Die Methode: Von innen verstehen

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Küngs methodischer Ansatz unterscheidet sich fundamental vom klassischen Universalismus der Aufklärung. Die Aufklärung versuchte, universale Prinzipien durch reine Vernunft zu gewinnen - unabhängig von allen kulturellen Traditionen. Kant stellte sich den „Menschen überhaupt“ vor, der von allen Besonderheiten abstrahiert. Das Ergebnis war ein Universalismus, der faktisch europäisch geprägt war, aber beanspruchte, kulturlos zu sein.

Küng geht den umgekehrten Weg. Er beginnt nicht bei der abstrakten Vernunft, sondern bei den konkreten Traditionen. Er studiert jede Religion von innen: Was sind ihre besten Einsichten? Was lehrt sie über das gute Leben? Welche ethischen Prinzipien hat sie entwickelt? Erst nachdem jede Tradition in ihrer Eigenart verstanden ist, fragt er: Was haben sie gemeinsam?

Diese Methode hat vier Momente. Erstens gilt es, jede Tradition von innen zu verstehen, nicht von außen zu beurteilen. Das bedeutet: nicht westliche Kategorien auf östliche Religionen anzuwenden, nicht christliche Maßstäbe an den Islam zu legen, nicht säkulare Kriterien auf religiöse Traditionen zu übertragen. Jede Tradition wird zunächst nach ihren eigenen Maßstäben gewürdigt.

Zweitens soll das Beste jeder Tradition herausgearbeitet werden. Jede Religion hat ihre Höhepunkte und ihre Tiefpunkte, ihre größten Einsichten und ihre schlimmsten Verirrungen. Es wäre unfair, eine Religion nach ihren Tiefpunkten zu beurteilen und eine andere nach ihren Höhepunkten. Küng praktiziert hier, was wir die Steelman-Methode nennen: jede Position in ihrer stärksten Form darstellen.

Drittens gilt es, Gemeinsames zu finden, aber nicht durch Nivellierung. Das Ziel ist nicht der kleinste gemeinsame Nenner - das wäre zu wenig, um praktisch relevant zu sein. Das Ziel ist vielmehr die reichste gemeinsame Substanz: Was teilen alle Traditionen, wenn man sie in ihrer Tiefe versteht?

Viertens werden Differenzen anerkannt als produktive Spannungen, nicht als Relativismus. Nicht alle Religionen sagen dasselbe. Es gibt echte Unterschiede - in der Gottesvorstellung, in der Anthropologie, in den rituellen Praktiken. Diese Unterschiede verschwinden nicht, aber sie müssen nicht zur Feindschaft führen. Sie können als verschiedene Perspektiven auf dieselbe Wirklichkeit verstanden werden.

Die dialektische Struktur dieses Ansatzes entspricht Hegels Konzept der Vermittlung. Das Allgemeine (die universalen Strukturen) realisiert sich nur im Besonderen (den kulturellen Traditionen), nicht gegen es. Es gibt keine abstrakte Universalität, die über den Kulturen schwebt - es gibt nur die konkrete Universalität, die sich in jeder Kultur auf ihre Weise manifestiert.