Die ersten russischen Hegel-Übersetzungen (1856-1868) - Vom Lesen zum Übersetzen
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band I, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Der Stankewitsch-Kreis hatte Hegel noch auf Deutsch gelesen - eine Voraussetzung, die nur die gebildete Elite erfüllte. Die breitere Rezeption erforderte Übersetzungen, und diese entstanden bemerkenswert spät.
Die erste Übersetzung: Die Rechtsphilosophie (1856)
Die erste vollständige russische Hegel-Übersetzung war die Grundlinien der Philosophie des Rechts, übersetzt von Boris N. Tschitscherin und erschienen 1856 in Moskau. Die Wahl dieses Werks war kein Zufall: Es war das politisch brisanteste Buch Hegels, das den Begriff des Staates systematisch entwickelte und die berühmte Formel “Was vernünftig ist, das ist wirklich” enthielt - jene Formel, an der sich bereits der Stankewitsch-Kreis gespalten hatte.[1]
Boris Nikolajewitsch Tschitscherin (1828-1904) war Jurist und liberaler Staatsdenker, später Professor an der Moskauer Universität. Seine Übersetzung war mehr als philologische Arbeit - sie war ein politisches Statement. In einer Zeit, da Russland unter Nikolaus I. jede öffentliche Diskussion über Staatsverfassung unterdrückte, machte die Übersetzung Hegels Staatsphilosophie einem breiteren Publikum zugänglich. Tschitscherin selbst entwickelte auf dieser Grundlage eine liberale Rechtsphilosophie, die den russischen Konstitutionalismus prägte.[2]
Die Logik: Das Kernstück bleibt unübersetzt
Bemerkenswert ist, was nicht übersetzt wurde: Die Wissenschaft der Logik - das systematische Herzstück von Hegels Philosophie - erhielt erst 1929 eine vollständige russische Übersetzung im Rahmen der sowjetischen Gesamtausgabe. Über siebzig Jahre lang mussten russische Leser, die die Logik studieren wollten, Deutsch beherrschen.
Diese Lücke ist symptomatisch. Die Rechtsphilosophie war politisch relevant, die Phänomenologie existentiell ansprechend, die Geschichtsphilosophie historisch interessant. Aber die Logik - jenes Werk, von dem Lenin später schreiben sollte, dass ohne sie das Kapital unverständlich bleibe - erschien zu abstrakt, zu schwierig, zu weit entfernt von den drängenden Fragen der russischen Intelligenzija.
Diese Übersetzungsgeschichte spiegelt eine grundlegende Tendenz der russischen Hegel-Rezeption wider: Man rezipierte die Anwendungen der hegelschen Philosophie (auf Staat, Geschichte, Gesellschaft) intensiver als ihre logischen Grundlagen. Die systematische Durchdringung der Logik, die Lenin in seinen Philosophischen Heften forderte, blieb die Ausnahme, nicht die Regel.
Die Enzyklopädie und weitere Werke (1861-1868)
In den 1860er Jahren, nach dem Tod Nikolaus’ I. und während der Reformen Alexanders II., erschienen weitere Übersetzungen: Teile der Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften (1861), die Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte (1863), die Vorlesungen über die Ästhetik (1868). Diese Übersetzungen ermöglichten erstmals eine breitere russische Hegel-Rezeption jenseits der kleinen Zirkel deutsch lesender Intellektueller.[3]
Die Übersetzungsarbeit blieb jedoch fragmentarisch. Erst die sowjetische Gesamtausgabe ab 1929 - mit ihrer systematischen statt chronologischen Anordnung, beginnend mit der Enzyklopädie als “in jeder Hinsicht abgeschlossenem, vollständigem System der Philosophie” - schuf die Grundlage für eine umfassende textliche Auseinandersetzung mit Hegel. Diese Ausgabe war, bei allen ideologischen Verzerrungen der Begleitkommentare, eine editorische Leistung, die in der Zwischenkriegszeit weltweit nur von Deutschland und Japan erreicht wurde. Die Ironie der Geschichte: Gerade das Regime, das die freie philosophische Diskussion unterdrückte, schuf die textuellen Voraussetzungen, die für ein solches Studium notwendig gewesen wären.
Zur Übersetzungsgeschichte vgl. Dmitrij Tschižewskij: Hegel bei den Slaven, Reichenberg: Stiepel, 1934, S. 278-292. ↩︎
Zu Tschitscherin: Predrag M. Grujić: Čičerin, Plechanov und Lenin: Studien zur Geschichte des Hegelianismus in Russland, München: Fink, 1985. ↩︎
Zur Chronologie der Übersetzungen vgl. Andrzej Walicki: A History of Russian Thought from the Enlightenment to Marxism, Stanford: Stanford UP, 1979, S. 408-410 (Bibliographie). ↩︎