Einordnung: Von der kommunikativen Wende zum Hauptwerk

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Die philosophischen Grundlagen von Habermas’ Denken - die kommunikative Wende, die drei Erkenntnisinteressen, die Kritik der Bewusstseinsphilosophie - wurden in Kapitel 7.4 dargestellt. Auch die Habermas-Luhmann-Kontroverse von 1971, die das Grundproblem von Handlung und System aufwarf, wurde dort und in Kapitel 4.4 behandelt. Dieses Kapitel setzt ein, wo jene Darstellungen endeten: bei Habermas’ Versuch, das ungelöste Handlung/System-Problem in seinem philosophischen Hauptwerk zu bewältigen.

Die „Theorie des kommunikativen Handelns“ (1981) - zwei Bände, über 1100 Seiten - erscheint fünf Jahre nach Johannes Heinrichs’ „Reflexion als soziales System“ (1976), das im vorigen Kapitel behandelt wurde. Diese zeitliche Konstellation ist systematisch bedeutsam: Heinrichs hatte das Problem, das Habermas beschäftigte - die Vermittlung von Handlung und System, die Grundlegung sozialer Reflexion - bereits reflexionslogisch gelöst. Habermas’ Hauptwerk kann deshalb nicht nur an seinen eigenen Ansprüchen gemessen werden, sondern auch an der systematischen Alternative, die bereits vorlag.

Für ein Buch über Hegel-Rezeption ist zudem Habermas’ zunehmende Distanzierung von Hegel relevant. Der Weg von „Erkenntnis und Interesse“ (1968), das noch deutlich in der Hegel-Tradition stand, zu „Der philosophische Diskurs der Moderne“ (1985), der Hegel als Ausgangspunkt eines problematischen Denkwegs kritisiert, ist eine Bewegung von Hegel weg - zu Kant hin. Ob diese Bewegung sachlich notwendig war oder intellektuell opportun, wird zu fragen sein.