Ernst Tugendhat -- Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung (1979)

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Der Vermittler zwischen den Traditionen

Ernst Tugendhat (1930-2023) war eine Schlüsselfigur der deutschsprachigen Philosophie nach 1945 – und zugleich ein Grenzgänger zwischen analytischer und kontinentaler Tradition. Geboren in Brünn, emigrierte er 1938 mit seiner jüdischen Familie nach Venezuela, studierte später in Stanford bei Donald Davidson und kehrte dann nach Deutschland zurück, wo er bei Heidegger in Freiburg promovierte.[1]

Diese doppelte Prägung – amerikanische analytische Schulung und deutsche phänomenologische Tradition – machte Tugendhat zum idealen Vermittler. Sein Projekt war es, die Stärken beider Traditionen zu verbinden: die begriffliche Präzision der Analytiker mit der existentiellen Tiefe der Kontinentalen.

“Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung” (1979)

Tugendhats Hauptwerk zur Hegel-Frage sind seine Heidelberger Vorlesungen, publiziert als “Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung” (1979).[2] Die Fragestellung ist zentral für jede Hegel-Rezeption: Was ist Selbstbewusstsein? Wie ist es möglich, dass ein Bewusstsein sich seiner selbst bewusst wird?

Tugendhat unterscheidet zwei Modelle des Selbstbewusstseins:

Das Reflexionsmodell (traditionell): Das Ich macht sich selbst zum Objekt, es “blickt auf sich selbst” wie auf einen Gegenstand. Dieses Modell – das Tugendhat bei Hegel, aber auch bei Fichte und der deutschen idealistischen Tradition findet – führt in bekannte Schwierigkeiten: Wie kann das Ich sich als Objekt erfassen, ohne sich dabei bereits als Subjekt vorauszusetzen? Das Reflexionsmodell führt in einen Zirkel oder infiniten Regress – genau die Probleme, die auch Dieter Henrich diagnostiziert hatte.[3]

Das sprachanalytische Modell (Tugendhats Alternative): Selbstbewusstsein ist keine Selbstbeobachtung, sondern Selbstbezugnahme in der ersten Person. Wenn ich sage “ich denke” oder “ich wünsche”, referiere ich auf mich selbst – aber nicht als Objekt unter anderen, sondern als Subjekt der Aussage. Die erste Person (“ich”) hat eine besondere grammatische Struktur, die nicht auf Objektreferenz reduzierbar ist.

Tugendhat argumentiert: Die analytische Sprachphilosophie (Wittgenstein, Strawson) hat Werkzeuge entwickelt, die das Problem des Selbstbewusstseins besser zu lösen vermögen als die traditionelle Reflexionsphilosophie. Die Frage ist nicht: “Wie kann ein Bewusstsein sich selbst anschauen?”, sondern: “Was bedeutet es, ‘ich’ zu sagen?”

Die Hegel-Kritik

Tugendhats Hegel-Kritik ist differenziert, aber grundsätzlich:

Der berechtigte Kern: Hegel hat gesehen, dass Selbstbewusstsein nicht isoliert, sondern nur in Beziehung zu anderen möglich ist. Die Herr-Knecht-Dialektik zeigt: Anerkennung ist konstitutiv für Selbstbewusstsein. Darin stimmt Tugendhat mit Hegel überein – gegen jede solipsistische Bewusstseinsphilosophie.

Die fundamentale Kritik: Aber Hegels Lösung – die Dialektik als Selbstbewegung des Begriffs – ist für Tugendhat nicht haltbar. Hegel hypostasiert das Selbstbewusstsein, macht es zu einem metaphysischen Prinzip, das sich in der Geschichte entfaltet. Das ist “Mystifikation” – ein Rückfall hinter die kritische Einsicht, dass Selbstbewusstsein nur in konkreten sprachlichen Praktiken existiert.[4]

Tugendhat wirft Hegel vor, was er “semantische Dunkelheit” nennt: Hegels Begriffe (Geist, Selbstbewusstsein, Begriff) sind mehrdeutig, ihre Übergänge sind nicht logisch zwingend, sondern suggestiv. Die dialektische Methode erlaubt es, fast alles mit allem zu verbinden – aber genau das ist ihre Schwäche, nicht ihre Stärke.

Was ist an der Kritik berechtigt?

Tugendhats Kritik trifft einen bestimmten Hegel – den Hegel der spekulativen Philosophie, der “Selbstbewusstsein” als kosmisches Prinzip behandelt. Aber sie verfehlt einen anderen Aspekt:

Erstens: Hegels Logik ist keine Metaphysik im traditionellen Sinne. Sie expliziert die Strukturen rationaler Praxis – nicht eine Weltseele, die sich entfaltet. Die hier entwickelte Interpretation (siehe unsere Zusammenfassung der Logik) liest Hegel gerade nicht als Metaphysiker, sondern als Analytiker begrifflicher Strukturen.

