Walter Kaufmann - Polemik gegen Popper (1965)
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Der polemische Verteidiger
Walter Kaufmann (1921-1980) ist eine schillernde Figur - deutscher Emigrant, Nietzsche-Übersetzer, Princeton-Professor, polemisches Temperament. Sein Buch “Hegel: Reinterpretation, Texts, and Commentary” (1965) ist eine direkte Attacke auf Karl Popper.[1]
Die These: Popper hat Hegel nicht gelesen. Seine Hegel-Kritik (“The Open Society and Its Enemies”, Band 2, 1945) beruht auf Sekundärquellen, Missverständnissen, selektiven Zitaten. Kaufmann zeigt Punkt für Punkt, wo Popper falsch zitiert, aus dem Kontext reißt, oder Texte verwendet, die Hegel nie geschrieben hat.
Beispiele:
- Popper behauptet, Hegel habe den preußischen Staat vergöttlicht. Kaufmann zeigt: Hegel kritisierte Preußen (Zensur, Restauration) und wurde deshalb überwacht.
- Popper behauptet, Hegel sei Rassist und Nationalist. Kaufmann zeigt: Hegel verteidigte Juden, kritisierte deutschen Nationalismus, betonte Universalität der Vernunft.
- Popper behauptet, Hegels Dialektik sei dogmatisch. Kaufmann zeigt: Hegels Methode ist offen - sie entwickelt sich aus Widersprüchen, nicht aus Dogmen.[2]
Die Methode: Kaufmann übersetzt Hegel-Texte neu (mit ausführlichen Kommentaren), um zu zeigen, dass Hegel verständlicher ist, als Kritiker behaupten. Er kontextualisiert - zeigt, gegen wen Hegel schrieb, welche Debatten er führte, warum er bestimmte Formulierungen wählte.
Kritik: Kaufmann neigt selbst zur Polemik. Seine Verteidigung Hegels ist manchmal übertrieben - er macht aus Hegel einen Liberalen, einen Humanisten, fast einen Demokraten. Das ist einseitig. Hegel war konservativer, als Kaufmann zugibt. Aber Kaufmann hat recht: Hegel war kein Totalitarist, kein Rassist, kein Antidemokrat - die totalitarismustheoretische Vereinnahmung ist eine Karikatur.[3]
Systematische Bedeutung: Kaufmann zeigt methodisch, wie Rezeptionsgeschichte funktioniert - und wie sie schief geht. Hegel wird nicht gelesen, sondern durch Vorurteile gefiltert. Die Aufgabe ist: Zurück zu den Texten - nicht naiv, als ob man “rein” lesen könnte, aber kritisch, als könne man Klischees aufdecken.