Die erste Generation: Die Ljubomudry (1823-1830)

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band I, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Historischer Kontext: Zwischen Aufklärung und Reaktion

Die 1820er Jahre waren in Russland eine Zeit höchster geistiger Spannung. Die napoleonischen Kriege hatten russische Offiziere mit den Ideen der Aufklärung und der Französischen Revolution in Berührung gebracht. Die Rückkehr dieser Offiziere nach Russland führte zur Entstehung der Dekabristen-Bewegung - einer Gruppierung vorwiegend adeliger Offiziere, die einen konstitutionellen Staat anstrebten.

In diesem Klima entstand eine kleine Gruppe junger Adliger, die einen anderen Weg suchten: nicht politische Revolution, sondern geistige Erneuerung Russlands durch Philosophie. Sie nannten sich “Ljubomudry” (Любомудры) - Weisheitsfreunde, die russische Übersetzung von “Philosophen”.[1]

Die Wahl des Namens war programmatisch: Man wollte sich abgrenzen von den “französischen Philosophen” - Voltaire, Diderot, den materialistischen Enzyklopädisten. Die russischen Weisheitsfreunde orientierten sich an der deutschen idealistischen Philosophie, insbesondere an Schelling. Der Einfluss Hegels war in dieser frühen Phase noch gering, aber nicht inexistent.[2]

Wladimir Odoevskij - Der Wegbereiter des russischen Idealismus

Wladimir Fjodorowitsch Odoevskij (Владимир Фёдорович Одоевский, 1804-1869) war die zentrale Figur der Ljubomudry. Als Sohn eines Helden des Vaterländischen Krieges von 1812 entstammte er dem höchsten Adel und genoss eine exzellente Erziehung. Mit 12 Jahren kam er in das “Благородный пансион” (Adelspensionat) beim Moskauer Universität, wo er seine ersten philosophischen Lehrer fand: die Professoren Pavlov und Davydov.[3]

Die Entstehung des Gesellschaft der Ljubomudry (1823)

“Aus den Fenstern des Pensionats sah Odoevskij bereits den Tempel der Weisheitsliebe, in dem unter den Göttern auch Schelling seinen Platz hatte.”[4] Philosophie und Religion - das waren die Themen, die den jungen Prinzen beschäftigten. Bereits in seiner Abschlussrede thematisierte Odoevskij das Verhältnis von Philosophie und Religion, wobei er - charakteristisch für seine gesamte spätere Entwicklung - der Religion den Vorrang gab: “Möge die gesamte Leiter der menschlichen Erkenntnisse vom unauslöschlichen Licht der Religion erhellt werden - dieser einzigen, wahren Weisheit!”[5]

Die Schule hatte Odoevskij “an die Schwelle der Weisheitsliebe” gebracht. “Die Tür war kaum einen Spalt geöffnet.”[6] Sie ganz zu öffnen - das sollte die Aufgabe der Ljubomudry werden.

1823 gründete Odoevskij zusammen mit anderen jungen Moskauer Adeligen die “Общество любомудрия” (Gesellschaft der Weisheitsfreunde). Die Organisation war systematisch strukturiert: Odoevskij wurde Vorsitzender, Dmitrij Wenevitinov (1805-1827) Sekretär. Zu den Mitgliedern gehörten die Brüder Iwan (1806-1856) und Pjotr Kirjewskij, Stepan Schewyrew (1806-1864), Michail Pogodin (1800-1875) und Aleksander Koschelew (1806-1883).[7]

Das Alter der “Philosophen” lag zwischen 17 und 20 Jahren - und dennoch stellten sich diese Jugendlichen eine kolossale Aufgabe: “Die Philosophie für Russland zu öffnen - und Russland für die Philosophie.” Nun, die Jugend liebt grandiose Pläne.[8]

Die “Mnemosyne” - Erste philosophische Zeitschrift Russlands (1824-1825)

Um ihre Ideen zu verbreiten, gründeten die Ljubomudry 1824 die Zeitschrift “Мнемозина” (Mnemosyne) - faktisch die erste philosophische Zeitschrift auf Russisch. In ihr entfaltete Odoevskij das Programm der philosophischen Aufklärung Russlands:

“Mit Bedauern muss anerkannt werden, dass wir Russen noch nicht reich an philosophischen Schriften sind… Es gibt keinen einzigen vollständigen Kurs der Philosophie, es gibt nicht einmal eine einzige Zeitschrift, in der wenigstens einige Seiten der Philosophie gewidmet wären…”[9]

