Richard Rorty – Pragmatismus gegen Systematik
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Einordnung: Die Bewegung des Ganzen
Die Postmoderne hatte viele Stimmen – französische, deutsche, italienische. Richard Rorty war ihre amerikanische Stimme. Aber er kam nicht aus der kontinentalen Tradition, sondern aus der analytischen Philosophie. Er war ausgebildeter Analytiker, der sich gegen die analytische Philosophie wandte – und dabei auf unerwartete Verbündete stieß: Hegel, Heidegger, Derrida.
Rortys Bedeutung für die Hegel-Rezeption ist paradox: Er kritisierte Hegels Systemanspruch scharf, ebnete aber gleichzeitig den Weg für eine pragmatistische Hegel-Renaissance. Seine Schüler – allen voran Robert Brandom – wurden zu den einflussreichsten Hegel-Interpreten der Gegenwart.
Wer war Rorty?
Richard Rorty (1931-2007) wuchs in einem linksintellektuellen Milieu auf – seine Eltern waren Trotzkisten. Er studierte analytische Philosophie in Chicago und Yale, lehrte in Princeton und später in Stanford und Virginia.
In den 1960er Jahren war er ein respektierter analytischer Philosoph, Experte für Philosophie des Geistes. Dann kam der Bruch. „Philosophy and the Mirror of Nature“ (1979) war ein Frontalangriff auf die gesamte analytische Tradition – geschrieben von einem Insider, der die Werkzeuge kannte.
Der Skandal war groß. Rorty wurde von vielen analytischen Kollegen geschnitten, seine Berufung nach Virginia (ein Literature Department, nicht Philosophy) war demonstrativ. Aber er wurde auch berühmt – als der Philosoph, der die Philosophie abschaffen wollte.
„Philosophy and the Mirror of Nature“ (1979)
Das Buch attackiert eine Grundannahme, die von Descartes bis zur analytischen Philosophie reicht: Der Geist ist ein Spiegel der Natur. Erkenntnis bedeutet, dass dieser Spiegel die Wirklichkeit korrekt abbildet. Philosophie ist die Disziplin, die prüft, ob der Spiegel richtig poliert ist.
Diese Metapher, so Rorty, ist das Problem. Es gibt keinen „Geist“, der die „Natur“ abbildet. Es gibt nur Praktiken des Redens – verschiedene Vokabulare, mit denen wir verschiedene Zwecke verfolgen. Die Frage „Stimmt diese Aussage mit der Wirklichkeit überein?“ ist sinnlos – oder vielmehr: sie ist nur sinnvoll innerhalb eines bestimmten Sprachspiels.
Hegel erscheint in diesem Buch als Höhepunkt und Abschluss der Spiegelmetapher. In der Phänomenologie des Geistes durchläuft das Bewusstsein alle möglichen Formen des „Spiegelns“, bis es im absoluten Wissen erkennt, dass es immer nur sich selbst gespiegelt hat. Das ist konsequent – aber für Rorty ist es die Konsequenz eines falschen Ansatzes.
Die Alternative: Pragmatismus (Dewey), Hermeneutik (Gadamer), Sprachspieltheorie (Wittgenstein). Nicht fragen: „Ist es wahr?“ Sondern: „Ist es nützlich? Hilft es uns, mit der Welt umzugehen? Löst es unsere Probleme?“
Hegel pragmatisch gelesen
Aber Rorty ist kein simpler Hegel-Kritiker. In späteren Schriften unterscheidet er zwei Hegels: den metaphysischen und den pragmatischen.
Der metaphysische Hegel glaubt an das Absolute, an die Selbstentfaltung des Geistes, an das Ende der Geschichte im absoluten Wissen. Dieser Hegel ist für Rorty unannehmbar – eine Variante des theologischen Denkens, das die Philosophie überwinden sollte.
Der pragmatische Hegel zeigt, wie Begriffe sich historisch entwickeln, wie Praktiken Normen erzeugen, wie Selbstverständnisse sich durch Konflikte transformieren. Dieser Hegel ist aktuell – er ist ein Denker der Historizität, der Kontingenz, der Veränderung.
