Die Nelkenrevolution in Portugal (1974) - Das Ende des letzten europäischen Kolonialreichs

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Die verspätete Dekolonisierung

Portugal ist das erste europäische Kolonialreich der Neuzeit (seit 1415: Ceuta) - und das letzte, das endet. Bis 1974 führt Portugal Kolonialkriege in Angola, Mosambik, Guinea-Bissau. Die Armee rebelliert (Nelkenrevolution, 25. April 1974), die Diktatur stürzt, die Kolonien werden unabhängig.[1]

Die philosophische Bedeutung: Das Ende Portugals als Kolonialmacht beendet fünf Jahrhunderte europäischer Expansion. Von 1415 (Ceuta) bis 1974 (Angola) - die „Moderne“ war immer auch „Kolonialismus“. Jetzt ist diese Epoche zu Ende.

Die Frage: Was bedeutet das für Hegels Geschichtsphilosophie? Hegel hatte behauptet: Europa ist der Höhepunkt der Weltgeschichte, weil hier die Freiheit verwirklicht wird. Aber diese „Freiheit“ war immer auch Unfreiheit - Sklaverei, Kolonialismus, Rassismus. War Hegel eurozentrisch - oder wurde er eurozentrisch gelesen?

Die postkoloniale Kritik (Edward Said, „Orientalism“, 1978, aber Wurzeln in den 1960ern) zeigt: Europäische Philosophie (einschließlich Hegel) hat den Rest der Welt konstruiert als „das Andere“ - irrational, primitiv, kindlich. Diese Konstruktion diente der Legitimation kolonialer Herrschaft.[2]

Aber: Hegel selbst war ambivalent. Er erkannte die Rationalität außereuropäischer Kulturen an (China, Indien haben Philosophie), auch wenn er sie als „Vorstufen“ einstufte. Die Aufgabe ist: Hegels Methode (Dialektik, Anerkennung) gegen seine eurozentrische Anwendung wenden. Das ist die Leistung der Dritte-Welt-Philosophie (siehe Kapitel 13-15).


  1. Zur Nelkenrevolution siehe Kenneth Maxwell: The Making of Portuguese Democracy (1995). ↩︎

  2. Edward Said: Orientalism (1978). Zur postkolonialen Hegel-Kritik siehe Robert Bernasconi: „Hegel at the Court of the Ashanti“ in: Stuart Barnett (Hg.): Hegel After Derrida (1998). ↩︎