Dabei sei die Entwicklung der Wissenschaften ohne Philosophie unmöglich:

“Es gibt keine mühseligere und nutzlosere Arbeit als die Beschäftigung mit bloß empirischen Kenntnissen, ohne jegliche höhere Perspektive auf sie. Daher kommt es gewöhnlich, dass Menschen mit ausgezeichneten Begabungen, die sich allen möglichen Wissenschaften hingeben und in alle Richtungen streben - ohne Ordnung, ohne bestimmte, aus unbedingten Prinzipien abgeleitete Gesetze - in nichts bis zum Kern vordringen, der als Wurzel einer vielseitigen und unendlichen Bildung dienen könnte.”[10]

Philosophie als “Wissenschaft der Wissenschaften”

Odoevskijs Philosophieverständnis war radikal: Philosophie ist die “Wissenschaft der Wissenschaften” (наука наук), die Sonne, welche die Planeten der Einzelwissenschaften erleuchtet. Ohne Kenntnis der Philosophie sei echtes Wissen in den Spezialwissenschaften unmöglich.[11]

Diese Position verteidigte Odoevskij gegen den Empirismus seines ehemaligen Lehrers Pavlov. Als dieser die Vorrangstellung der Einzelwissenschaften proklamierte, erwiderte der junge Weisheitsfreund scharf:

“Dem Studium irgendeiner besonderen Wissenschaft muss das Studium der Philosophie vorangehen… Nur so, wenn man die Position seiner besonderen Wissenschaft im System des Wissens als Ganzem verstanden hat, kann jeder Gelehrte ihren Geist erfassen und ‘die Art, wie man sich ihr widmet - nicht knechtisch, sondern frei das Ganze im Geist umfassend.’”[12]

Der russischen Kultur sprach der junge Odoevskij ein hartes, aber gerechtes Urteil:

“Der einzige Grund dafür, dass wir bis heute in den Künsten und Wissenschaften nur Nachahmer sind, ist die Verachtung der Weisheitsliebe (презрение к любомудрию).”[13]

Odoevskijs Philosophie: Die Suche nach dem “Bezuslov” (dem Absoluten)

Der “Wörterbuch der Geschichte der Philosophie”

Das Programm der Ljubomudry blieb nicht bei bloßer Proklamation stehen. Um das Fehlen eines “Kurses der Philosophie” auf Russisch auszugleichen, machte sich Odoevskij (und rief alle Fähigen zur Mithilfe auf) an die Erstellung eines “Словаря истории философии” (Wörterbuchs der Geschichte der Philosophie). Diese Arbeit wurde allerdings nie vollendet - in der “Mnemosyne” erschien nur ein Kapitel des geplanten Kurses.[14]

In einem anderen Artikel mit dem Titel “Афоризмы из различных писателей по части современного германского любомудрия” (Aphorismen aus verschiedenen Schriftstellern zum zeitgenössischen deutschen Weisheitsdenken) legte Odoevskij seine “Idee der Wissenschaften” dar:

“…ein einheitliches unbedingtes Wissen, das sich, nach den verschiedenen Stufen der sich offenbarenden idealen Welt in Zweige teilend, den unermesslichen Baum der Erkenntnis bildet.”[15]

Wie Sakulin zu Recht bemerkt: “Diese ‘Idee der Wissenschaften’ ist nichts anderes als die Identitätsphilosophie Schellings.”[16]

Die Dialektik von Materiellem und Abstraktem

Odoevskij formulierte sein Verständnis von Schellings Lehre folgendermaßen:

“Das Materielle ist gleich dem Abstrakten; das Materielle und das Abstrakte sind ein und dasselbe, nur in zweifacher Form: im Abstrakten - in der Form des Grenzenlosen, Ewigen, Ganzen; das Materielle ist dasselbe Abstrakte, nur zerstückelt, in der Form besonderer Formen; im Abstrakten - eine grenzenlose Form; hier - Ewigkeit, dort - Unendlichkeit. Die Idee dieser vollkommenen Einheit des Abstrakten mit dem Materiellen - ist das Absolute. Diese Idee spiegelt sich in uns wider - und unser Wissen in seiner Ganzheit muss ihr Abdruck sein.”[17]

