Küngs Biographie als philosophisches Problem
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Hans Küng, 1928 in Sursee (Schweiz) geboren und 2021 in Tübingen gestorben, war katholischer Theologe und einer der einflussreichsten religiösen Denker des 20. Jahrhunderts. Sein Leben verkörpert eine Spannung, die philosophisch bedeutsam ist.
1979 entzog ihm die Kirche die Lehrerlaubnis. Er hatte das Unfehlbarkeitsdogma des Papstes kritisiert und damit eine Grenze überschritten, die die Institution nicht tolerieren konnte. Aber Küng blieb katholischer Priester und behielt seinen staatlichen Lehrstuhl in Tübingen. Er war nun ein Theologe ohne kirchliche Autorisierung - jemand, der zur Kirche gehörte und doch von ihr ausgeschlossen war.
Diese Spannung ist mehr als biografische Anekdote. Sie verkörpert das Problem von Wahrheit und Autorität. Die Kirche beanspruchte, die Wahrheit durch Autorität zu garantieren: Was der Papst ex cathedra verkündet, ist wahr, weil er es verkündet. Küng hingegen bestand darauf, dass die Wahrheit der Autorität vorausgeht: Nicht die Institution macht Aussagen wahr, sondern die Übereinstimmung mit der Sache. Wenn die Institution sich irrt, muss die Wahrheit gegen die Autorität durchgesetzt werden.
Hier zeigt sich eine Parallele zu Hegels Verhältnis zur orthodoxen Religion. Auch Hegel unterschied zwischen dem Kern (der philosophischen Wahrheit, die in der Religion bildhaft ausgedrückt wird) und der Form (den dogmatischen und institutionellen Einkleidungen). Die Religion enthält Wahrheit - aber diese Wahrheit muss philosophisch expliziert werden, um von ihren zeitbedingten Verzerrungen befreit zu werden. Küng praktiziert strukturell dasselbe: Er befreit den Kern des Christentums (Anerkennung, Liebe, Versöhnung) von der institutionellen Form (Unfehlbarkeitsdogma, Hierarchie, Dogmatismus).