Die vier Grundforderungen

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

1993 verabschiedete das Parlament der Weltreligionen in Chicago eine „Erklärung zum Weltethos“, die Küng maßgeblich formuliert hatte. Über 6.000 Teilnehmer aus fast allen Weltreligionen - Christen, Juden, Muslime, Hindus, Buddhisten, Sikhs, Bahai, Konfuzianer, Daoisten, Schintoisten, Anhänger indigener Religionen - stimmten einem Text zu, der vier Grundforderungen benennt.

Die erste Forderung lautet: Gewaltlosigkeit und Ehrfurcht vor allem Leben. Im Hinduismus heißt das Prinzip Ahimsa - Nicht-Verletzen. Es ist so zentral, dass es den gesamten Lebensstil prägt: Vegetarismus, Respekt vor Tieren, Vermeidung von Gewalt auch im Denken und Sprechen. Im Buddhismus ist das Verbot, Lebewesen zu töten, das erste der fünf Grundgebote, das jeder Buddhist auf sich nimmt. Im Judentum verbietet das fünfte der Zehn Gebote das Töten. Im Christentum preist Jesus in der Bergpredigt die Friedensstifter selig. Im Islam lehrt der Koran: „Wer einen Menschen tötet, tötet gleichsam die ganze Menschheit“ (Sure 5:32). Im Konfuzianismus steht Ren, die Mitmenschlichkeit, im Zentrum aller Tugenden.

Die systematische Pointe: Leben ist Selbstzweck, nicht bloßes Mittel. Diese Einsicht findet sich in allen Traditionen, auch wenn die Begründungen variieren. Für den Hinduismus ist alles Leben Manifestation des Göttlichen; für den Buddhismus ist alles Leben leidensfähig und daher schutzwürdig; für die abrahamitischen Religionen ist das Leben Geschenk Gottes und daher heilig. Die Formulierungen unterscheiden sich, die Struktur ist dieselbe: Das Leben hat einen Wert, der nicht instrumentalisiert werden darf.

Die zweite Forderung betrifft Solidarität und gerechte Wirtschaftsordnung. Alle Traditionen kritisieren Habgier, Ausbeutung und Ungerechtigkeit. Im Judentum gibt es das Sabbatjahr, in dem Schulden erlassen werden, und das Jobeljahr, in dem Land an seine ursprünglichen Besitzer zurückfällt. Im Christentum warnt Jesus eindringlich vor dem Reichtum und fordert Teilen mit den Armen. Im Islam ist die Zakat, die Pflichtabgabe für Bedürftige, eine der fünf Säulen. Im Buddhismus ist rechter Lebenserwerb Teil des Achtfachen Pfades. Im Konfuzianismus gehört die Sorge für das Volk zu den Pflichten des Herrschers.

Die systematische Pointe: Menschen sind Selbstzwecke, nicht Mittel für Profit. Wirtschaft soll dem Leben dienen, nicht das Leben der Wirtschaft. Auch hier variieren die Begründungen, aber die Struktur konvergiert: Der Mensch darf nicht auf seine ökonomische Funktion reduziert werden.

Die dritte Forderung zielt auf Toleranz und Leben in Wahrhaftigkeit. Das Verbot der Lüge findet sich in allen Traditionen: im Dekalog des Judentums, in der buddhistischen rechten Rede, im islamischen Gebot der Aufrichtigkeit, in der konfuzianischen Tugend der Wahrhaftigkeit. Dahinter steht eine tiefere Einsicht: Gemeinschaft ist nur möglich, wo Vertrauen herrscht. Und Vertrauen setzt voraus, dass Menschen sagen, was sie meinen, und tun, was sie sagen.

Die systematische Pointe: Wahrheit ist Bedingung von Anerkennung. Wer lügt, behandelt den Anderen nicht als Subjekt, dem die Wahrheit zusteht, sondern als Objekt, das manipuliert werden kann. Die Lüge verletzt die Würde dessen, der belogen wird.

Die vierte Forderung fordert Gleichberechtigung und Partnerschaft von Mann und Frau. Hier ist Küng am progressivsten - denn faktisch haben viele Traditionen patriarchale Strukturen entwickelt. Aber er argumentiert: In ihrem Kern anerkennen alle Traditionen die Würde aller Menschen, unabhängig vom Geschlecht. Die patriarchalen Verzerrungen sind Abweichungen vom eigenen Ideal, nicht Ausdruck des Ideals selbst. Die Befreiung der Frau ist daher nicht Verrat an der Tradition, sondern Rückkehr zu ihrem authentischen Kern.

Die systematische Pointe: Anerkennung ist universal, nicht geschlechtsspezifisch. Wenn alle Menschen Träger von Würde sind, dann alle - nicht nur die Hälfte.