Odoevskijs Verständnis von “Dialektik” folgt also eher Schellings Polaritätslehre - die Einheit von Gegensätzen in einem höheren Dritten. Hegels Dialektik ist demgegenüber prozessual: Die Gegensätze sind nicht statisch vereint, sondern entwickeln sich auseinander und durch einander hindurch. Die Einheit ist nicht vorausgesetzt, sondern wird im Prozess der Vermittlung erst erzeugt.[18]

Die kopernikanische Wende: Vom Objekt zum Subjekt

Hier vollzieht Odoevskij - ohne Hegel damals zu kennen![18:1] - eine Revolution in der russischen Philosophie. Von der Erkenntnis der Natur, von der Naturphilosophie wendet er den Vektor des Denkens, des Geistes, auf sich selbst:

“Aber alles, was unmittelbar aus dem Unbedingten hervorgeht, ist die unbedingte Widerspiegelung des Universums, und das Sein, die Natur - ist seine zweite Manifestation. - Im Bereich des Materiellen herrscht die Endlichkeit, im Bereich des Abstrakten - die Unendlichkeit. Das Erste hängt von der Notwendigkeit ab, das Zweite von der Freiheit. Der Mensch, als vernünftiges Wesen, ist dazu bestimmt, die Ergänzung der Weltoffenbarung zu sein; aus seiner Tätigkeit entwickelt sich die Ergänzung zur Ganzheit der Manifestation des Allvollkommenen, denn obwohl die Natur es widerspiegelt, tut sie dies nur materiell; das vernünftige Wesen aber - spiegelt das Wesen selbst des Absoluten wider, folglich - abstrakt.”[19]

Ohne es damals bewusst zu wissen, folgte Odoevskij objektiv dem hegelschen Schema der Entwicklung des absoluten Geistes in der Erkenntnis der absoluten Idee:

  1. Zunächst richtet sich der Geist auf die Erkenntnis der Idee (und seiner selbst) in ihrem Anderssein, in der Natur → Naturphilosophie
  2. Dann kehrt die Erkenntnis (die Selbsterkenntnis des Geistes ist) zu sich selbst zurück → Philosophie des Geistes
  3. Schließlich erreicht sie die absoluten Formen: Kunst, Religion, Philosophie[20]

Odoevskijs intellektuelle Arbeit demonstrierte diesen gesetzmäßigen Übergang von der Naturphilosophie zur Geistesphilosophie anschaulich, obwohl er selbst sich dessen noch nicht vollständig bewusst war.[21]

Das “Bezuslov” - Odoevskijs Begriff des Absoluten

Die Verkündigung des Absoluten, die Propaganda für die Notwendigkeit seiner Erfassung wurde zu Odoevskijs Hauptziel. In seinem missionarischen Eifer übersetzte der Weisheitsfreund nicht nur die Ideen des deutschen Idealismus ins Russische, sondern auch den begrifflichen Apparat selbst: Das Absolute nannte er “Безуслов” (Bezuslov - das Unbedingte, Bedingungslose).[22]

“Es muss doch schließlich ein Gedanke geben, der die Grundlage aller Grundlagen wäre, die Bedingung aller Bedingungen. Ohne ihn sind alle menschlichen Erkenntnisse ein Chaos.”[23]

Diese Bedingung aller Bedingungen, nach der die Philosophen aller Zeiten gesucht haben, ist eben das “Bezuslov”. Selbst die Empiriker suchen - sich selbst widersprechend - eine theoretische Begründung für ihre Experimente:

“Folglich findet sich die Existenz des Bezuslov in der eigenen Vernunft eines jeden, ob er es will oder nicht.”[24]

Philosophische Einordnung: Odoevskijs “Bezuslov” folgt Schellings absolutem Indifferenzpunkt - einem unmittelbar durch intellektuelle Anschauung erfassbaren Absoluten VOR aller begrifflichen Differenzierung. Dies unterscheidet sich fundamental von Hegels “absoluter Idee”, die gerade NICHT Ausgangspunkt, sondern Resultat ist - die Einsicht in die Methode NACH durchlaufener Entwicklung. Bei Hegel ist das Absolute die sich selbst durchsichtig gewordene Methode des begrifflichen Denkens.[25] Odoevskij verblieb im schellingianischen Paradigma und erkannte Hegels methodische Wende nicht.

