6. Warum nicht beim Individuum beginnen
Die liberale Tradition (Hobbes, Locke) beginnt beim isolierten Einzelnen, der sich durch Vertrag aus dem Naturzustand zur Gesellschaft erhebt. Hegel hält das für eine Fiktion. Niemand kommt als fertiges Individuum zur Welt. Was als “natürliches Individuum” auftritt, ist immer schon Produkt einer Kultur, einer Sprache, einer Familie, eines Rechtszustandes. Die Sittlichkeit ist nicht etwas, das die Individuen nachträglich konstruieren — sie ist die Bedingung dafür, dass es überhaupt Individuen geben kann, die etwas konstruieren könnten.
Marx wird diesen Einsatz teilen und ihn schärfen: Wenn die Individuen historisch und gesellschaftlich konstituiert sind, dann ist die bestimmte Form ihrer Konstitution — die Produktionsweise, die Klassenverhältnisse, die materielle Reproduktion — der eigentliche Boden, auf dem alles weitere steht. Das ist nicht Gegensatz zu Hegel, sondern dessen Konkretion: Hegel hatte den Gedanken der historisch-gesellschaftlichen Konstitution des Subjekts; Marx zeigt, in welchen ökonomischen Verhältnissen sich diese Konstitution unter den Bedingungen der bürgerlichen Gesellschaft tatsächlich vollzieht.