Charles Taylor - Die kanadische Brücke (1961-1975)

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Der Vermittler zwischen Kontinenten

Charles Taylor (geb. 1931) ist Kanadier, studiert in Montreal und Oxford, promoviert 1961 über Hegel bei Isaiah Berlin (ausgerechnet dem Hegel-Kritiker!). Seine Dissertation wird später zum Buch “Hegel” (1975) ausgebaut - dem umfangreichsten Hegel-Kommentar in englischer Sprache bis dahin.[1]

Aber wichtig für unseren Zeitraum ist: Taylor beginnt bereits in den 1960er Jahren, Hegel produktiv zu rezipieren - und zwar als Brücke zwischen analytischer und kontinentaler Philosophie.

Die biographische Konstellation: Taylor studiert nicht nur bei Berlin in Oxford, sondern auch bei Maurice Merleau-Ponty in Paris. Er ist vertraut mit der phänomenologischen Tradition (Husserl, Heidegger, Merleau-Ponty), aber auch mit analytischer Philosophie (Ryle, Austin, Berlin). Seine Philosophie verbindet beide Traditionen - und Hegel ist das Scharnier.[2]

Hegel gegen Atomismus und Utilitarismus

Taylors frühe Arbeiten (1960er Jahre) kritisieren Atomismus - die Vorstellung, dass Gesellschaft aus isolierten Individuen besteht, die ihre Interessen verfolgen. Diese Vorstellung dominiert die anglo-amerikanische politische Philosophie (Liberalismus, Utilitarismus, Rational Choice Theory). Taylor zeigt: Atomismus ist inkohärent - er kann nicht erklären, wie soziale Bindungen, moralische Verpflichtungen, kollektive Identitäten entstehen.[3]

Die Alternative: Expressivismus - die Idee, dass Menschen sich selbst verwirklichen, indem sie ihre Fähigkeiten entfalten. Das ist nicht egoistisch (wie Utilitarismus), weil Selbstverwirklichung sozial ist - ich kann mich nur verwirklichen in Beziehung zu anderen, in Gemeinschaften, in Institutionen.

Der Hegel-Bezug: Das ist Hegels Sittlichkeit gegen die Moralität. Moralität denkt abstrakt (jeder hat Rechte, unabhängig von Kontext). Sittlichkeit denkt konkret (ich bin Tochter, Bürgerin, Kollegin - diese Rollen konstituieren mich). Selbstverwirklichung ist nicht individualistisch, sondern sozial eingebettet.

Kritik am Naturalismus: Taylor argumentiert gegen die Reduktion von Moral auf Biologie, Psychologie, Ökonomie. Moralische Wertungen sind nicht “bloß subjektiv” oder “evolutionär bedingt”. Sie haben einen eigenen Status - sie sind Artikulationen dessen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Das ist keine Metaphysik, sondern Hermeneutik - die Explikation der Bedeutungen, die in unseren Praktiken bereits operativ sind.[4]

Die Anerkennung als Schlüsselbegriff

Bereits in den 1960er Jahren entwickelt Taylor den Begriff der Anerkennung - der später (in den 1990er Jahren) zum Zentrum seiner politischen Philosophie wird. Die Grundidee: Identität ist nicht selbst-gemacht, sondern anerkennungs-abhängig. Ich werde, wer ich bin, dadurch dass andere mich anerkennen - als Tochter, als Bürgerin, als Philosophin.

Das ist Hegels Herr-Knecht-Dialektik - transformiert in eine Theorie moderner Identität. Anerkennung ist nicht Kampf (wie bei Hegel in der Phänomenologie), sondern wechselseitige Bestätigung. Moderne Gesellschaften müssen Strukturen schaffen, in denen alle Mitglieder anerkannt werden - nicht nur als Rechtssubjekte (formale Gleichheit), sondern als Individuen mit besonderen Fähigkeiten, kulturellen Zugehörigkeiten, Lebensentwürfen.[5]

Ausblick: Taylor wird diese Ideen in den 1980er und 1990er Jahren ausbauen - in “Sources of the Self” (1989) und “The Politics of Recognition” (1994). Aber schon in den 1960er Jahren ist klar: Hegel ist für ihn kein historisches Relikt, sondern lebendige Ressource für aktuelle Probleme.


  1. Charles Taylor: Hegel (1975). ↩︎

  2. Zur biographischen Konstellation siehe Ruth Abbey: Charles Taylor (2000), Kapitel 1. ↩︎

  3. Charles Taylor: “Atomism” (1979), wiederabgedruckt in: ders.: Philosophy and the Human Sciences (1985). ↩︎

  4. Charles Taylor: “The Diversity of Goods” (1982), wiederabgedruckt in: ders.: Philosophy and the Human Sciences (1985). ↩︎

  5. Charles Taylor: “The Politics of Recognition” (1992), ausgebaut aus früheren Arbeiten. ↩︎