Einordnung: Die Bewegung des Ganzen
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Die analytische Philosophie definierte sich durch Ablehnung Hegels - Russells Polemik, Ayers Verifikationsprinzip, Poppers Totalitarismuskritik. Aber in den Jahrzehnten nach 1950 vollzog sie eine Selbstkritik, die sie - unbeabsichtigt - näher an Hegel heranführte. Die Kritik am Empirismus (Quine), die Kritik am Atomismus (Davidson), die Kritik am Essentialismus (Kripke), die Kritik am Regelfolgen (der späte Wittgenstein) - all diese Bewegungen untergruben die Grundlagen, auf denen die Hegel-Ablehnung beruhte.
Das Ergebnis war paradox: Je mehr die analytische Philosophie ihre eigenen Voraussetzungen kritisierte, desto mehr näherte sie sich Strukturen, die Hegel bereits entwickelt hatte. Holismus statt Atomismus, Kontextualität statt Fundierung, soziale Praxis statt individuelles Bewusstsein, begriffliche Vermittlung statt sinnlicher Unmittelbarkeit - all das sind hegelianische Einsichten, die nun analytisch reformuliert wurden.
Dieses Kapitel zeichnet diese Entwicklung nach: von Quines Kritik an den zwei Dogmen des Empirismus über Davidsons Holismus bis zu Kripkes Essentialismus und der Wittgenstein-Rezeption. Es zeigt, wie die analytische Tradition sich von innen transformierte - und so den Boden für die explizite Hegel-Renaissance in Band III bereitete.