Wilfrid Sellars - Der Mythos des Gegebenen (1956)
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Ein impliziter Hegelianer
Wilfrid Sellars (1912-1989) ist einer der wichtigsten analytischen Philosophen des 20. Jahrhunderts - und zugleich ein heimlicher Hegelianer. Sein Aufsatz “Empiricism and the Philosophy of Mind” (1956) wird zu einem der meistzitierten Texte der analytischen Philosophie - obwohl (oder weil?) er zentrale hegelianische Einsichten reformuliert, ohne Hegel zu erwähnen.[1]
Die zentrale These: Es gibt keinen Mythos des Gegebenen - keine unmittelbare, unvermittelte Erfahrung, die als Fundament des Wissens dient. Jede Erfahrung ist bereits begrifflich strukturiert, jedes Wissen setzt andere Wissensansprüche voraus. Es gibt kein “epistemisches Fundament”, von dem aus alles andere deduziert werden könnte.
Der Hegel-Bezug: Das ist Hegels Kritik an der sinnlichen Gewissheit (Phänomenologie, erstes Kapitel). Die sinnliche Gewissheit meint, das Unmittelbare zu erfassen (“Dieses hier, jetzt”). Aber sie artikuliert sich bereits sprachlich - und Sprache ist allgemein, nicht unmittelbar. Das “Hier” ist nicht dieses konkrete Hier, sondern eine Kategorie, die auf viele Orte anwendbar ist. Es gibt keine unvermittelte Gewissheit - jede Artikulation ist bereits Vermittlung.[2]
Sellars’ Formulierung: “The space of reasons” - der Raum der Gründe. Wissen ist nicht kausales Verursachtsein durch sinnliche Reize, sondern gerechtfertigtes Behaupten im Raum der Gründe. Und Gründe sind begrifflich - sie setzen Begriffe voraus, die sozial geteilt sind, die gelernt wurden, die in Praktiken eingebettet sind.
Die Transformation: Sellars naturalisiert Hegels Einsicht. Es geht nicht um den “Geist”, der sich selbst entfaltet, sondern um soziale Praktiken des Begründens. Aber die Struktur ist hegelianisch: Vermittlung ist konstitutiv, nicht akzidentell. Es gibt nichts Unvermitteltes - jede Erfahrung setzt begriffliche Strukturen voraus.
Die Bedeutung für die spätere Hegel-Rezeption
Sellars’ Aufsatz wird erst in den 1970er und 1980er Jahren voll gewürdigt - besonders durch Robert Brandom und John McDowell, die explizit die hegelianische Dimension herausarbeiten (Band III). Aber schon in den 1960er Jahren zeigt sich: Analytische Philosophie kann nicht ohne Vermittlung, Begrifflichkeit, soziale Konstitution auskommen - und damit nicht ohne Strukturen, die Hegel als erster systematisch expliziert hat.
Systematische Pointe: Sellars zeigt, dass man hegelianisch denken kann, ohne es zu wissen. Seine Kritik am Mythos des Gegebenen ist eine analytische Reformulierung von Hegels Kritik an der sinnlichen Gewissheit. Das bedeutet: Hegels Einsichten sind nicht metaphysisch, sondern strukturell - sie betreffen die Architektur des Wissens, nicht dessen “absoluten” Grund.
Wilfrid Sellars: “Empiricism and the Philosophy of Mind” (1956), wiederabgedruckt in: ders.: Science, Perception and Reality (1963). ↩︎
Hegel: Phänomenologie des Geistes, Kapitel I (Sinnliche Gewissheit). Zur Verbindung Sellars-Hegel siehe Robert Brandom: Tales of the Mighty Dead (2002), Kapitel über Sellars. ↩︎