Die Vorbereitung der Pittsburgh School (1980er Jahre)
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Die Konstellation
In den 1980er Jahren formierte sich an der University of Pittsburgh eine Gruppe von Philosophen, die Hegel, Pragmatismus und analytische Philosophie verbanden: Robert Brandom, John McDowell, und (als Erbe) Wilfrid Sellars. Ihre Hauptwerke erscheinen erst in den 1990er Jahren (Band III), aber die Grundlagen wurden früher gelegt.[1]
Sellars’ Erbe: Sellars (1912-1989), bereits in Kapitel 5.5 behandelt, lehrte in Pittsburgh und hinterließ eine Tradition des “inferentiellen Holismus” - die Idee, dass Bedeutung durch inferentielle Beziehungen (was aus was folgt) konstituiert ist, nicht durch Referenz auf Gegenstände.
Robert Brandom (geb. 1950) kam 1976 nach Pittsburgh und arbeitete an einer Synthese von Sellars, Wittgenstein und Hegel. Seine Dissertation “Making It Explicit” entwickelte sich über Jahre zu seinem monumentalen Hauptwerk (1994). Die Grundidee: Begriffe sind nicht Etiketten für Dinge, sondern Züge in einem “Spiel des Gebens und Nehmens von Gründen”. Wer einen Begriff verwendet, verpflichtet sich zu Inferenzen und erwirbt Berechtigungen. Das ist soziale Praxis, nicht private Repräsentation.[2]
John McDowell (geb. 1942) kam 1986 aus Oxford nach Pittsburgh. Sein Projekt war eine Versöhnung von “Natur” und “Geist” - gegen den Naturalismus, der Geist auf Natur reduziert, aber auch gegen den Dualismus, der sie trennt. Die Lösung: “Zweite Natur” - Bildung, durch die Menschen in den “Raum der Gründe” eintreten. Das ist Hegels “Bildung” (Phänomenologie) analytisch reformuliert.[3]
Die systematische Bedeutung
Die Pittsburgh School zeigt: Die analytische Tradition führte durch ihre eigene Selbstkritik zu Einsichten, die Hegel vorweggenommen hatte. Holismus (Quine), begriffliche Vermittlung (Davidson), soziale Konstitution (Kripke/Wittgenstein), inferentielle Semantik (Sellars) - all das sind Bausteine, die Brandom und McDowell zu einer analytischen Hegel-Lesart zusammenfügen.
Das bedeutet nicht, dass Hegel “recht hatte” und die Analytiker es nur nicht wussten. Es bedeutet: Die analytische Kritik an Hegel war oberflächlich - sie traf ein Zerrbild, nicht Hegels eigentliche Einsichten. Die tiefere analytische Arbeit (Quine, Davidson, Kripke, der späte Wittgenstein) führte zu Strukturen, die Hegels Logik bereits expliziert hatte.
Ausblick auf Band III: Die Pittsburgh School wird in [[hegel-rezeption-3:9]] ausführlich behandelt. Dort geht es um die explizite Hegel-Renaissance: Brandoms “Making It Explicit” (1994), McDowells “Mind and World” (1994), die Pippin-Pinkard-Debatte über metaphysische vs. nicht-metaphysische Hegel-Lesarten. Das gegenwärtige Kapitel zeigt die Vorgeschichte - wie die analytische Selbstkritik den Boden bereitete.
Zur Pittsburgh School vgl. Chauncey Maher: The Pittsburgh School of Philosophy, London: Routledge, 2012. ↩︎
Robert Brandom: Making It Explicit: Reasoning, Representing, and Discursive Commitment, Cambridge/MA: Harvard University Press, 1994. ↩︎
John McDowell: Mind and World, Cambridge/MA: Harvard University Press, 1994. ↩︎