Das literarische Werk: Philosophie als Lebensform

Der “seltsame Mensch” - ein philosophischer Typus

Odoevskijs philosophische Überzeugungen fanden nicht nur in theoretischen Artikeln Ausdruck, sondern auch in literarischen Werken. Er schuf den Typus des “странный человек” (seltsamen Menschen) - eines Charakters, der der gewöhnlichen Gesellschaft fremd ist, weil er nach dem Absoluten strebt.

In seiner Erzählung “Сегелиель, или Совершенный мудрец” (Segeliel oder Der vollkommene Weise) lässt Odoevskij seinen Protagonisten erklären:

“Die menschliche Seele kann eines nicht ertragen - die Mittelmäßigkeit; sie strebt immer nach den äußersten Grenzen - zum Absoluten Guten oder zum Absoluten Bösen.”[25:1]

Dieser philosophische Typus des “seltsamen Menschen” wurde von Odoevskij in die russische Literatur eingeführt und hatte enorme Wirkung. Sakulin bemerkte: “Ein interessantes Zusammentreffen von Epitheta und Typen”: Odoevskij wirft in den 1820er Jahren den Typus des “seltsamen Menschen” in die russische Literatur und das Bewusstsein der lesenden Öffentlichkeit - 1831 erscheint Lermontows Drama “Странный человек” (Der seltsame Mensch), und 1839-1840 schreibt Lermontow “Герой нашего времени” (Ein Held unserer Zeit) mit dem berühmten Petschorin - der Inkarnation des “seltsamen Menschen”.[26]

“Russische Nächte” - Der Kampf gegen den Materialismus

Odoevskijs Hauptwerk “Русские ночи” (Russische Nächte, 1844) ist ein philosophischer Roman in Dialogform, der die Auseinandersetzung zwischen Idealismus und dem aufkommenden Materialismus inszeniert.[27]

Das Werk ist eine scharfe Kritik an:

  • Der bürgerlichen Ökonomie und dem Utilitarismus
  • Der Geldgier der modernen Gesellschaft
  • Der wissenschaftlichen Einseitigkeit ohne philosophische Grundlage

In einem berühmten Vergleich nennt Odoevskij die bürgerlichen Ökonomen “Kloakenreiniger” - eine Anspielung darauf, dass sie nur das Niedrige, Materielle im Menschen sehen, nicht aber das Geistige, das Streben nach dem Absoluten.[28]

Das Buch war Odoevskijs Versuch, die philosophischen Ideale der Ljubomudry gegen den aufkommenden Positivismus und Materialismus der 1840er Jahre zu verteidigen. Es blieb weitgehend unbeachtet - die Zeit war nicht mehr auf seiner Seite.[29]

Der Untergang der Ljubomudry: Der Dekabristenaufstand (1825)

Im Dezember 1825 kam die Katastrophe. Nach dem Tod Zar Alexanders I. kam es zum Dekabristenaufstand - eine Gruppe liberaler Offiziere versuchte, eine konstitutionelle Monarchie zu erzwingen. Der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen, die Anführer hingerichtet oder nach Sibirien verbannt.

Obwohl die Ljubomudry keinerlei Verbindung zu den Dekabristen hatten - sie verfolgten ja gerade den entgegengesetzten Weg der rein geistigen Erneuerung - gerieten auch sie unter Verdacht. Jede Art von Organisation junger Adeliger war nun suspekt. Die politische Reaktion unter Nikolaus I. machte philosophische Zirkel gefährlich.[30]

Der Weisheitsfreund und spätere Slawophile Aleksander Koschelew (А. И. Кошелев) erinnerte sich:

“Nach dem 15. Dezember [dem Tag des Aufstands] durchlief Moskau das Gerücht, die aufständische Südarmee marschiere auf die Hauptstadt. […] Die Ljubomudry beschlossen einstimmig, ihre Gesellschaft zu schließen. Fürst Odoevskij verbrannte feierlich die Satzung der Gesellschaft in seinem Kamin.”[31]

Das Ende einer Ära

1826 zog Odoevskij (wie seine Freunde Wenevitinov und Koschelew) nach Sankt Petersburg um. Dort versuchte der Fürst-Philosoph, seine philosophische Arbeit fortzusetzen, blieb mit den alten Freunden in Verbindung und arbeitete am “Московский вестник” (Moskauer Bote) mit - einer Zeitschrift, die die “Mnemosyne” ersetzen sollte.[32]

Aber zwei Schicksalsschläge beendeten diese Phase endgültig:

  1. Der plötzliche Tod Wenevitinows 1827 (mit nur 22 Jahren!)
  2. Die Schließung des “Moskauer Boten” 1830

Der Ljubomudr Meljgunow schrieb 1827 an Odoevskij:

“Als ob ein böser Geist über unser literarisches Russland herrsche.”[33]

Die erste Generation der russischen Hegelianer war gescheitert - an äußeren Umständen, nicht an inneren Widersprüchen. Aber ihre Arbeit war nicht vergeblich gewesen. Sie hatten das Fundament gelegt, auf dem eine zweite Generation aufbauen konnte.

