Das Combahee River Collective (1977) — die Prägung des Begriffs
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Der Begriff „Identitätspolitik“ hat einen sozialistischen Geburtsschein. Er stammt aus dem Statement einer Gruppe schwarzer lesbischer Feministinnen in Boston, die sich nach einem von Harriet Tubman geführten Militäreinsatz benannt hatte.
Die Selbstbestimmung ist unmissverständlich:
We are socialists because we believe that work must be organized for the collective benefit of those who do the work and create the products, and not for the profit of the bosses. Material resources must be equally distributed among those who create these resources.
Unmittelbar darauf folgt der Vorbehalt, und er geht in beide Richtungen: „We are not convinced, however, that a socialist revolution that is not also a feminist and anti-racist revolution will guarantee our liberation.“ Nicht die Klassenanalyse wird bestritten, sondern ihre Vollständigkeit. Das Statement fordert ausdrücklich, ein Verständnis von Klassenverhältnissen zu entwickeln, das die besondere Lage schwarzer Frauen aufnimmt — „persons who are not merely raceless, sexless workers“.
Und nun die Stelle, an der der Begriff geprägt wird:
This focusing upon our own oppression is embodied in the concept of identity politics. We believe that the most profound and potentially most radical politics come directly out of our own identity, as opposed to working to end somebody else’s oppression.[1]
Der Gegensatz, den das Statement aufmacht, ist also nicht der zur Klassenpolitik. Er ist der zur stellvertretenden Politik — zu jener Haltung, die für andere spricht, weil sie deren Lage besser zu kennen glaubt als diese selbst. Wer den Text so liest, erkennt eine Kritik, die den Organisationen der Arbeiterbewegung galt und nicht ihrer Sache.
Was daran wahr ist. Die Kritik trifft ein reales Versagen. Wo die Linke Rassismus und Sexismus zum Nebenwiderspruch erklärte, der sich nach der Revolution von selbst erledigen werde, schuf sie das Vakuum, in das die Identitätspolitik trat. Das Statement ist die Rechnung für eine Vertröstung, und sie war fällig.
Was zu bemerken bleibt. Der Satz, die tiefste Politik komme unmittelbar aus der eigenen Identität, trägt weiter, als er soll. Er ist als Korrektur der Stellvertretung formuliert und lässt sich als Verbot der Solidarität lesen. Das Statement selbst zieht diese Konsequenz nicht — es arbeitet ausdrücklich mit schwarzen Männern gegen den Rassismus und mit weißen Frauen gegen den Sexismus. Aber der Satz steht da, und er ist in dieser Form später gegen jede Koalition gewendet worden.
Combahee River Collective: „A Black Feminist Statement“ (1977), zuerst in: Zillah Eisenstein (Hg.), Capitalist Patriarchy and the Case for Socialist Feminism, New York: Monthly Review Press, 1979. ↩︎