Die Phänomenologie des Geistes, pragmatisch gelesen, ist keine Darstellung der „Wahrheit“, sondern eine Geschichte – eine Geschichte davon, wie verschiedene Kulturen verschiedene Selbstbilder entwickelten, wie diese Selbstbilder sich als unzureichend erwiesen, wie neue entstanden. Das ist wertvoll – nicht weil es „wahr“ ist (in einem metaphysischen Sinn), sondern weil es uns hilft, unsere eigene Situation zu verstehen.
„Contingency, Irony, and Solidarity“ (1989)
Rortys Hauptwerk entwickelt eine Position, die er „liberale Ironie“ nennt. Die liberale Ironikerin weiß: Alle Vokabulare sind kontingent, historisch entstanden, nicht notwendig. Es gibt kein „endgültiges Vokabular“, das die Wirklichkeit erfasst, wie sie „wirklich“ ist.
Aber sie ist nicht zynisch. Sie weiß auch: Manche Vokabulare sind besser als andere – nicht weil sie „wahrer“ sind, sondern weil sie weniger Grausamkeit verursachen, mehr Solidarität ermöglichen, mehr Menschen einschließen.
Hegel erscheint hier als warnendes Beispiel. Er hatte Recht, dass Vokabulare sich entwickeln, dass Selbstverständnisse historisch sind. Aber er hatte Unrecht, als er sein eigenes Vokabular für endgültig hielt, als er glaubte, die Geschichte sei im preußischen Staat zu ihrem Abschluss gekommen.
Die liberale Ironikerin lernt von Hegel – und vermeidet seinen Fehler. Sie nimmt ihr eigenes Vokabular ernst, kämpft für ihre Werte, engagiert sich politisch. Aber sie weiß, dass auch ihr Vokabular kontingent ist, dass spätere Generationen es überwinden werden, dass es kein „Ende der Geschichte“ gibt.
Die Wirkung: Pittsburgh School
Rortys wichtigstes Erbe ist die Pittsburgh School – Robert Brandom, John McDowell und andere. Sie übernahmen Rortys Pragmatismus, aber korrigierten seinen Skeptizismus. Man kann Hegel pragmatisch lesen, ohne den Wahrheitsbegriff aufzugeben.
Brandom (dessen Hauptwerk „Making It Explicit“ 1994 erschien) zeigt: Begriffe sind normativ – sie verpflichten zu bestimmten Inferenzen, berechtigten zu bestimmten Schlüssen. Das ist nicht „Abbildung“ der Wirklichkeit, aber auch nicht bloße „Nützlichkeit“. Es ist die Struktur des Gebens und Nehmens von Gründen.
Hegels Logik, so Brandom, beschreibt diese Struktur. Die Kategorien sind nicht Abbilder von Seienden, sondern Züge im Spiel der Begründung. „Sein“ bedeutet eine bestimmte Art von Behauptung, „Wesen“ eine andere, „Begriff“ eine dritte. Das ist Pragmatismus – aber ein Pragmatismus, der Wahrheit nicht aufgibt, sondern anders versteht.
Kritische Würdigung
Rorty hat die Hegel-Diskussion befreit – von der Frage, ob Hegel „Recht hatte“, hin zur Frage, was wir von ihm lernen können. Das ist produktiv. Nicht mehr: „War das Absolute wirklich absolut?“ Sondern: „Was zeigt Hegels Methode? Was können wir damit anfangen?“
Aber Rortys Historismus ist problematisch. Wenn alle Vokabulare kontingent sind, warum sollten wir dem Vokabular der „Solidarität“ vertrauen? Rorty antwortet: Weil es unseres ist, weil wir liberal erzogen wurden. Aber das ist zirkulär. Es gibt keinen Grund, außer Gewohnheit.
Hegel hätte geantwortet: Die Kontingenz ist nicht das letzte Wort. Die Geschichte ist nicht bloße Abfolge von Vokabularen, sondern Entwicklung. Manche Vokabulare sind besser, nicht weil sie „unsere“ sind, sondern weil sie mehr von der Wirklichkeit erfassen, mehr Freiheit ermöglichen, mehr Anerkennung realisieren.
Diese Debatte – zwischen Rortys Kontingenzdenken und Hegels Entwicklungsdenken – ist nicht entschieden. Sie prägt die gegenwärtige Philosophie. Die Pittsburgh School versucht, beide zu vermitteln. Ob das gelingt, wird Band III zeigen müssen.