Odoevskijs spätere Entwicklung: Von Schelling zu Schelling

Nach 1830 wandte sich Odoevskij verstärkt der Literatur und Musiktheorie zu. Seine philosophischen Interessen verloren nicht an Intensität, änderten aber die Richtung.

Die Ablehnung Hegels

Als Odoevskij in den 1840er Jahren schließlich Hegel systematisch studierte, lehnte er ihn ab. Bei einem Besuch in Berlin 1842 traf er Schelling, der damals seine “Philosophie der Offenbarung” entwickelte - eine explizit anti-hegelsche Position (Vgl. Kap. 5.2). Odoevskij wurde zum begeisterten Anhänger des späten Schelling.[34]

In einem Brief aus Berlin schrieb Odoevskij voller Empörung über Hegel:

“In seiner Behandlung Gottes, der Ethik, ja in allem herrscht bei Hegel absolute Negativität.”[35]

Besonders empörte ihn Hegels Lehre vom Tod Gottes in der Philosophie der Religion. Odoevskij war und blieb religiöser Idealist - Hegels “Panlogismus” erschien ihm als verkappter Atheismus.[36]

Diese Ablehnung Hegels hatte philosophische Gründe, aber auch biographisch-psychologische: Odoevskij hatte seine philosophische Identität als Schellingianer gefunden. Der späte Schelling (wie später Schopenhauer) bot die Möglichkeit, am Idealismus festzuhalten, ohne Hegel zu folgen - das war für Odoevskij attraktiv.[37]

Odoevskijs Ablehnung Hegels war konsequent aus seiner Position: Hegel erschien ihm als “Rationalist”, der das Absolute dem begrifflichen Denken unterwarf. Für Odoevskij blieb das Absolute religiös-mystisch zugänglich - durch “Glaube” und “Intuition”, nicht durch diskursive Philosophie. Aus der Perspektive der hier zugrunde liegenden Hegel-Interpretation zeigt sich: Odoevskij verfehlte Hegels methodische Innovation. Hegel hypostasiert NICHT das begriffliche Denken, sondern expliziert performativ die Strukturen rationaler Praxis. Die “Religion” bleibt bei Hegel eigenständige Form des Absoluten - aber die Philosophie kann die Strukturen begrifflich durchsichtig machen, OHNE sie zu eliminieren.[38]

Historische Bedeutung Odoevskijs

Trotz seiner Ablehnung Hegels bleibt Odoevskij eine Schlüsselfigur der russischen Geistesgeschichte:

  1. Er begründete die philosophische Tradition in Russland - erstmals auf Russisch
  2. Er schuf den Typus des philosophischen Menschen in der russischen Literatur
  3. Er formierte den ersten philosophischen Kreis (die Ljubomudry)
  4. Er bereitete den Boden für die zweite Generation - den Stankewitsch-Kreis

Ohne Odoevskij und die Ljubomudry wäre der russische Hegelianismus nicht möglich gewesen. Sie legten das Fundament - auch wenn sie selbst das Gebäude nicht vollendeten.[39]

Philosophische Bilanz: Odoevskij und die Grenzen des Schellingianismus

Aus der Perspektive der hier zugrunde liegenden Hegel-Interpretation zeigt sich: Die Ljubomudry erfassten wichtige Aspekte deutscher idealistischer Philosophie - die Suche nach dem Unbedingten, die Überwindung des Empirismus, die systematische Einheit von Wissen. Aber sie erfassten nicht Hegels entscheidende Innovation: die performative Selbstreflexion der Methode.[40]

Odoevskijs “Bezuslov” blieb ein vorausgesetztes Absolutes - zugänglich durch Intuition oder Glauben, nicht durch begriffliche Entwicklung. Hegels “absolute Idee” ist demgegenüber das RESULTAT der systematischen Selbstentfaltung des Begriffs - die Methode, die sich selbst als Methode begreift. Das Absolute ist nicht JENSEITS der Vermittlung (wie bei Schelling), sondern die bewusst vollzogene Vermittlung selbst.