Zweitens: Tugendhats Selbstbewusstseinstheorie bleibt bei der Analyse der ersten Person stehen. Sie erklärt, was “ich” bedeutet – aber nicht, wie aus der Vielheit der Ichs eine gemeinsame Vernunft entsteht. Hegels “objektiver Geist” ist gerade der Versuch, diese Dimension zu denken: Wie wird aus individueller Selbstbeziehung kollektive Rationalität?

Drittens: Tugendhats Vorwurf der “semantischen Dunkelheit” setzt voraus, dass philosophische Begriffe die Klarheit formaler Sprachen haben sollten. Aber Hegels These ist gerade, dass philosophische Begriffe ihre Bedeutung im Vollzug entwickeln – sie sind nicht vorab definierbar, sondern entfalten sich. Das ist kein Mangel an Präzision, sondern eine andere Art von Präzision: performativ statt stipulativ.

Die Vermittlung zur analytischen Tradition

Tugendhats Bedeutung liegt weniger in seiner Hegel-Kritik als in seiner Vermittlungsleistung. Er zeigte einer Generation deutschsprachiger Philosophen, dass analytische und kontinentale Philosophie keine Gegensätze sein müssen. Man kann Heidegger studiert haben und trotzdem Wittgenstein schätzen; man kann existentielle Fragen stellen und trotzdem begriffliche Präzision fordern.

Seine späteren Werke – “Vorlesungen zur Einführung in die sprachanalytische Philosophie” (1976), “Probleme der Ethik” (1984) – machten die analytische Tradition in Deutschland zugänglich. Die “Vorlesungen über Ethik” (1993) verbanden Aristoteles, Kant und utilitaristische Ethik mit Fragen der Selbstbestimmung.[5]

Systematische Einordnung

Tugendhat steht in einer Reihe von Denkern, die zwischen den Traditionen vermittelten: wie Charles Taylor (der von Oxford aus Hegel neu las), wie Rorty (der den Pragmatismus mit der Analytik verband), wie später Brandom und McDowell (die Hegel analytisch reformulierten). Aber Tugendhat war skeptischer gegenüber Hegel als diese – er sah die Vermittlung eher von der analytischen Seite her.

Für die Hegel-Rezeption ist Tugendhat wichtig als Symptom: Er zeigt, dass selbst Philosophen, die Hegel kritisch gegenüberstehen, seine zentralen Probleme – Selbstbewusstsein, Anerkennung, die Vermittlung von Individuum und Gemeinschaft – als die entscheidenden Fragen anerkennen. Die Kritik an Hegels Lösung ist nicht identisch mit einer Ablehnung seiner Problemstellung.

Was Tugendhat nicht sieht: Die hier entwickelte Interpretation liest Hegels Logik gerade nicht als Metaphysik des Selbstbewusstseins, sondern als Explikation rationaler Praxis. In dieser Lesart wäre Tugendhats sprachanalytischer Ansatz nicht Alternative zu Hegel, sondern Teilperspektive auf ein gemeinsames Problem. Die Pittsburgh School wird genau diese Integration leisten.


  1. Zu Tugendhats Biographie: Ernst Tugendhat, Erinnerungen an einen jüdischen Großvater, Berlin: Campus, 2007. Die doppelte Emigration – nach Venezuela, dann intellektuell in die analytische Tradition – prägte sein Denken. ↩︎

  2. Ernst Tugendhat, Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung: Sprachanalytische Interpretationen, Frankfurt: Suhrkamp, 1979. Die Heidelberger Vorlesungen wurden zu seinem philosophisch einflussreichsten Werk. ↩︎

  3. Tugendhats Kritik am Reflexionsmodell konvergiert mit Dieter Henrichs Analyse (-> Kapitel 3a), kommt aber zu anderen Schlüssen. Während Henrich bei einer ursprünglichen Selbstvertrautheit verbleibt, geht Tugendhat zur Sprachanalyse über. ↩︎

  4. Ernst Tugendhat, Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung, S. 280-320 (Hegel-Kritik). Die Charakterisierung als “Mystifikation” erinnert an Marx’ Kritik – zeigt aber auch die Grenzen von Tugendhats Verständnis. ↩︎

  5. Ernst Tugendhat, Vorlesungen über Ethik, Frankfurt: Suhrkamp, 1993. Die späten ethischen Arbeiten bewegten sich von der Metaethik zur angewandten Ethik, mit besonderem Interesse an Fragen der Selbstbestimmung am Lebensende. ↩︎