Voraussetzen
Hegel (methodischer Kernbegriff)
Voraussetzen ist das Setzen als schon-da. Was vorausgesetzt wird, erscheint als vorgefunden (nicht gemacht). Aber: Das Vorausgesetzte ist selbst gesetzt -- vom Begriff, der sich entwickelt.
Herkunft
Hypothese (griech. hypo-thesis, Unter-setzung) als Voraussetzung. Descartes: methodischer Zweifel beseitigt Voraussetzungen. Kant: Kritik untersucht Bedingungen der Möglichkeit (Voraussetzungen). Hegel: Voraussetzung wird aufgehoben, nicht einfach beseitigt.
Bei Hegel
Enz. §1 (Anm.); WdL Bd. 2, Wesen
Querverweise
Setzen · Gesetztsein · Reflexion · Grund · Äußere Reflexion · Bestimmende Reflexion · Vermittlung
Wesenslogischer aspekt (kap. 5.5)
In der Wesenslogik ist "Voraussetzen" die Grundoperation der *äußeren Reflexion*. Das Denken bezieht sich auf etwas, das es als schon gegeben behandelt -- es "setzt es voraus", als wäre es da gewesen, bevor das Denken begann. Das Vorausgesetzte erscheint als *vermittelt* -- es kommt von anderswoher.
Das paradox und seine auflösung
Wer etwas voraussetzt, setzt es dadurch -- aber als etwas, das nicht gesetzt ist. Die *bestimmende Reflexion* löst dieses Paradox: Das Vorausgesetzte ist selbst ein Gesetztes, aber ein *notwendig* Gesetztes. Was ich voraussetze, habe ich (implizit) selbst gesetzt -- aber ich musste es so setzen.
Hegels pointe
Was wir voraussetzen, ist unser eigenes Produkt, das wir vergessen haben. Die Aufhebung der Voraussetzung: erkennen, dass das Vorausgesetzte gesetzt ist. Dann: bei sich selbst im Anderen (Freiheit).
Beispiel
Das Sein erscheint als unmittelbar vorausgesetzt, ist aber Resultat (Ende = Anfang).
Terminologische abgrenzung
Moderner Sprachgebrauch: "voraussetzen" = annehmen, dass etwas gilt. Hegels Sprachgebrauch: "voraussetzen" = etwas als vor-dem-Setzen-seiend behandeln, als schon-da.