Nancy Hartsock (1983) — der Standpunkt als Errungenschaft

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Der theoretisch anspruchsvollste Text der Reihe ist ein Aufsatz, der als Kommentar zu einem Vortrag Sandra Hardings begann: „The Feminist Standpoint: Developing the Ground for a Specifically Feminist Historical Materialism“.

Die Steelman-Position

Hartsock entwickelt ihre These in fünf Ansprüchen, und die Reihenfolge ist argumentativ:

Erstens strukturiert das materielle Leben — bei Marx die Klassenlage — das Verständnis der gesellschaftlichen Verhältnisse nicht nur, es setzt ihm Grenzen. Zweitens: Ist das materielle Leben für zwei Gruppen entgegengesetzt strukturiert, so wird die Sicht der einen eine Umkehrung der anderen sein, und in Herrschaftsverhältnissen ist die den Herrschenden verfügbare Sicht „both partial and perverse“.

Der dritte Anspruch ist der, den die Rezeption am zuverlässigsten übersieht, und er schützt die Theorie gegen den Vorwurf des bloßen Perspektivismus: Die Sicht der Herrschenden lässt sich nicht einfach als falsch abtun, denn sie strukturiert die materiellen Verhältnisse, an denen alle teilnehmen müssen. Sie ist nicht Irrtum, sondern wirksame Form.

Der vierte enthält den Kern:

In consequence, the vision available to the oppressed group must be struggled for and represents an achievement which requires both science to see beneath the surface of the social relations in which all are forced to participate, and the education which can only grow from struggle to change those relations.

Erfahrung ist danach der Rohstoff der Erkenntnis und nicht schon die Erkenntnis. Der Standpunkt ist eine Errungenschaft, die zweierlei verlangt — Wissenschaft, um unter die Oberfläche zu sehen, und eine Bildung, die nur aus dem Kampf um Veränderung erwachsen kann. Wer die Position innehat, hat den Standpunkt noch nicht.

Fünftens schließlich, und das begründet den politischen Anspruch: Als engagierte Sicht legt das Verständnis der Unterdrückten die wirklichen Verhältnisse als unmenschliche offen und weist über die Gegenwart hinaus.

Der Hegel-Bezug

Er ist nicht rekonstruiert, sondern ausgeführt. Hartsock bestimmt die Struktur eines Standpunkts als eine Dualität von Realitätsebenen, in der die tiefere die Oberfläche zugleich enthält und erklärt und die Logik angibt, nach der die Erscheinung die tiefere Wirklichkeit verkehrt und verzerrt. Das ist die Wesenslogik, auf die Erkenntnistheorie angewandt — und Hartsock beruft sich für den Zugang ausdrücklich auf Marx’ Satz, alle Mysterien fänden ihre rationale Lösung in der menschlichen Praxis.

Damit steht die Linie: Hegels Bestimmung des Verhältnisses von Wesen und Erscheinung, über Marx’ Analyse der Warenform, über Lukács’ Standpunkt des Proletariats, zur feministischen Erkenntnistheorie. Hartsock verleugnet diese Herkunft nicht, sie führt sie vor.[1]

Hartsocks eigene Revision (1997)

Vierzehn Jahre später hat Hartsock auf die Rezeption geantwortet, und diese Antwort ist für unsere Frage wichtiger als jede Kritik von außen. Sie berichtet, sie habe sich mehr als einmal gefragt, welche Position ihr da eigentlich zugeschrieben werde; die Darstellungen der Standpunkttheorie seien „sometimes fanciful“.

Die Einwände, die sie ernst nimmt. Nancy Fraser und Linda Nicholson werfen ihr vor, eine quasi-biologische Praxis mit kulturübergreifender Erklärungskraft unterstellt zu haben. Iris Young liest den Aufsatz als Behauptung, die männliche Persönlichkeit erzeuge die Herrschaftsinstitutionen, und wirft ihm Essentialismus vor. Jane Flax bestreitet, dass es einen archimedischen Punkt außerhalb der gegenwärtigen Verhältnisse geben könne, und hält Hartsock eine unkritische Aneignung von Aufklärungsideen vor.

Was Hartsock einräumt, ist erheblich und für die Rezeptionsgeschichte aufschlussreich. Ihr Zweiklassenmodell habe die markierten Kategorien unter die unmarkierten subsumiert — Feministinnen of color unter weiße Feministinnen, Lesben unter Heterosexuelle — und damit denselben Fehler wiederholt, den Marx mit seinem Zweiklassenmodell machte: „I made no theoretical space that would have accorded them proper significance.“

Was sie zurückweist, ist der Satz, um den es hier geht:

I am not suggesting that oppression creates „better“ people; on the contrary, the experience of domination and marginalization leaves many scars. Rather it is to note that marginalized groups are less likely to mistake themselves for the universal „man.“

Über Fredric Jameson präzisiert sie den Status: Es gehe um die „condition of possibility of new thinking“, um Möglichkeiten und Potentiale — ausdrücklich nicht um „the mystical properties of some collective proletarian ‘world view’“.

Damit ist ein Befund gesichert, der das ganze Kapitel trägt. Die Verwandlung des erarbeiteten Standpunkts in die unmittelbare, nicht hinterfragbare Autorität der gelebten Erfahrung ist keine Entfaltung der Theorie, sondern ihr Gegenteil — und die Autorin hat dem 1997 ausdrücklich widersprochen. Wer heute aus der Position auf die Erkenntnis schließt, beruft sich auf einen Text, der genau das bestreitet.

Die Grenze der Position

Eine Schwierigkeit bleibt, und sie ist nicht die der Kritiker. Wenn der Standpunkt erarbeitet werden muss und Wissenschaft verlangt, dann kann er verfehlt werden — und dann stellt sich die Frage, wer entscheidet, ob er erreicht ist. Hartsock beantwortet sie nicht, und sie ist nicht leicht zu beantworten: Jede Instanz, die darüber befände, stünde selbst in einer Position. Die spätere Vereinfachung, die Erfahrung unmittelbar gelten zu lassen, ist auch eine Flucht vor dieser Schwierigkeit — eine schlechte Lösung für ein wirkliches Problem.


  1. Nancy C.M. Hartsock: „The Feminist Standpoint: Developing the Ground for a Specifically Feminist Historical Materialism“ (1983), zitiert nach: dies., The Feminist Standpoint Revisited and Other Essays, Boulder: Westview, 1998, Kap. 6; die Selbstrevision ebd., Kap. 11 („The Feminist Standpoint Revisited“, zuerst 1997). Der Jameson-Bezug: Fredric Jameson, „History and Class Consciousness as an Unfinished Project“, in: Rethinking Marxism 1 (1988). ↩︎