Diese philosophische Differenz erklärt, warum Odoevskij letztlich bei Schelling blieb: Hegels Philosophie fordert den Verzicht auf unmittelbare Gewissheit. Sie beginnt mit dem Zweifel am Anfang und durchläuft alle Vermittlungen. Für Odoevskij, dem die religiöse Gewissheit Fundament war, blieb dieser Weg verschlossen.


  1. Das Wort “любомудрие” (ljubomudrije = Weisheitsliebe) war bereits im 18. Jahrhundert in Gebrauch (z.B. bei Radischtschew) als wörtliche Übersetzung des griechischen “philosophia”. Die Mystiker bevorzugten diesen Ausdruck, “weil echte Weisheit allein Gott zugänglich sei” (Sakulin, zit. nach Sarychev 2021, S. 48, Anm. 66). ↩︎

  2. Sarychev 2021, S. 47-50. Die Abgrenzung von den französischen Materialisten war auch politisch motiviert: Nach den napoleonischen Kriegen waren “französische Ideen” kompromittiert. ↩︎

  3. Sarychev 2021, S. 48. Ausführlich zu Odoevskijs Biographie: P. N. Sakulin: Iz istorii russkogo idealizma. Knjaz’ V. F. Odoevskij, Moskau: Sabašnikov, 1913, Bd. 1, Teil 1, S. 80-103. ↩︎

  4. Sarychev 2021, S. 48, zitierend Sakulin 1913, Bd. 1, Teil 1, S. 98. ↩︎

  5. Sarychev 2021, S. 48, zitierend Sakulin 1913, Bd. 1, Teil 1, S. 89. ↩︎

  6. Sarychev 2021, S. 48, zitierend Sakulin 1913, Bd. 1, Teil 1, S. 103. ↩︎

  7. Sarychev 2021, S. 48-49. Die Namen sind von großer Bedeutung: Aus diesem kleinen Zirkel gingen später sowohl führende Slawophile (Kirjewskij, Chomjakow) als auch Westler hervor. ↩︎

  8. Sarychev 2021, S. 49: “Возраст философов был от 17 до 20 лет – и тем не менее эти юноши ставили перед собой задачу колоссальную: открыть философию для России – и Россию для философии. Что ж, молодость любит грандиозные планы.” ↩︎

  9. Mnemosyne, Teil IV, S. 160-161, zitiert nach Sarychev 2021, S. 49. ↩︎

  10. Mnemosyne, Teil II, S. 73, zitiert nach Sarychev 2021, S. 49. ↩︎

  11. Sarychev 2021, S. 49: “Философия, любомудрие для Одоевского – это «наука наук», без знания которой невозможно никакое истинное знание.” ↩︎

  12. Mnemosyne, Teil II, S. 76, zitiert nach Sarychev 2021, S. 49. ↩︎

  13. Sarychev 2021, S. 49, zitierend Mnemosyne, Teil IV, S. 161. ↩︎

  14. Sarychev 2021, S. 49-50. Das publizierte Kapitel trug den Titel “Секта идеалистико-элеатическая” (Die idealistisch-eleatische Sekte), siehe Mnemosyne, Teil IV, S. 160-192. ↩︎

  15. Mnemosyne, Teil II, S. 79, zitiert nach Sarychev 2021, S. 50. ↩︎

  16. Sarychev 2021, S. 50, zitierend Sakulin, Bd. 1, Teil 1, S. 142. ↩︎

  17. Sarychev 2021, S. 50, zitierend Sakulin, Bd. 1, Teil 1, S. 143. ↩︎

  18. Froeb 2025, Kapitel 21.1, 22,2, 22,3 (die vier logischen Grundoperationen) ↩︎ ↩︎

  19. Sarychev 2021, S. 50-51, zitierend Sakulin, Bd. 1, Teil 1, S. 143-144. ↩︎

  20. Sarychev 2021, S. 51. Sarychev expliziert hier die vollständige hegelsche Systematik des objektiven und absoluten Geistes. ↩︎

  21. Sarychev 2021, S. 51: “Сам того не сознавая, юный философ своей интеллектуальной работой наглядно демонстрировал это закономерное движение” (Ohne es selbst zu erkennen, demonstrierte der junge Philosoph durch seine intellektuelle Arbeit anschaulich diese gesetzmäßige Bewegung). ↩︎

