Iris Marion Young (1990) — die Kritik, die die Entwicklung vorwegnimmt
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Justice and the Politics of Difference erscheint am Ende dieses Jahrzehnts und ist die theoretisch strengste Arbeit der Reihe. Sie richtet sich gegen die liberale Gerechtigkeitstheorie — und trifft dabei im Voraus, was aus der Positionstheorie werden sollte.
Die Kritik des distributiven Paradigmas
Young stellt ihrem ersten Kapitel ein Marx-Wort voran: Es sei überhaupt ein Fehler gewesen, um die sogenannte Verteilung viel Wesens zu machen, denn jede Verteilung der Konsumtionsmittel sei nur Folge der Verteilung der Produktionsbedingungen selbst.
Ihre beiden Einwände:
Der erste: Das distributive Paradigma verenge das Nachdenken über Gerechtigkeit auf die Zuteilung materieller Güter und gesellschaftlicher Positionen und übersehe dabei „the social structure and institutional context that often help determine distributive patterns“ — namentlich Entscheidungsmacht, Arbeitsteilung und Kultur.
Der zweite, und er ist der folgenreichere: Wenn man den Verteilungsbegriff auf nichtmaterielle Güter ausdehnt — auf Macht, Chancen, Selbstachtung —, dann werden diese behandelt, „as though they were static things, instead of a function of social relations and processes“.
Man lese diesen Satz mit der Rucksack-Metapher im Ohr. Young beschreibt 1990 exakt den Fehler, den die Privilegienbuchhaltung des folgenden Jahrzehnts begehen wird: die Verwandlung eines Verhältnisses in ein Ding, das man hat.
Ihr eigener Vorschlag ist keine Ersatztheorie, sondern eine Verschiebung: weg von Menschen als „possessors and consumers of goods“, hin zu Handlung, Entscheidung und der Bereitstellung der Mittel, Fähigkeiten zu entwickeln und auszuüben. Herrschaft und Unterdrückung, nicht Verteilung, sollen der Ausgangspunkt sein.
Die fünf Gesichter — und was an ihnen strukturell ist
Youngs bekannteste Unterscheidung — Ausbeutung, Marginalisierung, Machtlosigkeit, kultureller Imperialismus, Gewalt — wird meist als Typologie referiert. Sie ist etwas anderes: der Versuch, den Streit darüber zu beenden, wessen Unterdrückung grundlegender sei. Young hält ausdrücklich fest, solche Streitigkeiten seien „fruitless“ und keine der Formen lasse sich als die eigentliche auszeichnen.
Entscheidend ist ihr Strukturbegriff, und er ist scharf gefasst:
Oppression in this sense is structural, rather than the result of a few people’s choices or policies. Its causes are embedded in unquestioned norms, habits, and symbols, in the assumptions underlying institutional rules and the collective consequences of following those rules.
Unterdrückung bezeichnet danach das Unrecht, das Menschen erleiden „not because a tyrannical power coerces them, but because of the everyday practices of a well-intentioned liberal society“ — und daraus folgt der Satz, der die spätere Praxis am schärfsten trifft: “The systemic character of oppression implies that an oppressed group need not have a correlate oppressing group.“
Wo es keine korrelierende Unterdrückergruppe geben muss, ist die Suche nach ihr ein Missverständnis. Und wo die Ursachen in unbefragten Normen und Gewohnheiten stecken, hilft es nicht, „die Herrschenden loszuwerden oder ein paar neue Gesetze zu machen“.
Bemerkenswert ist auch, was Young ausdrücklich nicht aufgibt: den Klassenbegriff. Sie weist die Behauptung zurück, das Ausbeutungsmodell erfasse die Gegenwartsgesellschaft nicht mehr — „It remains the case that the labor of most people in the society augments the power of relatively few.“[1]
Was der Vorschlag offenlässt
Youngs Kritik am distributiven Paradigma ist triftig. Ihr Gegenvorschlag ist es weniger, und der Grund verdient Aufmerksamkeit, weil er über sie hinausweist.
“Herrschaft und Unterdrückung“ sind selbst Abstraktionen. Sie sagen, dass jemand beherrscht wird, nicht wer wen wodurch beherrscht und wozu. Dasselbe gilt für die ganze Wortfamilie, die in diesen Jahrzehnten die Sprache der Kritik prägt: Eliten, herrschende Klassen, Privilegierte und Unterprivilegierte, Macht. Alle diese Ausdrücke benennen ein Gefälle und verschweigen, was es hervorbringt. Als Ausgangspunkt einer Analyse taugen sie deshalb nur, wenn gesagt wird, womit sie zu füllen sind.
Young füllt sie nicht. Ihre fünf Gesichter sind eine Typologie der Erscheinungsformen, keine Erklärung — sie ordnet, was vorkommt, und leitet nicht ab, warum es vorkommt. Und ihre ehrlichste Bestimmung ist zugleich die folgenreichste Lücke: Wenn eine unterdrückte Gruppe keine korrelierende Unterdrückergruppe haben muss, dann lässt sich nicht mehr angeben, wem die Unterdrückung nützt — und damit auch nicht, warum sie fortbesteht.
Der Vergleich mit Du Bois macht den Unterschied sichtbar. Bei ihm hat das Privileg einen Zahlenden, einen Zweck und eine messbare Wirkung: Es wird ausgezahlt, um die Beherrschten zu spalten, und es drückt den Lohn beider Gruppen. Das ist gefüllte Abstraktion — man kann sie prüfen, widerlegen und in ihrer Reichweite bestimmen. Youngs Struktur dagegen ist eine, die niemandem gehört und niemandem dient. Sie ist deshalb gegen Einwände so gut geschützt wie gegen Bestätigung.
Dieselbe Schwierigkeit hat der Machtbegriff, den Foucault im Hintergrund dieser ganzen Debatte bereitstellt und den Kap. 18.2 behandelt: Macht als allgegenwärtiges, dezentrales, produktives Beziehungsgeflecht. Der Gewinn ist real — Macht wirkt tatsächlich auch dort, wo niemand befiehlt. Der Preis ist derselbe: Wo Macht überall ist und keinem bestimmbaren Zweck dient, lässt sich nicht mehr sagen, warum die Hierarchie so aussieht, wie sie aussieht.
Und genau hier liegt die Öffnung, durch die die spätere Praxis eintrat. Eine Struktur ohne Nutznießer lässt die Frage nach dem Nutznießer nicht verschwinden — die Frage bleibt, und sie sucht sich eine Antwort. Wenn die Theorie keine anbietet, findet die Praxis eine bei den Einzelnen: Wer keinen Zahlenden benennen kann, hält sich an die Empfänger. Die Verwandlung der Strukturanalyse in eine Buchhaltung individueller Privilegien ist deshalb nicht nur eine Vergröberung, sondern die Ausfüllung einer Leerstelle, die die Theorie selbst offengelassen hatte.
Iris Marion Young: Justice and the Politics of Difference, Princeton: Princeton University Press, 1990, Kap. 1 und 2. Die Marx-Stelle im Motto: Kritik des Gothaer Programms, MEW 19, S. 22. ↩︎