Donald Davidson - Wahrheit und Interpretation (1967-1984)

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Radikale Interpretation und begriffliche Schemata

Donald Davidson (1917-2003) radikalisierte Quines Holismus in Richtung einer Bedeutungstheorie. Seine Frage: Wie ist Verstehen möglich? Wie können wir die Äußerungen anderer (oder fremder Kulturen) interpretieren?[1]

Die radikale Interpretation: Davidson stellte sich ein Gedankenexperiment vor: Ein Linguist trifft auf eine völlig unbekannte Sprache. Er hat keine Wörterbücher, keine Dolmetscher, nur die Äußerungen der Sprecher und deren Verhalten. Wie kann er die Sprache verstehen?

Davidsons Antwort: Nur durch das „Prinzip der Nachsicht“ (principle of charity). Der Interpret muss annehmen, dass die Sprecher größtenteils wahre Überzeugungen haben und größtenteils rational handeln. Ohne diese Annahme ist Interpretation unmöglich - jede Äußerung könnte alles bedeuten.

Die Kritik an begrifflichen Schemata: In „On the Very Idea of a Conceptual Scheme“ (1974) kritisierte Davidson die Vorstellung, verschiedene Kulturen oder Theorien hätten „inkommensurable“ Begriffsschemata, die gegenseitiges Verstehen unmöglich machen.[2]

Das Argument: Wenn zwei Schemata wirklich inkommensurabel wären, könnten wir nicht einmal sagen, dass sie „verschieden“ sind - denn „Verschiedenheit“ setzt einen gemeinsamen Maßstab voraus. Die Rede von „verschiedenen begrifflichen Schemata“ ist inkohärent. Es gibt nicht „die Welt“ (Schema-neutral) und „die Schemata“ (kulturrelativ), sondern nur die eine Welt, die wir verschieden beschreiben.

Die hegelianische Dimension: Davidson nähert sich hier Hegels Kritik am „Ding an sich“. Kant unterschied zwischen Erscheinung (wie die Welt uns erscheint) und Ding an sich (wie die Welt „wirklich“ ist). Hegel kritisierte: Diese Unterscheidung ist inkohärent - wenn das Ding an sich völlig unerkennbar ist, können wir nicht einmal sagen, dass es „existiert“ oder „anders ist als die Erscheinung“. Davidson macht dieselbe Kritik an der Schema-Inhalt-Unterscheidung.[3]

Anomaler Monismus und die Irreduzibilität des Mentalen

Davidsons Philosophie des Geistes - der „anomale Monismus“ - hat ebenfalls hegelianische Züge. Er argumentiert: Das Mentale ist nicht auf das Physische reduzierbar (es gibt keine „psychophysischen Gesetze“), aber es ist auch nicht ontologisch getrennt (Dualismus). Mentale Ereignisse sind identisch mit physischen Ereignissen, aber unter mentalen Beschreibungen folgen sie anderen Regeln als unter physischen.[4]

Das bedeutet: Die Sprache des Geistes (Überzeugungen, Wünsche, Intentionen) hat eine eigene Rationalität, die nicht auf Naturwissenschaft reduzierbar ist. Das ist Hegels Einsicht, dass der „objektive Geist“ (Recht, Moral, Sittlichkeit) eigene Strukturen hat, die nicht aus der Natur ableitbar sind - aber auch nicht dualistisch von ihr getrennt.


  1. Donald Davidson: „Truth and Meaning“ (1967), in: ders.: Inquiries into Truth and Interpretation, Oxford: Clarendon Press, 1984. ↩︎

  2. Donald Davidson: „On the Very Idea of a Conceptual Scheme“ (1974), in: Inquiries into Truth and Interpretation, S. 183-198. ↩︎

  3. Zur Parallele Davidson-Hegel vgl. John McDowell: „Gadamer and Davidson on Understanding and Relativism“, in: ders.: The Engaged Intellect, Cambridge/MA: Harvard University Press, 2009, S. 134-151. ↩︎

  4. Donald Davidson: „Mental Events“ (1970), in: ders.: Essays on Actions and Events, Oxford: Clarendon Press, 1980. ↩︎