Georgi Plechanow - Der Vermittler zwischen zwei Generationen (1856-1918)
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band I, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Zwischen dem Stankewitsch-Kreis der 1830er Jahre und Lenin steht eine Schlüsselfigur, die beide Traditionen verbindet: Georgi Walentinowitsch Plechanow (1856-1918), der “Vater des russischen Marxismus”.
Biographie: Vom Narodnik zum Marxisten
Plechanow entstammte dem mittleren Landadel - demselben Milieu, aus dem auch Stankewitsch und Belinskij gekommen waren. Seine frühe politische Sozialisation erfolgte jedoch nicht in philosophischen Zirkeln, sondern in der revolutionären Bewegung der Narodniki (Volkstümler), die an die unmittelbare revolutionäre Potenz der russischen Bauernschaft glaubten.
Die Enttäuschung über das Scheitern dieser Bewegung führte Plechanow 1880 ins Schweizer Exil, wo er - nicht anders als die jungen Hegelianer ein halbes Jahrhundert zuvor - zum intensiven Studium der deutschen Philosophie fand. 1883 gründete er in Genf die Gruppe “Befreiung der Arbeit” - die erste russische marxistische Organisation. Im selben Jahr erschien seine programmatische Schrift Sozialismus und politischer Kampf, die eine “völlig neue Konzeption in der Geschichte der russischen sozialistischen Bewegung” darstellte: nicht die Bauernschaft, sondern das Industrieproletariat müsse die führende Kraft der Revolution sein.[1]
Plechanows Hegel-Interpretation: Zwischen Spinoza und Marx
Plechanows philosophisches Hauptwerk war Zur Frage der Entwicklung der monistischen Geschichtsauffassung (1895), das Lenin als “das Beste in der ganzen internationalen marxistischen Literatur” zu diesem Thema bezeichnete. In diesem und anderen Werken entwickelte Plechanow eine eigentümliche Interpretation Hegels, die drei Traditionslinien verband: Hegel, Spinoza und Marx.[2]
Von Hegel übernahm Plechanow die Dialektik als Methode, die qualitative Sprünge und historische Entwicklung begreifbar macht. Anders als die “vulgären Materialisten” seiner Zeit bestand er darauf, dass die Dialektik nicht auf mechanische Kausalität reduziert werden könne. Die berühmte Formel “omnis determinatio est negatio” (alle Bestimmung ist Negation) - die Hegel von Spinoza übernommen hatte - wurde zum Schlüssel seines Verständnisses.
Von Spinoza übernahm Plechanow die Idee der Substanzeinheit: Der Marxismus sei “ein mehr oder weniger sich selbst begriffener Spinozismus” - eine Formel, die Plechanow prominent machte. Diese Verbindung von Hegel und Spinoza war originell, aber problematisch: Sie drohte, die dynamische Selbstbewegung der hegelschen Dialektik in ein statisches monistisches System zu verwandeln.[3]
Systematische Bewertung: Stärken und Grenzen
Was Plechanow leistete:
Plechanow rettete Hegel für den russischen Marxismus. In einer Zeit, da der “vulgäre Materialismus” à la Büchner und Vogt die dialektische Tradition zu verdrängen drohte, bestand Plechanow auf der Unverzichtbarkeit Hegels für das Verständnis von Marx. Seine Kritik am Neukantianismus und Positivismus innerhalb der Sozialdemokratie - etwa gegen Eduard Bernsteins “Revisionismus” - berief sich immer wieder auf die hegelsche Dialektik als methodische Grundlage des Marxismus.
Was Plechanow verfehlte:
Aus der Perspektive unserer Hegel-Interpretation zeigt Plechanow dieselbe Grenze wie die gesamte marxistische Tradition: die materialistische Vorentscheidung. Er übernahm die Formel von der “Umkehrung” Hegels, ohne zu fragen, ob diese Umkehrung die logische Struktur des hegelschen Systems überhaupt intakt lässt. Die Wissenschaft der Logik - jenes Werk, das die kategorialen Voraussetzungen jeder Weltanschauung, ob materialistisch oder idealistisch, expliziert - blieb auch bei Plechanow unterbelichtet.
Die Tragik Plechanows liegt in seiner politischen Entwicklung: Der Begründer des russischen Marxismus endete 1914 als Befürworter der “Landesverteidigung” im Ersten Weltkrieg und 1917 als Gegner der Oktoberrevolution. Er starb 1918, wenige Monate nach der Revolution, die er nicht gewollt hatte. Aber seine philosophischen Schriften - insbesondere zur Hegel-Marx-Beziehung - blieben einflussreich und wurden von Lenin bis in die 1920er Jahre als vorbildlich empfohlen. Über Plechanow führt ein direkter Weg zu Deborin, der sein Schüler war und dessen “Deborin-Schule” in den 1920er Jahren die differenzierteste sowjetische Hegel-Interpretation entwickelte, bevor sie 1931 liquidiert wurde.
Zur Biographie: Richard Lorenz: “Georgi Walentinowitsch Plechanow”, in: Walter Euchner (Hg.): Klassiker des Sozialismus, München: C.H. Beck, 1991, S. 251-263. ↩︎
Lenin lobte Plechanows philosophische Schriften auch nach dem politischen Bruch. Vgl. W.I. Lenin: “Noch einmal über die Gewerkschaften”, in: Werke, Band 32, S. 70. ↩︎
Zur Spinoza-Hegel-Verbindung bei Plechanow vgl. den Artikel “Dialektik und Marxismus: Plechanow, zwischen Hegel und Spinoza”, klassegegenklasse.org. ↩︎