  22. Sarychev 2021, S. 52. “Безуслов” ist ein Neologismus Odoevskijs, gebildet aus der Verneinung “без-” (ohne) und “услов” (Bedingung). Das Wort sollte das deutsche “das Absolute” bzw. Schellings “das Unbedingte” wiedergeben. ↩︎

  23. Sarychev 2021, S. 52, Zitat aus Odoevskijs Schriften (Quellenangabe bei Sarychev nicht spezifiziert). ↩︎

  24. Sarychev 2021, S. 52. ↩︎

  25. Froeb 2025, Kap. 22.1 (Die absolute Idee als Selbsterkenntnis - Wenn die Methode sich selbst begreift) ↩︎ ↩︎

  26. Sarychev 2021, S. 53, verweisend auf Sakulin, Bd. 1, Teil 1, S. 294. ↩︎

  27. V. F. Odoevskij: Russkie noči, Leningrad: Nauka, 1975. Das Werk erschien erstmals 1844 und war eine Zusammenfassung von Odoevskijs philosophischen und literarischen Arbeiten der 1820er-30er Jahre. ↩︎

  28. Sarychev 2021, S. 54, zitierend Odoevskij: Russkie noči, S. 73: “Господа экономисты-утилитарии, возясь в человеческих потребностях…” (Die Herren Ökonomen-Utilitarier, die in den menschlichen Bedürfnissen herumwühlen…). ↩︎

  29. Sarychev 2021, S. 54: Die “Mnemosyne” erwartete ein Misserfolg: “Das große Publikum, das sich nicht für Philosophie interessierte, konnte die Mnemosyne nicht zufriedenstellen.” Aber die Samen, die die Weisheitsfreunde säten, sollten ein Jahrzehnt später im Stankewitsch-Kreis aufgehen. ↩︎

  30. Sarychev 2021, S. 54-55. Zur politischen Situation nach 1825 ausführlich: Walter Laqueur: Die Schwarze Hundert - Ursprünge des russischen Faschismus, Berlin: Ullstein, 1965, Kap. 1-2. ↩︎

  31. Sarychev 2021, S. 55, zitierend aus Koschelevs Memoiren (genaue Quellenangabe bei Sarychev nicht spezifiziert). ↩︎

  32. Sarychev 2021, S. 55. Zum “Moskauer Boten” siehe auch: Derek Offord: Portraits of Early Russian Liberals, Cambridge: CUP, 1985, S. 45-67. ↩︎

  33. Sarychev 2021, S. 55, zitierend aus einem Brief Meljgunows an Odoevskij von 1827. ↩︎

  34. Sarychev 2021, S. 56-57. Zum späten Schelling und seiner Wirkung: Walter Ehrhardt: F. W. J. Schelling: Philosophie der Offenbarung, Frankfurt a.M.: Klostermann, 1992. ↩︎

  35. Sarychev 2021, S. 57, zitierend aus einem Brief Odoevskijs an Krajevskij aus Berlin 1842. ↩︎

  36. Sarychev 2021, S. 57: Odoevskij warf Hegel vor, in seiner Lehre vom “Tode Gottes” den Atheismus zu propagieren. Dies war ein fundamentales Missverständnis der hegelschen Spekulation über den “spekulativen Karfreitag”. ↩︎

  37. Sarychev 2021, S. 57. Die Ironie: Der späte Schelling war genauso dunkel und mystisch wie der junge Schelling klar und systematisch gewesen war. Odoevskij folgte Schelling in alle seine Irrwege. ↩︎

  38. Vgl. Froeb 2025, Kap. 22.6 (Warum Hegel von ‘Gott’ spricht] ↩︎

  39. Sarychev 2021, S. 58-59. Sarychevs Gesamturteil über Odoevskij ist wohlwollend: Er sieht ihn als tragische Figur, die am falschen Ort zur falschen Zeit wirkte - zu früh für Russland, zu spät für den deutschen Idealismus. ↩︎

  40. Froeb 2025, Kap. 22.2-22.4 (Die vier Grundoperationen: Selbstanwendung, Differenzierung, Aufhebung, Anerkennung). Die Ljubomudry praktizierten Aspekte davon (besonders: Aufhebung von Gegensätzen), aber erfassten nicht die systematische Einheit aller vier Operationen als performative Methode. ↩︎