"Der philosophische Diskurs der Moderne" (1985)
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Die Verteidigung der Moderne gegen die Postmoderne
1985 erscheint „Der philosophische Diskurs der Moderne“ - Habermas’ systematische Auseinandersetzung mit der Postmoderne. Er rekonstruiert den „Diskurs der Moderne“ von Hegel bis Foucault und Derrida - und zeigt, wo er aus dem Gleis geriet.
Auffällig ist der Stilwechsel: Während die philosophischen Fachtexte - die „Theorie des kommunikativen Handelns“ etwa - von einer geradezu willentlich trockenen, spröden Diktion geprägt sind, zeichnen sich Habermas’ politisch-philosophische Interventionen durch rhetorische Brillanz aus. Er findet kräftige Bilder, prägt Etiketten, die haften bleiben. Man hat fast das Gefühl, es mit zwei unterschiedlichen Autoren zu tun zu haben: dem Systematiker und dem Polemiker.[1]
Die These: Das Problem ist nicht die Vernunft als solche, sondern ein bestimmtes Modell von Vernunft - die subjektzentrierte Vernunft. Von Descartes bis Hegel wurde Vernunft gedacht als Selbstbeziehung eines Subjekts, das die Welt erkennt und gestaltet. Dieses Modell ist erschöpft - darin haben die Postmodernen recht.
Aber die Alternative ist nicht die Verabschiedung der Vernunft, sondern ihre Transformation. Statt subjektzentrierter Vernunft: kommunikative Vernunft. Statt des einsamen Subjekts, das die Welt erkennt: Subjekte, die miteinander kommunizieren und sich über die Welt verständigen.[1:1]
Die Hegel-Kritik: Zu früh vollendet
Habermas’ Hegel-Kritik ist aufschlussreich für sein gesamtes Denken. Hegel hatte das Problem der Moderne klar gesehen: die Entzweiung. Die Moderne zerbricht die traditionellen Einheiten - Mensch und Gott, Individuum und Gemeinschaft, Vernunft und Natur. Hegels Lösung war die dialektische Versöhnung: Der Geist hebt die Entzweiung auf, indem er sie durchläuft und in höherer Einheit überwindet.
Habermas kritisiert: Diese Lösung ist „zu billig“. Hegel versöhnt zu schnell, zu vollständig, zu endgültig. Das „absolute Wissen“ behauptet eine Versöhnung, die faktisch nicht eingelöst ist. Die realen Konflikte - zwischen Klassen, zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen Vernunft und Natur - werden idealistisch übersprungen.
Aber Habermas verwirft Hegel nicht völlig. Er will seine Problemstellung bewahren und seine Lösung transformieren. Die Moderne braucht Versöhnung - aber nicht die endgültige Versöhnung des absoluten Geistes, sondern die immer wieder zu erneuernde Verständigung kommunikativ Handelnder.
Diese Kritik trifft einen wunden Punkt - aber sie verfehlt Hegels eigentliche Position. Hegels „absolute Wissen“ ist nicht Behauptung faktischer Versöhnung, sondern Einsicht in die Struktur des Versöhnungsprozesses. Die realen Konflikte werden nicht „übersprungen“, sondern als notwendige Momente begriffen. Habermas’ Kritik trifft eher die Hegel-Epigonen, die aus der Dialektik eine Rechtfertigungsideologie machten.
Die Kritik an Foucault und Derrida
Foucault hatte gezeigt, dass Vernunft mit Macht verbunden ist - jede Ordnung des Wissens ist auch eine Ordnung der Macht. Habermas akzeptiert das teilweise: Ja, instrumentelle Vernunft ist Herrschaft. Aber Foucault unterscheidet nicht zwischen verschiedenen Formen von Rationalität. Er wirft alles in einen Topf - und damit auch die Kritik, die er selbst übt.
Derrida hatte gezeigt, dass Bedeutung nie endgültig feststellbar ist - jeder Text verweist auf andere Texte, die Différance arbeitet unendlich. Habermas akzeptiert das teilweise: Ja, Bedeutung ist kontextabhängig, Interpretation ist nie abgeschlossen. Aber Derrida übertreibt. In der alltäglichen Kommunikation verstehen wir uns faktisch - nicht perfekt, aber hinreichend. Verständigung ist möglich, auch wenn sie nie definitiv ist.
Der Historikerstreit (1986) und der „Hegel der Bundesrepublik“
Ein Jahr nach dem „Philosophischen Diskurs der Moderne“ löst Habermas mit einem FAZ-Artikel den Historikerstreit aus - die letzte große intellektuelle Auseinandersetzung der alten Bundesrepublik. Er attackiert Ernst Nolte und andere Historiker, die die NS-Verbrechen durch Vergleich mit sowjetischen Verbrechen zu relativieren suchten.
Der Historikerstreit zeigt Habermas auf dem Höhepunkt seiner öffentlichen Wirkung. Er definiert, was sagbar ist und was nicht; er setzt Maßstäbe für den Umgang mit der deutschen Vergangenheit. Die ZEIT wird ihn später den „Hegel der Bundesrepublik“ nennen - ein Titel, der ironisch ist, bedenkt man Habermas’ zunehmende Distanzierung von Hegel. Aber er trifft etwas: Habermas wurde zum Staatsphilosophen einer Republik, die keinen Staatsphilosophen wollte - zum Systematiker einer postheroischen, zivilgesellschaftlichen Ordnung.[2]
Jürgen Habermas, Der philosophische Diskurs der Moderne. Zwölf Vorlesungen, Frankfurt a.M. 1985. Das Buch ist Habermas’ systematischste Auseinandersetzung mit der Postmoderne. Der Stilunterschied zwischen den trockenen Fachtexten und den rhetorisch brillanten politischen Interventionen ist auffällig - als hätte man es mit zwei verschiedenen Autoren zu tun. ↩︎ ↩︎
Der Historikerstreit wurde ausgelöst durch Habermas’ Artikel „Eine Art Schadensabwicklung“ in der ZEIT vom 11. Juli 1986. Die Debatte definierte für eine Generation, wie Deutschland mit seiner Vergangenheit umzugehen habe. Die Bezeichnung „Hegel der Bundesrepublik“ stammt aus einer späteren ZEIT-Würdigung. ↩︎