmungen, die hier entwickelt wurden — Person, Eigentum, Vertrag, Familie, bürgerliche Gesellschaft, Staat —, stehen nicht isoliert. Sie sind in einer doppelten Vermittlung: zum einen mit dem Material, mit dem geographischen Stoff, mit den ökonomischen Bedingungen (das ist die vertikale Dimension nach unten — Naturphilosophie, Ökonomie); zum anderen mit den Oberzwecken, die in Religion, Kunst, Philosophie artikuliert werden (das ist die vertikale Dimension nach oben — der absolute Geist). Die Rechtsphilosophie ist die Sphäre dazwischen — die Sphäre, in der das Material durch die Oberzwecke geformt wird und die Oberzwecke durch das Material konkretisiert werden.
Eine ausführliche Behandlung des absoluten Geistes — die Religionen in ihrer Vielfalt mit ihren inneren Differenzierungen, die Kunstformen in ihrer Geschichte, die Philosophien in ihrer Auseinandersetzung, das Resonanzmodell in seiner systematischen Ausarbeitung — gehört in einen eigenen Band. Was hier festzuhalten war, ist die Stellung: Der absolute Geist ist nicht über die Rechtsphilosophie hinaus, sondern als die Sphäre, in der die Oberzwecke artikuliert sind, die in den objektiven Geist hineinwirken. Wer die Rechtsphilosophie ohne diesen Bezug liest, verliert das, was den ganzen Aufbau begrifflich trägt.
Dass der absolute Geist hier auftaucht — und nicht nur als Anhang —, hat seinen Grund in einer Beobachtung, die für die ganze Konzeption tragend ist: Die Oberzwecke, die in Religion, Kunst, Philosophie und Wissenschaft artikuliert werden, prägen den objektiven Geist mit. Die Lebensformen einer Gesellschaft sind nicht aus der ökonomischen oder rechtlichen Struktur allein zu erklären; sie sind auch geprägt von dem, was die Menschen für gut, für wahr, für heilig halten. Eine konfuzianische Zivilisation, eine christliche Zivilisation, eine islamische Zivilisation sind nicht nur ökonomisch und politisch unterschiedlich, sondern auch in der Tiefenstruktur dessen, was sie als Oberzwecke anerkennen. Die im äußeren Staatsrecht erwähnten Zivilisationen lassen sich gerade von hier her unterscheiden: Sie haben verschiedene religiöse Traditionen, verschiedene ästhetische Idiome, verschiedene philosophische Hintergründe. Das ist die Tiefenstruktur, die quer zu den einzelnen Staaten liegt und die das Verhältnis der Zivilisationen zueinander prägt.
Auch die Trennungen innerhalb einer Zivilisation gehen meist auf Differenzen im absoluten Geist zurück. Der Westen ist nicht eine Zivilisation, sondern in mindestens drei religiöse Linien geteilt — Katholizismus, Protestantismus, Orthodoxie —, deren je verschiedene Verankerung des Verhältnisses von Subjekt und Gemeinschaft, von Innerlichkeit und Institution, von Verdienst und Gnade auch heute noch in den politischen Kulturen Europas spürbare Grenzen markiert. Ähnliche Spaltungen lassen sich in anderen Zivilisationskreisen beobachten. Die Geographie und die Sprache sind erst die zweite Ebene; die erste, tiefere Ebene ist diejenige der Oberzwecke.
Aber — und das ist die Gegenpointe gegen einen kulturalistischen Idealismus — lassen sich die Lebensformen aus dem absoluten Geist nicht einfach ableiten. Was eine Gesellschaft als Oberzwecke anerkennt, prägt sie; aber wie sie diese Zwecke realisiert, hängt vom Material ab, von den geographischen Bedingungen, von den verfügbaren Mitteln, von der ökonomischen Konstellation. Hegel hat sich, wie erwähnt, auf Ritter bezogen; die Materialität bleibt Bedingung, durch die die Oberzwecke hindurchgehen müssen, um wirklich zu werden. Bergvölker, Flusstal-Reiche, Hafenstadt-Kulturen entwickeln verschiedene Formen, in denen sich auch ihre religiösen, künstlerischen und philosophischen Oberzwecke artikulieren — nicht weil die Oberzwecke verschieden wären, sondern weil sie verschieden konkretisiert werden müssen.
Die Pointe an dieser Stelle der Rechtsphilosophie ist daher: Die Bestimmungen, die hier entwickelt wurden — Person, Eigentum, Vertrag, Familie, bürgerliche Gesellschaft, Staat —, stehen nicht isoliert. Sie sind in einer doppelten Vermittlung: zum einen mit dem Material, mit dem geographischen Stoff, mit den ökonomischen Bedingungen (das ist die vertikale Dimension nach unten — Naturphilosophie, Ökonomie); zum anderen mit den Oberzwecken, die in Religion, Kunst, Philosophie artikuliert werden (das ist die vertikale Dimension nach oben — der absolute Geist). Die Rechtsphilosophie ist die Sphäre dazwischen — die Sphäre, in der das Material durch die Oberzwecke geformt wird und die Oberzwecke durch das Material konkretisiert werden.
Eine ausführliche Behandlung des absoluten Geistes — die Religionen in ihrer Vielfalt, die Kunstformen in ihrer Geschichte, die Philosophien in ihrer Auseinandersetzung — gehört in einen eigenen Band. Was hier festzuhalten war, ist die Stellung: Der absolute Geist ist nicht über die Rechtsphilosophie hinaus, sondern als die Sphäre, in der die Oberzwecke artikuliert sind, die in den objektiven Geist hineinwirken. Wer die Rechtsphilosophie ohne diesen Bezug liest, verliert das, was den ganzen Aufbau begrifflich trägt.