List der Vernunft

Hegel (Kernbegriff)

Die List der Vernunft ist die Weise, wie ein Zweck sich durchsetzt, ohne sich zu verbrauchen: Sie "besteht überhaupt in der vermittelnden Tätigkeit, welche, indem sie die Objekte ihrer eigenen Natur gemäß aufeinander einwirken und sich aneinander abarbeiten läßt, ohne sich unmittelbar in diesen Prozeß einzumischen, gleichwohl nur ihren Zweck zur Ausführung bringt" (Enz. § 209 Zus.). Der Bauer spannt den Ochsen vor den Pflug; der Ochse folgt seinen eigenen Kräften. Was die List kostet, ist das Mittel --- der Pflug nutzt sich ab, der Plan des Bauern bleibt unberührt. Hegel selbst dehnt die Figur aus: Im selben Zusatz verhält sich die göttliche Vorsehung zur Welt "als die absolute List", und in der Philosophie der Geschichte ist es "die List der Vernunft zu nennen, daß sie die Leidenschaften für sich wirken läßt" (TWA 12, 49). Sein Anliegen ist, dass in der Geschichte mehr herauskommt, als die Handelnden beabsichtigen. Die Lesart dieses Kommentars: Nüchtern besagt die Figur, dass ein Zweck mehr erreicht, wenn er die Eigengesetzlichkeit der Mittel nutzt --- die Grundform jeder Technik. Die geschichtsphilosophische Fassung, die Vernunft setze sich hinter dem Rücken der Handelnden durch, hält der Kommentar mit Marx für eine Mystifikation. Weiterführung: Wer die Kräfte anderer in Dienst nimmt, praktiziert dieselbe List; ob das Kooperation ist oder Ausbeutung, entscheidet, ob die anderen den Zweck mitbestimmen.

Nicht gemeint

Nicht bloß eine Figur der Geschichtsphilosophie: Ihr logischer Ort ist die Teleologie, das Verhältnis von Zweck und Mittel. Und keine Vernunft, die wie ein Mensch Pläne schmiedet: Die List lässt die Objekte nach ihrer eigenen Natur wirken.

Bei Hegel

"Die Vernunft ist ebenso listig als mächtig" (Enz. §209 Zus.). Im Kolleg: "das Mittel wird verbraucht, weil der Zweck mit außerlicher Objectivität zu thun hat" (Nachschrift Kehler, Kolleg 1825: GW 23.1, S. 397 f.). Zur Geschichte TWA 12, 49.

Querverweise

Zweck; Mittel; Teleologie; Gewalt

Nicht gemeint

Nicht bloß eine Figur der Geschichtsphilosophie: Ihr logischer Ort ist die Teleologie, das Verhältnis von Zweck und Mittel. Und keine Vernunft, die wie ein Mensch Pläne schmiedet: Die List lässt die Objekte nach ihrer eigenen Natur wirken.

In den ersten auflagen

1817 §§ 158-159

Im kommentar zu hegels logik

[[kleine-logik:15.3]], [[kleine-logik:15.4]], [[kleine-logik:15.4a]]

Systematischer ort

1323 --- Begriff → Objektivität → Teleologie