Rekapitulation: Der Weg in die Erstarrung (1917-1956)
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
In Band 1 (Kapitel 14) haben wir die sowjetische Hegel-Rezeption von 1917 bis 1953 ausführlich behandelt. Zur Erinnerung die Hauptlinien:
Lenin (1914-1916) studierte im Schweizer Exil Hegels „Wissenschaft der Logik“ und erkannte: „Man kann das ‘Kapital’ von Marx […] nicht vollständig begreifen, ohne die ganze Logik von Hegel durchstudiert und begriffen zu haben.“[1]
Die 1920er Jahre waren das goldene Zeitalter: Abram Deborin und seine „Dialektiker“ studierten systematisch Hegel, planten eine vollständige Werkausgabe, entwickelten differenzierte Interpretationen.[2]
1930: Die Katastrophe. Stalin griff die „Dialektiker“ als „menschewisierende Idealisten“ an. Die systematische Hegel-Forschung wurde erstickt. An ihre Stelle trat der vulgäre Diamat.[3]
Der „Kurze Lehrgang“ (1938) reduzierte die Dialektik auf vier mechanische „Grundzüge“: Alles ist verbunden, alles bewegt sich, Quantität schlägt um in Qualität, Kampf der Gegensätze. Was fehlte: begriffliche Vermittlung, reflexive Struktur, Selbstanwendung – kurz: alles, was Hegels Dialektik ausmacht.[4]
Zhdanov (1947) formulierte die Doktrin: „Philosophie ist Waffe im Klassenkampf.“ Die Dialektik wurde zum Herrschaftsinstrument.[5]
W.I. Lenin: Философские тетради (Philosophische Hefte), in: Полное собрание сочинений, Bd. 29, Moskau 1969. Deutsche Ausgabe: Werke, Bd. 38, Berlin: Dietz, 1964. ↩︎
Zur Deborin-Schule: David Joravsky: Soviet Marxism and Natural Science 1917-1932, New York: Columbia University Press, 1961, Kap. 8-10. ↩︎
Stalins Intervention erfolgte am 9. Dezember 1930. Siehe: Loren R. Graham: Science, Philosophy, and Human Behavior in the Soviet Union, New York 1987, Kap. 2-3. ↩︎
Geschichte der KPdSU(B): Kurzer Lehrgang, Moskau 1938. Zur Kritik: Gustav A. Wetter: Der dialektische Materialismus, Freiburg 1952. ↩︎
Andrej Zhdanov: Über die Geschichte der Philosophie, Moskau 1947. ↩︎